Dettelbach

Ziemlich beste Freunde

Flüchtlinge und Helferin: Eva-Maria Stöcklein engagiert sich in der Flüchtlingsunterkunft in Dettelbach. Dort lernt sie Ahmad Kurdi und Nawras Abouzedan kennen. Sie werden Freunde.
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Ein Selfie auf die Freundschaft: Eva-Maria Stöcklein mit den Syrern Nawras Abouzedan (links) und Ahmad Kurdi. Foto: Foto: THERESA MÜLLER

Ahmad Kurdi steht im Treppenhaus vor seiner Wohnungstür. Zur Begrüßung streckt er die Hand entgegen und lächelt. Er wirkt zurückhaltend und bittet in seine Wohnung. Im Würzburger Stadtteil Grombühl wohnt Ahmad Kurdi erst seit einem Monat.

Im Wohnzimmer ist für das Abendessen auf dem Boden gedeckt, wie es in arabischen Ländern üblich ist. Es gibt Bulgur mit Joghurt und grünen Salat.

Neben Ahmad Kurdi sitzt Eva-Maria Stöck-lein, daneben Nawras Abouzedan. Es wird viel geredet und gelacht, die Stimmung ist sehr herzlich. So, wie es bei guten Freunden ist, die sich abends treffen und zusammen essen und trinken. Doch die Umstände, die zu dieser Freundschaft führten, sind weniger erfreulich.

Im November 2014 kommen Ahmad Kurdi und Nawras Abouzedan in Dettelbach in die Flüchtlingsunterkunft. Der Weg, den sie bis dahin hinter sich gebracht haben, war lang und schwierig.

Ahmad Kurdi ist Syrer und lebte in Damaskus. Dort hat er seit einigen Jahren als Bäcker gearbeitet. Heute ist er 31 Jahre alt. Einen Monat war er unterwegs. Von Syrien ging es erst in den Libanon, dann nach Algerien und schließlich nach Libyen. Von dort aus führte die Reise mit dem Boot nach Italien und dann nach Deutschland.

Nawras Abouzedan ist 35 Jahre alt und stammt auch aus Syrien, aus der Stadt as-Saweida, die im Süden des Landes liegt. Er gehört der religiösen Minderheit der Drusen an, die für den IS als Ungläubige gelten. Von Libyen aus, wo er als Fliesenleger immer wieder für ein paar Monate gearbeitet hat, ist er mit vielen anderen Flüchtlingen über das Mittelmeer geschippert. „Wir waren 20 Stunden auf dem Meer“, sagt er. Dann kam die Küstenwache mit Helikoptern, um die Flüchtlinge an Land zu bringen. Mit einem Schleuser und weiteren Flüchtlingen fuhr er nach Hamburg.

Zwei Monate später landet Nawras Abouzedan in Dettelbach. Dort lernt die 29-jährige Eva-Maria Stöcklein die beiden Syrer vor etwa einem Jahr kennen. Die gelernte Speditionskauffrau aus Dettelbach ist schon seit mehreren Jahren in verschiedenen sozialen Bereichen aktiv. Wichtig sei ihr vor allem das Zwischenmenschliche und diejenigen zu unterstützen, die es nötig haben. „Ich war schon länger im Asylkreis in Würzburg tätig, seit fünf Jahren auch in Unterkünften. Da gab es noch keine Flüchtlinge in Dettelbach“, sagt Eva-Maria Stöcklein. Als Freiwillige meldete sie sich bei der Stadt Würzburg. Als sie von der Unterkunft in Dettelbach erfährt, wechselt sie.

Sie hat Ahmad Kurdi und Nawras Abouzedan bei Behördengängen geholfen und ging mit ihnen zum Jobcenter. Sie hat sich auch um andere Flüchtlinge gekümmert, aber zu Ahmad Kurdi und Nawras Abouzedan entwickelte sich eine besondere Beziehung. Sie verstehen sich gut, doch durch den kulturellen Unterschied kam es anfangs zu einem Missverständnis. „Als wir uns unterhielten, habe ich aus Höflichkeit gefragt, wie es ihren Familien geht“, sagt Eva-Maria Stöcklein. „Bei uns macht man das ja so, aber in Syrien sieht man das nicht so gerne“, weiß sie jetzt.

Neben ihrem sozialen Engagement besucht die dreifache Mutter täglich eine Dolmetscherschule um später als Fremdsprachenkorrespondentin zu arbeiten. Dass sie all das zeitlich schafft, hat sie nur ihrem Ehemann zu verdanken, sagt sie. „Ohne ihn wäre das nicht möglich. Er unterstützt mich, wo er kann“, ist Eva-Maria Stöcklein dankbar.

Zweimal die Woche trifft sie sich mit den beiden Syrern. „Anfangs war es wirklich schwierig. Sie können beide kein Englisch“, sagt sie. Sie habe immer versucht, mit ihnen Deutsch zu reden. Und sie hat sich bemüht, dass Ahmad Kurdi und Nawras Abouzedan von Anfang an selbstständig handeln. „Ich habe ihnen immer weniger und weniger abgenommen, aber alles können sie natürlich nicht alleine machen. Ich habe Ahmad bei der Wohnungssuche geholfen und lese die Behördenbriefe. Dieses Beamtendeutsch verstehen sie doch nicht“, sagt Eva-Maria Stöcklein.

