MÜNSTERSCHWARZACH

Wissen, Macht und Gebet

In Memleben verblüffen eine hochkarätige Benediktiner-Ausstellung und eine unverhoffte Begegnung mit Pater Anselm Grün
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Kloster Memleben
Das Kloster Memleben ist heute ein mystischer Ort und war einst ein Machtzentrum im damaligen Reich der Ottonen.Fotos: Marion Krüger-Hundrup
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Da steht der Besucher nach kilometerlanger Fahrt über Landstraßen mitten in Memleben und fragt sich: Was soll ich hier? Ein Dorf in Sachsen-Anhalt, wo die wenigen schmalen Straßen so merkwürdige Namen haben wie Herzrain und Golle – hier, ausgerechnet hier wurde im Mittelalter Geschichte geschrieben? Die Überraschung versteckt sich hinter hohen Mauern.

Der Blick fällt auf die Reste einer gewaltigen Klosterkirche: Grundmauern und frühgotische Arkaden aus roh behauenen Bruchsteinen, eine romanische Hallenkrypta als architektonisches Kleinod. Von einer Stellwand grüßt ein überdimensionales Porträtfoto von Pater Anselm Grün. Gepflegte Rasenflächen, hohe Lindenbäume, Blumenbeete und ein sorgfältig angelegter Kräutergarten mit Ringelblumen, Galgant und Mädesüß machen diesen stillen Ort zu einem verwunschenen Idyll. Kaum vorstellbar, dass Memleben vor über tausend Jahren ein Machtzentrum von Politik und Kirche war. Ein Mittelpunkt europäischer Kultur- und Zeitgeschichte. Eine der wichtigsten Kaiserpfalzen des Reiches. Das will die Ausstellung verdeutlichen, die den staunenden Besucher mitnimmt auf eine spannende Zeitreise. Und zwar unter dem Titel „Wissen und Macht – der heilige Benedikt und die Ottonen“.

„Die Ausstellung findet deswegen in Memleben statt, weil hier vorbildlich das Thema Macht und Herrschaft auf das Thema Klosterwissen, klösterliche Kultur trifft“, erklärt Andrea Knopik, Kuratorin der Ausstellung und Leiterin des Museums „Kloster und Kaiserpfalz Memleben“. Sie erzählt, dass das Benediktinerkloster Memleben um 979 durch Kaiser Otto II. gestiftet wurde. Und dass es in seiner Blütezeit den Klöstern von Fulda und Reichenau am Bodensee durch päpstliches Diktum gleichgestellt war. Kaiser Otto II. und seine Frau Theophanu aus Byzanz statteten das Kloster mit vielen Privilegien aus. Die Mönche wiederum beteten nicht nur hinter Klostermauern, sondern krempelten als Pioniere in Kutten den Landstrich um – durch ihre neue Form von Landwirtschaft, Ökonomie und Bildung. Bis heute sichtbar haben die Memlebener Benediktiner die Region an Saale und Unstrut gestaltet: Die Weinberge in den sonnigen Lagen, die nördlichsten in Deutschland, sind auf sie zurückzuführen.

Nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung trugen die Münsterschwarzacher Benediktiner-Brüder große Teile zur Revitalisierung dieses Ortes bei. Bis heute sind sie hier regelmäßig präsent.

Rund 80 Prozent der Bewohner von Sachsen-Anhalt sind konfessionslos, etwa 16 Prozent evangelisch. Nur ein geringer Prozentsatz ist katholisch. In einer solch extremen Diaspora eine Ausstellung mit einem zutiefst christlich-katholischen Thema zu zeigen, müsste eigentlich ein Wagnis sein. Doch Gerhard Feige, Bischof von Magdeburg und Schirmherr der Ausstellung, erkennt darin kein Dilemma: „Ich sehe in dieser Ausstellung ein wichtiges Signal für unsere Gesellschaft“, sagt er. Die katholische Kirche verfolge in dieser Region den Leitgedanken, „schöpferische Minderheit zu sein im ökumenischen Geist und in Kooperation mit anderen Partnern in der Gesellschaft“.

