MAINSTOCKHEIM/DEN HAAG

Zum Tribunal der Monsanto-Gegner

Wenn in Den Haag das Monsanto-Tribunal stattfindet, reisen auch Gentechnik-Gegner aus dem Kreis Kitzingen an: Barbara und Martin Keller kämpfen gegen Gift auf dem Teller.
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Kampfzeit: Wie hier in Düllstadt machten Genmais-Gegner 2008 mit Mahnwachen gegen Genmais mobil. Aus Protest gegen die Gefährdung der gentechnikfreien Landwirtschaft wurde das Aktionsbündnis „Gentechnikfreier Landkreis Kitzingen“ gegründet. Foto: Archiv-Foto: Robert Haass
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Der US-Konzern Monsanto ist weltweit ein Symbol für industrielle Landwirtschaft: eine Produktionsform, die durch den massiven Einsatz von Chemikalien die Umwelt verpestet, den Verlust der biologischen Vielfalt beschleunigt und zur globalen Erwärmung beiträgt, sagen Kritiker – und machen jetzt mobil: Vom 14. bis 16. Oktober wird in Den Haag das sogenannte Monsanto Tribunal stattfinden, das von Organisationen wie Greenpeace, Slowfood und Friends of the Earth unterstützt wird.

Mit dabei sind Barbara und Martin Keller aus Mainstockheim (Lkr. Kitzingen). Das Ehepaar, das das Iphöfer Saatgut-Festival ins Leben gerufen hat und im Gentechnikwiderstand aktiv ist, leitet seit 2010 das Projekt „open house“, eine Projektwerkstatt für nachhaltige Lebensentwürfe samt Samenbank, um die Kulturpflanzenvielfalt zu erhalten.

Frage: Wie kamen Sie zu der Einladung nach Den Haag?

Martin Keller: Die indische Umweltaktivistin Vandana Shiva ist Initiatorin des Monsanto Tribunals, und wir wurden von ihr gebeten, einen Beitrag zu leisten. Nachdem sie schon zweimal unserer Einladung nach Kitzingen gefolgt ist und uns unterstützt hat, ist die Teilnahme eine große Ehre für uns.

Was versprechen Sie sich von dem Tribunal?

Keller: Eine Reform des internationalen Strafrechts ist das übergeordnete Ziel des Verfahrens. Dafür wurden fünf international bekannte Richter, 30 Zeugen und Experten aus fünf Kontinenten eingeladen. Aufgabe des Monsanto-Tribunals ist es, die Vorwürfe zu bündeln und Schäden zu untersuchen, zu bewerten und ein Rechtsgutachten zu erstellen. Vergehen gegen die Umwelt – Ökozid – sollen ins internationale Strafrecht als Verbrechen aufgenommen werden, damit natürliche und juristische Personen, die verdächtigt werden, Ökozid begangen zu haben – wie beispielsweise Monsanto – auch dafür angeklagt werden können. Denn bis jetzt haben Opfer dieser Praktiken keine reelle Möglichkeit, ihr Recht zu erlangen.

Warum ist Monsanto ein rotes Tuch für Sie?

Keller: Ich habe ganz persönliche Erfahrungen mit Monsanto, wie viele Kitzinger, wir waren vor einigen Jahren die Schlüsselregion für die Einführung der Gentechnik in Deutschland. Über diese persönliche Erfahrung hinaus ist aber auch klar: Monsanto hat eine lange Tradition, Stoffe als Pflanzenschutz- und Kampfmittel zu verkaufen, die Mensch, Natur, Böden und Grundwasser vergiften.

Macht uns Monsanto krank?

Keller: Viele Menschen leiden unglaublich unter den Geschäftspraktiken und Pestiziden von Monsanto. Ganze Dörfer werden vergiftet, Kinder kommen verkrüppelt zur Welt, ohne dass Monsanto und ähnliche Firmen zur Rechenschaft gezogen werden. Und wenn ich daran denke, als bei uns Genmais angebaut wurde, wurde das menschliche Miteinander in den Gemeinschaften vergiftet. Bis in die Familien ging der Streit, obwohl sich die Menschen doch nur ein Leben ohne Gift gewünscht haben.

Was passiert noch alles bei dem Tribunal?

Keller: In unmittelbarer Nähe haben die Organisatoren des Tribunals zum ,People?s Assembly' eingeladen. Dort treffen sich Initiativen aus der ganzen Welt, um von ihrer Arbeit für eine menschengerechtere Landwirtschaft zu berichten, sich auszutauschen und Strategien für eine umwelt- und menschenfreundliche Landwirtschaft zu entwickeln.

Bitte ergänzen: Monsanto ist für mich . . .

Keller: . . . ein Global Player, der vom Gift verkaufen lebt und das in Kriegs- und Friedenszeiten.

Wie groß sind Ihrer Meinung nach die Schäden an Mensch und Umwelt?

Keller: Immens. Monsanto fördert ein Modell von Industrielandwirtschaft, das weltweit mindestens ein Drittel der menschengemachten Treibhausgasemissionen verursacht. Die industrielle Landwirtschaft ist zu einem großen Teil verantwortlich für die Abnahme von Bodenfruchtbarkeit und Grundwasserreserven, für Verlust der Vielfalt und Artensterben sowie weltweit für die Verdrängung von Millionen von Kleinbauern. Mit der Patentierung von Lebewesen und Saatgut bedroht dieses Modell die Ernährungssouveränität und -Sicherheit von uns allen.

Glauben Sie, dass die Firma wirklich eines Tages vor Gericht landet?

Keller: Das Monsanto Tribunal stellt die Weichen dafür und ja, denn die industrielle Landwirtschaft wird uns in eine Abhängigkeit führen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Wer das Saatgut besitzt, der entscheidet darüber, wer wie viel und was essen kann. Wenn wir uns also nicht rechtzeitig wehren, werden wir nicht mehr von unserem Staat regiert sondern von multinationalen Konzernen wie Monsanto oder Bayer.

Bayer hat kürzlich Monsanto gekauft – müssten Sie jetzt nicht gegen Bayer demonstrieren?

Keller: Das passiert bereits. Die Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) ist weltweit einmalig. Seit über 30 Jahren kontrolliert sie einen der mächtigsten Konzerne und kämpft für Umweltschutz und sichere Arbeitsplätze. Auch CBG gehört zu den Unterstützern des Tribunals. Außerdem gibt es den ,March against Monsanto' bisher in Düsseldorf. Für nächstes Jahr ist er als ,Marsch gegen Bayer' in Leverkusen geplant und die CGB hat die Bayer-Hauptversammlung 2017 in den Fokus für Aktionen genommen. Aber beim Monsanto Tribunal geht es nicht nur um Monsanto. Es soll grundsätzlich der Weg geebnet werden für ein Verfahren am Internationalen Gerichtshof gegen die Verbrechen solcher Unternehmen. Bayer hat seinen Sitz in Deutschland – wir haben noch große Aufgaben vor uns.

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