KITZINGEN

Ziel: Ein Leben im Einklang

Serie 2040: Wie sich zwei junge Landwirte auf die Zukunft vorbereiten.
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Der eine konzentriert sich auf Sonderkulturen, der andere darauf, dass es seinen Tieren gut geht. Jochen Neubert zeigt seinem Kollegen Michael Nagler seine Heidelbeer-Anlage. Foto: Foto: Ralf Dieter
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Sie werden Verantwortung tragen. Für sich, für ihre Böden, für ihre Pflanzen und Tiere. Jochen Neubert und Michael Nagler kommen aus Landwirtschaftsfamilien und wollen auch in der Zukunft mit der Landwirtschaft Geld verdienen. Wenngleich sie wissen: Es wird nicht leicht.

Wie stellen Sie sich das Leben als Landwirt im Jahr 2040 vor?

Jochen Neubert: Es wird sicher nicht einfacher, als Landwirt zu arbeiten. Schon jetzt verbringen wir mehr Zeit im Büro als auf den Feldern.

Nagler: Der Strukturwandel wird voranschreiten und es wird immer mehr neue Gesetze geben und die Auflagen werden nicht weniger.

Hören deshalb viele Landwirte auf und suchen sich eine andere Beschäftigung?

Neubert: Ich kenne tatsächlich viele Kollegen, die zwischen 50 und 60 Jahre alt sind und sagen, dass es keinen Spaß mehr macht. Die Bürokratie macht sie fertig.

Nagler: Gleichzeitig schreitet die Technik voran. Die Digitalisierung vereinfacht vieles. Es gibt Melkroboter, die per Handy gesteuert werden. Weitere Apps, zum Beispiel in der Rinderhaltung, werden uns die Arbeit erleichtern.

Wird die Digitalisierung Ihren Beruf von Grund auf verändern?

Neubert: Von Grund auf nicht. Aber es wird einschneidende Veränderungen geben. Vielleicht Miniroboter, die Unkraut erkennen und rauszupfen. Oder Maschinen, die den Pflanzenschutz optimieren. Das alles wäre natürlich eine Arbeitserleichterung für uns Landwirte.

Der Strukturwandel wird dennoch fortschreiten?

Nagler: Davon bin ich überzeugt. In zehn Jahren werden viele der heute kleinen Betriebe geschlossen sein. Kommt ein gesetzliches Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung hinzu, wird dieser Prozess bei uns Milchviehbetrieben noch beschleunigt.

Landwirt als aussterbender Beruf?

Nagler: Nein, auf keinen Fall.

Neubert: Landwirte wird es immer geben.

Nagler: Aber in Zukunft weniger. Und es wird schwieriger, mit jetzigen Tierbeständen in Zukunft eine Familie zu ernähren. Damit verändern sich die Ortsbilder weiter. Schon jetzt gibt es, zum Beispiel in unserer Gemeinde, nur noch einen Milchviehhalter.

Alles wegen der Bürokratie?

Nagler: Nicht nur, das hat natürlich auch etwas mit den Arbeitszeiten zu tun. Möchten Sie, dass der Wecker bei Ihnen jeden Morgen um 6 Uhr früh klingelt? Auch an den Feiertagen und an jedem Sonntag? Man braucht für diesen Job eine Partnerin mit sehr viel Verständnis. Am besten leben zwei Generationen auf dem Hof und teilen sich die Arbeit.

Neubert: Auch als Landwirt will man ja ab und zu in Urlaub fahren.

Sie konzentrieren sich auf Sonderkulturen. Der Weg in die Zukunft?

Neubert: Für uns auf jeden Fall. Die Direktvermarktung von Spargel, Erdbeeren und Heidelbeeren läuft gut. Wir probieren auch immer wieder Neues aus. Die Verbraucher legen mehr Wert auf Regionalität. Das kommt uns entgegen.

Und der Trend zu Bio?

Neubert: In ein bis zwei Jahren werden wir sicher neue Betriebszweige haben, die sich mit Bioprodukten beschäftigen.

Warum hat die Landwirtschaft in vielen Gesellschaftsbereichen so einen schlechten Ruf?

Nagler: Weil der Bezug zur Landwirtschaft in großen Teilen der Bevölkerung fehlt. Wir müssen den Menschen zeigen, wie wir heutzutage arbeiten.

Neubert: Und ein paar schwarze Schafe zerstören das Ansehen eines ganzen Berufsstandes.

Nagler: Mein Ziel ist es, dass es meinen Tieren gut geht. Im Sommer ermögliche ich den Tieren beispielsweise durch eingestreute Liegeplätze, eine Massagebürste und Wasserdüsen den bestmöglichen Tierkomfort.

Neubert: Ich spritze meine Erdbeeren nur dann, wenn es nicht mehr anders geht, wenn der Ertrag in Gefahr ist.

Das Konsumverhalten der Verbraucher wird sich im Jahr 2040 nicht groß verändert haben?

Nagler: Natürlich gibt es immer mehr Vegetarier und neuerdings auch Veganer. Aber unsere Produkte werden auch in Zukunft hauptsächlich über den Supermarkt verkauft. Da bin ich mir sicher.

Neubert: Wenn der Verbraucher mehr Bio-Erzeugnisse haben will, dann muss er auch für den teureren Produktionsweg bezahlen. Das sehe ich im Moment aber nicht.

Sehen Sie den Klimawandel als große Bedrohung?

Neubert: Eher als große Herausforderung. Die Bewässerung wird gerade bei Sonderkulturen ein drängendes Thema bleiben.

Nagler: Für uns auch, wir müssen mehr Futterflächen vorrätig halten. Ich bin der Meinung, dass wir verstärkt Kooperationen mit Kollegen vom Ackerbau eingehen werden. Organischen Dünger gegen Luzerne im Tausch, sozusagen. Und unsere Milchviehhaltung müssen wir optimieren.

Neubert: Wir wollen uns möglichst breit aufstellen, das Risiko auf verschiedene Standbeine verteilen. Zuckerrüben, Spargel, Erdbeeren, Photovoltaik und im Winter bieten wir bei Schnee und Eis Räumdienste an.

Wie lautet Ihr Wunsch für das Jahr 2040?

Neubert: Ich hoffe, dass die Gesellschaft und die Landwirtschaft im Einklang leben werden.

Nagler: Mein Wunsch und mein Ziel ist es, dass wir von der Landwirtschaft auch dann noch gut leben können. Und dass wir einen zufriedenstellenden Ausgleich zwischen Beruf, Familie und Freizeit hinbekommen.

Neubert: Das hört sich gut an.

Zu den Personen:

Jochen Neubert lebt in Kaltensondheim, hat nach der Mittleren Reife eine Kochlehre absolviert und ist dann doch in die Landwirtschaft eingestiegen. Nach seinem Techniker in Triesdorf ist er in den Familienbetrieb eingestiegen. Die Hofübergabe ist in den nächsten zwei Jahren vorgesehen. Neubert ist 29 Jahre alt.

Michael Nagler lebt in Martinsheim. Nach der Mittleren Reife hat er die dreijährige Ausbildung zum Landwirt absolviert und anschließend ebenfalls seinen Techniker in Triesdorf gemacht, arbeitet seither auf dem elterlichen Betrieb und sammelt in einem Halbtagsjob weitere Erfahrungen. 50 Kühe hat die Familie im Laufstall, dazu Jungvieh. Sie betreibt außerdem Ackerbau. Michael Nagler ist 23 Jahre alt.

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