Würzburg
Asylpolitik

Würzburger Asylbewerber kämpfen für Aufmerksamkeit

In Bayern erklärte sich niemand für zuständig, also marschierten Ali Reza und andere Flüchtlinge vor fünf Wochen von Würzburg nach Berlin, um zu protestieren. Nun scheint die Politik aufmerksam zu werden.
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Foto: Tobias Köpplinger
Foto: Tobias Köpplinger
Letzte Woche war Ali Reza im Bundestag. Aktuelle Stunde, Besuchertribüne, gegenüber der Bundesadler, unten die Abgeordneten. Eine Stunde lang hörte er zu. Hörte wie Linke, Grüne und SPD gegen Residenzpflicht und Lagerhaltung wetterten und wie die Regierungskoalition Residenzpflicht und Lagerhaltung verteidigte. Jetzt sitzt Ali Reza in einem Klappstuhl auf dem Pariser Platz, hinter ihm das Brandenburger Tor und sagt: "Die Regierung hat Scheiße erzählt."

Ali Reza wippt mit den Knien. Die Sonne geht gerade hinter dem Brandenburger Tor unter, taucht die Säulen in goldenes Licht. Die Temperaturen fallen im Schatten schnell, Passanten stellen ihre Mantelkrägen hoch, gehen zügig weiter. Aber die Kälte macht nichts, sagt Ali Reza. Nach 600 Kilometern zu Fuß, Demonstrationen im Dauerregen, bei denen die Polizei Sitzkissen und Regenschirme konfiszierte und Kontrollen mitten in der Nacht, alles halb so schlimm.
Hinter dem 22-Jährigen steht seit wenigen Tagen ein alter Bus, zum Schlafen und Aufwärmen. Ali Reza sagt, dass es ihm besser geht, seit er nicht mehr im Lager lebt. Er meint die Gemeinschaftsunterkunft in Schweinfurt. "Ich fühle mich frei."

Er wollte sich anzünden

Ali Reza ist Afghane. Eigentlich ist er Iraner. Seine Eltern flohen aus Afghanistan in den Iran, da war Ali Reza noch nicht geboren. Als er auf die Welt kam, begannen seine Probleme. Keine Papiere, keine Schule, keine Heimat. "Ich war Gast in Iran", sagt er, lächelt, schaut ins Leere. Haben wollte ihn schon damals keiner. 2007 ging er. Alleine. Auf der Flucht vor Rassismus, auf der Suche nach Normalität. Türkei, Griechenland, Zirndorf, Schweinfurt. Ali Reza sagt, im Iran bekam er keine Sim-Karte für ein Handy, weil er keine Papiere besaß. Ein Motorrad konnte er sich erst kaufen, als er sich einen iranischen Pass auslieh. "Aber das war unsicher." Viel sicherer ist es nicht geworden. "Nach zwei Jahren hier in Deutschland fühlt es sich genauso an".

Sein Status: Paragraf 25, Absatz 3, Aufenthaltsgesetz. Die Bundesrepublik darf Ali Reza nicht abschieben. Ein Jahr lang gilt das, dann wird wieder geprüft. Ali Reza hat Deutsch gelernt, Arbeit gesucht, nichts gefunden. Weil Anträge nicht zugelassen wurden, weil das Gesetz ihm eine Arbeit erschwert. Der 22-Jährige sagt, er habe darüber nachgedacht, sich mit Benzin zu übergießen, anzuzünden. Dann hat er vom Protest der Flüchtlinge gehört: Gegen Residenzpflicht, gegen Abschiebungen, für ein besseres Asylsystem.

Mitte März begannen die Proteste in Würzburg. Kundgebungen, Hungerstreik, zugenähte Lippen. Weil sich in Bayern niemand zuständig fühlte, marschierten die Asylbewerber nach Berlin. Vier Wochen lang, verstießen bewusst gegen die Residenzpflicht, weil sie die ihnen zugeteilten Kreise verließen.

Anfang Oktober kamen sie an, ein Protestcamp liegt im Bezirk Kreuzberg, das andere vor dem Brandenburger Tor. Zwischen Starbucks und Adlon, französischer und amerikanischer Botschaft. Sie haben Banner ausgebreitet, Fotos des Marsches verteilt. Ali Reza verteilt Flugblätter. Aber das ist schwierig. Viele der Touristen, die kommen, lassen sich lieber mit dem Berliner Bären, Sowjetsoldaten und einer Star-Wars-Figur vor dem Tor fotografieren. Die Flüchtlinge passen nicht so richtig ins Bild. Ali Reza sagt, besorgt sei er immer dann, wenn die Leute schlimm schauen. Weil die, die schauen, reden nicht. Schimpfen nur, verstehen nicht. Zum Beispiel, dass auch Ali Reza Rechte hat. "Ich habe keine Schuld daran, dass mein Land kaputt ist", sagt er. Und er sagt, dass die Länder, mit Schuld daran sind, die Waffen verkaufen.

Integrationsbeauftragte kommt
Aber manche Menschen bleiben stehen, informieren sich. Immer wieder kommen Politiker vorbei, mitten in der Stadt sind die Flüchtlinge schwer zu übersehen. Vor ein paar Tagen war Maria Böhmer, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung da. Zusammen mit Dilek Kolat, eine Berliner Abgeordnete. Maria Böhmer soll nach dem Treffen mit den Flüchtlingen vom "bewegendsten Gespräch als Integrationsbeauftragte" gesprochen haben.

Kommenden Donnerstag ist ein weiteres Treffen zwischen Flüchtlingen und Politikern geplant. Per Mail kam die Einladung ins Camp. Tom Koenigs, der Menschenrechtsbeauftragte und die Integrationsbeauftragte Böhmer sollen dabei sein. Außerdem Mitglieder des Innenausschuss des Bundestages. Das sagt Frank Hofmann, der Volkacher sitzt für die SPD im Bundestag und ist stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses. "Das ist schon ein starkes Zeichen, wenn Frau Böhmer dabei ist." Und er sagt, die SPD unterstütze einige Vorschläge der Flüchtlinge: Residenzpflicht abschaffen, Geld statt Sachmittel, andere Formen der Unterbringung. "Es ist zwingend notwendig, dass wir Integration betreiben und Mauern einreisen."

Vielleicht bewegt sich jetzt etwas. Gespräche. Ali Reza und die anderen Flüchtlinge trauen dem Angebot noch nicht. Aber sie hoffen und wollen kämpfen.

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