Historikerin Andrea Knopik führt durch die Ausstellung der hochkarätigen 60 Exponate in Vitrinen und eigens errichteten Schatzkammern. Auf knapp 400 Quadratmetern im einstigen Klausurtrakt des Klosters entfalten sich 1700 Jahre aus der Sicht verschiedener Protagonisten wie Ordensgründer Benedikt, Mechthild von Magdeburg und der preußische Architekt Karl-Friedrich Schinkel, der sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts für den Erhalt der Klosteranlage einsetzte. Das erste Objekt, auf das der Besucher vom Eingang aus blickt, ist ein Reliquiar, ein Ostensorium (Schaugefäß) aus der Abtei Münsterschwarzach. „Mit der Abtei arbeiten wir schon lange sehr intensiv zusammen und freuen uns, dass wir dieses Objekt bekommen haben, weil in dem Ostensorium tatsächlich Reliquien vom heiligen Benedikt und seiner Schwester, der heiligen Scholastika, enthalten sind.“

Das älteste Exponat ist eine Scheibenfibel mit einem Durchmesser von sieben Zentimetern aus dem 7. Jahrhundert, eine Leihgabe aus dem Stadtmuseum in Erfurt. Diese runde Gewandspange aus Bronze, Messing, Eisen und Silber diente dem Verschluss von Frauenkleidung. Sogar Objekte, die tatsächlich zur Ausstattung des Klosters Memleben gehörten, sind wieder zurückgekehrt – zum Beispiel das 600 Jahre alte, übergroße Beweinungsrelief aus bemaltem Holz mit einem seltenen Bildmotiv sowie ein kleiner, romanischer Schlüssel. In vier klimatisierten Schatzkammern werden seltene Handschriften präsentiert, etwa eine Benediktsregel auf Pergament, datiert nach 799.

Die Reformation besiegelte das Ende von Kloster Memleben. 1551 übereignete der sächsische Kurfürst die Güter an die Landesschule Pforta, die diese bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges landwirtschaftlich nutzte. In der DDR war es „Volkseigenes Gut“ mit Landwirtschaft. Nach 1989 übernahmen die Gemeinde und ein Förderverein die Verantwortung für das historische Erbe. Seit 2008 ist die Stiftung Kloster und Kaiserpfalz Memleben Eigentümerin der Anlage. Die Stiftung sichert die Denkmalpflege und Weiterentwicklung des Areals sowie die Dauerausstellung zur Geschichte des Klosters im Klausurgebäude.

Touristen und Einheimische besuchen diesen Ort aber nicht nur aus kulturellem Interesse. Er rührt zugleich an existenziellen Fragen. Diesen stellen sich regelmäßig Mönche der Abtei Münsterschwarzach. Einer dieser Mönche ist Pater Anselm Grün: „Wir haben mit den Leuten, die sich um Memleben kümmern, Kontakt aufgenommen, schon vor zehn Jahren etwa, und sind eben sehr angetan davon, dass die dort in einer nicht-christlichen Welt diese alte benediktinische Tradition hochhalten.“ So gehen Schüler des Münsterschwarzacher Gymnasiums dort gleichsam eine Woche „Kloster spielen“ mit Gewändern und Schweigen. Und einige Brüder halten immer wieder Chorgebet und laden die Menschen auch ein teilzunehmen.

„Ich selber gehe so alle zwei Jahre hin, um einen Vortrag zu halten“, erzählt Pater Anselm und fügt hinzu: „Für uns ist es wichtig, dass dieses benediktinische Leben dort wieder lebendig wird, dass die Menschen davon angesprochen werden.“

Geschichte und Gegenwart sind in einzigartiger Weise in Memleben verknüpft. Benedikt und die Ottonen sind sich zwar nie persönlich begegnet. Sie hätten aber gewiss ihre Leidenschaft für diesen besonderen Ort geteilt.

INFO: „Wissen und Macht – Der Heilige Benedikt und die Ottonen“ ist bis zum 15. Oktober 2018 täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen im Museum Kloster und Kaiserpfalz Memleben, Thomas-Müntzer-Straße 48, 06642 Kaiserpfalz/OT Memleben (190 Autobahnkilometer nördlich von Coburg). Weitere Infos unter www.kloster-memleben.de

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