GRAFENRHEINFELD

"Wir wollen mehr Sicherheit"

Der Rückbau des Atomkraftwerks in Grafenrheinfeld läuft. Die Gefahr ist nach Ansicht des Bund Naturschutz aber noch lange nicht gebannt.
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Sie gehen für ihre Belange auf die Straße und demonstrieren: Manfred Engelhardt und Edo Günther, die Vorsitzenden des BN in Kitzingen respektive Schweinfurt. Foto: Foto: Engelhardt
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Grafenrheinfeld/Landkreis Kt

Atomkraft? Da war doch was! Um die Atomkraftwerke ist es ruhig geworden. Andere Themen haben die Öffentlichkeit in Beschlag genommen: der Flächenverbrauch, die Wohnungsnot, das Insektensterben. Edo Günther möchte das ändern. Der Sprecher des Bundesarbeitskreises Atomenergie im BUND und Kreisgruppenvorsitzender des Bund Naturschutz in Schweinfurt ist sicher: Die Gefahr ist längst nicht gebannt. Die bestmögliche und sicherste Lagerung von Atommüll ist für ihn eine der drängendsten Zukunftsaufgaben – neben Klima- und Artenschutz.

Sie leben seit mehr als 40 Jahren in Gochsheim. Was ist das für ein Gefühl, die Kühltürme von Grafenrheinfeld immer im Blick zu haben?

Günther: Naja, immer habe ich sie natürlich nicht im Blick. Aber grundsätzlich ist es schon ein ungutes Gefühl zu wissen, dass in fünf Kilometern Entfernung eine große Gefahr für die Umwelt, unsere Lebensgrundlagen und unsere Gesundheit existiert.

Die Gefahr reduziert sich doch nach und nach. Das Rückbauverfahren für Grafenrheinfeld ist beschlossene Sache, die Arbeiten sind längst im Gange.

Günther: Das ändert aber nichts daran, dass Grafenrheinfeld über Jahrzehnte hinaus ein Atomstandort bleiben wird. Das radioaktive Inventar aus dem Betrieb und dem Rückbau des AKW lagert dort.

Die Suche für einen Endlager-Standort soll bis 2031 abgeschlossen sein.

Günther: Die Suche, ja. Bis das Endlager fertig gebaut ist, vergehen weitere Jahrzehnte. Das Zwischenlager in Grafenrheinfeld ist bis ins Jahr 2046 genehmigt. Ich bin mir sicher, dass wir bis weit in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts hoch radioaktives Material in Grafenrheinfeld haben werden.

Wo sollen die Castor-Behälter nach Ihrem Dafürhalten später gelagert werden?

Günther: Dafür gibt es mit dem Standortauswahlgesetz eine gesetzliche Festlegung: Deutschlandweit wird nach dem optimalen Standort für eine tiefengeologische Langzeit- Lagerung gesucht. Ich finde es verantwortungslos, dass sich Bayern bei der Suche nach so einem Standort ausklammert. Das Zeug ist nun mal da, wir können es nicht einfach wegbringen, sondern müssen es möglichst sicher lagern. Das ist aber gar nicht das einzige Problem derzeit in Grafenrheinfeld.

Welche Probleme gibt es noch?

Günther: Wir haben auch schwach- und mittelradioaktiv belastetes Material. Dafür wird derzeit ein neues Atommülllager am Standort gebaut. Daraus ergeben sich zusätzliches Gefährdungspotenzial und eine zusätzliche Strahlenbelastung. Wann dieses Lager geräumt werden kann, ist derzeit völlig offen. Zusätzlich gibt es das Problem des sogenannten frei gemessenen Materials.

Was ist damit?

Günther: Die Strahlenwerte, zum Beispiel bei Stahl und Beton, werden vom Umweltministerium als ungefährlich eingestuft. Diese Stoffe können in den „Wertstoffkreislauf“ übergehen, eine Rückverfolgbarkeit ist nicht mehr möglich.

Und?

Günther: Die Entscheidung orientiert sich an sogenannten Grenz- und Risikowerten, die allerdings politisch festgelegt wurden. Es gibt Langzeitstudien, die zeigen, das jegliche Art von zusätzlicher Strahlung zu Krankheitsbildern führen kann. Wir wissen zum Beispiel, dass die Leukämierate bei Kindern steigt, je näher sie an Atomanlagen leben. Die so genannte KIK-Studie hat das belegt.

Wie ist das in und um Grafenrheinfeld?

Günther: Hier gibt es kein offizielles Krebsregister. Das alles wird geheim gehalten.

Der BN hat eine Klage gegen den Rückbau des AKWs Grafenrheinfeld eingereicht.

Günther: Gegen den Rückbau an und für sich nicht. Aber gegen die Art und Weise. Wir wollen mehr Sicherheit, Sicherung und Transparenz.

Was ist denn unsicher an der Methode?

Günther: Es werden nach wie vor Brennelemente im Nasslager des Sicherheitsbereiches gekühlt. So lange das der Fall ist, darf der Rückbau nicht weiter verfolgt werden.

Warum?

Günther: Stellen Sie sich einen terroristischen Anschlag vor oder einen Flugzeugabsturz. Radioaktive Stoffe würden freigesetzt mit verheerenden Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung. Und das nicht nur in und um Grafenrheinfeld.

Und der Rückbau erhöht so ein Risiko?

Günther: Das Risiko der Freisetzung verheerender atomarer Strahlung besteht solange, bis das radioaktive Inventar geräumt ist. Das ist nicht berücksichtigt worden.

Sehen Sie eine akute Gefahr abseits eines terroristischen Anschlags?

Günther: Das Risiko eines GAUs wie in Tschernobyl ist nicht mehr vorhanden. Aber ein latentes Risiko ist nicht zu leugnen.

Weshalb?

Günther: Weil das atomare Inventar hier und auch anderswo an den Standorten nicht ausreichend gesichert lagert. Nehmen wir ein Beispiel: In Lumin gibt es eine Neubauplanung für ein Lager für hoch radioaktiven Müll. Dort ist eine Wand- und Deckenstärke von 1,80 Meter geplant, in Grafenrheinfeld haben wir eine Wandstärke von 0,85 Metern und eine noch geringere Deckenstärke. Dieser Standort ist bis ins Jahr 2046 als Zwischenlager genehmigt. Also muss die Anlage auch auf den neuesten Stand von Wissenschaft und Technik gebracht werden. Es gilt leider immer noch der alte Grundsatz: Die Atomkraft ist wie ein Flugzeug, das gestartet wurde – ohne jemals eine Landebahn gebaut zu haben.

Die letzten AKWs in Deutschland sollen 2022 abgeschaltet werden. Ist das nicht ein Erfolg für alle Atomkraftgegner?

Günther: Grundsätzlich schon, aber damit ist eben nicht alles erledigt. Bis dahin wird weiterhin Atommüll produziert und 99 Prozent des radioaktiven Inventars werden weiterhin nicht ausreichend gesichert über Jahrzehnte am Standort Grafenrheinfeld bleiben. Ich befürchte, dass viele Menschen diese Gefahr überhaupt nicht im Blick haben.

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