Sie unternimmt viel mit den beiden Syrern. Sie geht mit ihnen zum Fasching nach Dettelbach, ins Fußballstadion nach Hoffenheim, um den Hamburger SV zu unterstützen, und sie kochen gemeinsam. Im Sommer sehen sie sich fast täglich. Ahmad Kurdi und Nawras Abouzedan lernen die Familie ihrer Flüchtlingshelferin kennen. Als schließlich die Deutschkenntnisse immer besser werden, entsteht nach einigen Monaten eine Vertrauensbasis.

Und eine innige Freundschaft. Im März erhält Ahmad Kurdi seine Anerkennung, bei Nawras Abouzedan dauert es etwas länger. Nach der Anerkennung haben sich beide im Jobcenter für einen Deutschkurs angemeldet. Die ersten Termine waren nicht leicht. „Wegen der Sprachbarrieren haben Ahmad und ich uns nicht verstanden “, sagt Eva-Maria Stöcklein. „Einmal war Ahmad nicht dabei. Ich habe für ihn den Anmeldebogen ausgefüllt. Ich wusste ja von seiner Vorgeschichte und wollte auch nur das Beste für ihn. Er hat unterschrieben, ohne irgendwas verstanden zu haben“, sagt sie. Ahmad Kurdi hat nun den Test geschrieben und wartet auf das Ergebnis. Mit einem Lachen erzählt sie, dass Ahmad Kurdi immer sage, er warte auf seine „Nutte“.

Und meint eigentlich seine „Note“. Alle lachen. Ahmad Kurdi schaut beschämt auf den Boden und grinst. Sobald er den Test bestanden hat, möchte er sich Arbeit suchen. Am liebsten jedoch würde er eine Ausbildung zum Bäcker absolvieren, denn in Syrien hat er das Handwerk ja schon kennengelernt.

Und dann? „Wenn ich hier Arbeit habe und ein gutes Leben, dann weiß ich nicht, ob ich alles aufgeben würde, um nach Syrien zurückzugehen“, sagt Ahmad Kurdi. Man könne nicht sagen, was in drei, vier oder zehn Jahren sei. Wichtiger für ihn sei, dass seine Familie auch nach Deutschland komme. Die Lage sei aber momentan sehr schwierig.

Nawras Abouzedan denke weniger daran nach Syrien zurückzugehen. Seine Frau und seine zweijährige Tochter leben noch in as-Saweida. Er mache sich große Sorgen, denn es werde immer gefährlicher. Der 35-Jährige holt sein Smartphone aus der Hosentasche und zeigt Fotos aus as-Saweida. Man sieht viel Schutt, zerstörte Gebäude und Autos. Vor einem Krankenhaus hat sich vermutlich ein Selbstmordattentäter des IS in die Luft gesprengt. Dabei sollen fünf Menschen ums Leben gekommen sein. „Ich bin oft deprimiert wegen meiner Frau und Tochter.

Ich wohne hier, habe keine Probleme und viele neue Freunde“, sagt Nawras Abouzedan mit gebrochener Stimme. Er weine oft und habe schlaflose Nächte. Seine Tochter sei jetzt zwei Jahre alt. „Sie fängt an zu sprechen, und ich bin nicht dabei. Das macht mich sehr traurig“, sagt er.

Seit fast zwei Jahren hat er die beiden nicht mehr gesehen. Eva-Maria Stöcklein hilft wo sie kann. Bei mehreren Botschaften hat sie angerufen. Immer und immer wieder. „Die arbeiten viel, aber können doch gar nicht so schnell arbeiten, wenn so viele Menschen nachziehen wollen“, sagt sie. Die Vertretung für die Syrer machen nur die Libanesen und Türken. Die anderen Botschaften helfen nicht. Niemand habe damit gerechnet, dass es so lange dauern würde. Man sei völlig hilflos. Per Whats App hat Eva-Maria Stöcklein Kontakt zu Nawras Abouzedans Ehefrau. „Letztes Jahr an Weihnachten habe ich ihr gesagt, dass wir nächstes Jahr zusammen Weihnachten feiern. Es werde das letzte mal sein, dass sie alleine feiert“, sagte sie. Doch daraus wurde nichts.

Nawras Abouzedan hat keine andere Wahl als zu warten. Er übersteht diese Zeit nur, weil er in Eva-Maria Stöcklein und Ahmad Kurdi sehr gute Freunde gefunden hat. Dafür sind beide Syrer sehr dankbar. Diese Dankbarkeit wollen sie zurückgeben. Ahmad Kurdi engagiert sich in einer Gruppe, die Eva-Maria Stöcklein zusammen mit anderen Helfern gegründet hat. Täglich steigen am Hauptbahnhof in Würzburg Flüchtlinge um, die weiter fahren. „Wir helfen ihnen beim Umsteigen und geben ihnen etwas zu essen, Mützen und Schals“, sagt sie. Ahmad Kurdi unterstützt die Gruppen als Dolmetscher. Nawras Abouzedan ist noch nicht so weit wie Ahmad Kurdi. Erst muss er den Deutschkurs in Kitzingen zu Ende bringen. Dann kann auch er helfen.

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