KITZINGEN

„Wir fordern ein Sofortprogramm“

Alarmierende Zahlen hat Stefan Kimmel, Gewerkschaftssekretär von ver.di: Bis zum Jahr 2030 fehlen 500 000 Vollkräfte in der Pflege. Die Pflege braucht dringend Hilfe. Lang- und kurzfristig.
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Altenpflege
Düstere Aussichten: Studien zufolge werden in Deutschland bis 2030 500 000 Vollzeitkräfte in der Pflege fehlen, so Stefan Kimmel, Gewerkschaftssekretär von ver.di. Foto: Foto: Angelika Warmuth/dpa
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Alarmierende Zahlen hat Stefan Kimmel, Gewerkschaftssekretär von ver.di. Die Pflege braucht dringend Hilfe. Lang- und Kurzfristig.

Frage: Wie viele Stellen fehlen nach Ihren Berechnungen?

Stefan Kimmel: Bundesweit müsste es für eine sichere und gute Versorgung 162 000 Stellen in Krankenhäusern mehr geben. Allein 70 000 Stellen davon für Pflegefachkräfte.

Und in Bayern?

Kimmel: Da fehlen zirka 21 000 Stellen in den Krankenhäusern, davon zirka 12 000 in den Pflegeberufen. Eine Schande.

Wieso?

Kimmel: Weil Deutschland im Vergleich mit vielen anderen Ländern das Schlusslicht bei der Pflegepersonalausstattung im Krankenhaus bildet. Eine Pflegefachkraft ist hier für 13 Patient/innen verantwortlich, in anderen europäischen Ländern sind es 5,4 (Norwegen), 5,5 (Schweiz), 6 (Irland und Schweden), 7,7 (Großbritannien) oder 9,3 (Polen). Und es wird noch schlimmer.

Klingt schon schlimm genug.

Kimmel: Im Jahr 2000 wurden bundesweit zirka 17 Millionen Patient/innen stationär in einer Klinik versorgt, 2015 waren es schon 19,6 Mio Patient/innen. Im gleichen Zeitraum ist die Anzahl der Pflegekräfte um 3,4 Prozent auf 320 200 geschrumpft. Stark vereinfacht ausgedrückt: 15 Prozent mehr Auslastung aber 3,4 Prozent weniger Personal. Eine Unternehmensleitung in der freien Wirtschaft wäre begeistert. Aber im Gesundheitswesen werden keine Roboter oder Maschinen zur Entlastung eingesetzt.

Wie gehen die Beschäftigten mit dieser Entwicklung um?

Kimmel: 77 Prozent der Beschäftigten in der Pflege können sich nicht vorstellen, in ihrem Beruf bis zur Rente zu arbeiten. Wir haben jetzt schon überdurchschnittlich hohe Krankenstände: 13,7 Tage im Durchschnitt, 19,6 Tage in der Krankenpflege und Geburtshilfe. Viele Kolleginnen und Kollegen flüchten in Teilzeit oder scheiden frühzeitig aus dem Beruf aus.

Weil die Belastung so hoch ist?

Kimmel: In der Nacht ist eine Pflegekraft durchschnittlich für 26 Patient/innen verantwortlich. Auf einigen Stationen sind es sogar bis zu 40 Patient/innen. Regelmäßig werden Pflegekräfte aus ihrer Freizeit in den außerplanmäßigen Dienst gerufen, Berge von Überstunden können nicht ausgeglichen werden. Und immer begleitet die Pflegekräfte das schlechte Gewissen, trotz großem persönlichem Einsatz die Patientinnen und Patienten nicht so versorgen und pflegen zu können, wie es eigentlich sein müsste, wie sie es in ihrer Ausbildung mal gelernt haben.

Aber es soll auch Kliniken geben, die alle Überstunden abgebaut haben.

Kimmel: Ja, aber nur, weil sie knallhart die Besetzungen reduziert haben. Wo vor wenigen Jahren noch vier examinierte Kräfte in der Frühschicht gearbeitet haben, wird heute mit drei, oder noch schlimmer, zwei Pflegekräften geplant.

Was tun?

Kimmel: Die Finanzierung der deutschen Krankenhäuser ist im Krankenhausfinanzierungsgesetz geregelt. Das Gesetz stammt aus dem Jahr 1972 und wurde bis heute mehrfach novelliert. Das Krankenhausfinanzierungsgesetz sieht eine duale Finanzierung der Kliniken vor. An der dualen Finanzierung hat sich durch die Novellierungen im Grundsatz nichts geändert.

Klingt kompliziert.

Kimmel: Ist es gar nicht. Auf der einen Seite werden die Betriebsmittel von den Krankenkassen getragen. Darunter fallen laufende Kosten, wie zum Beispiel für Energie, Medikamente, Verbandsstoffe, Nahrungsmittel und anderes. Aber eben auch die Gehälter für sämtliches Klinikpersonal. Der Anteil der Personalkosten an den Gesamtkosten der Betriebsmittel beträgt 60 bis 70 Prozent.

Und auf der anderen Seite?

Kimmel: Da regelt das Krankenhausfinanzierungsgesetz, dass die Investitionen von dem jeweiligen Bundesland zu zahlen sind. Da geht es um Baumaßnahmen, die Anschaffung teurer Großgeräte und vieles mehr. Die Länder haben ihre Investitionsmittel sowohl prozentual als auch nominal stark reduziert. In den Krankenhäusern gilt eine Investitionsquote von neun Prozent vom Umsatz als zwingend erforderlich, um die Anforderungen an Innovation, Qualität und Sicherheit zu erfüllen. Doch die Investitionskosten der Länder für die Krankenhäuser sind auf 3,3 Prozent gesunken. Dies widerspricht eindeutig der Verpflichtung der Länder.

Das heißt? Die Länder sind schuld?

Kimmel: Das Krankenhausfinanzierungsgesetz sieht jedenfalls eindeutig eine Verpflichtung der jeweiligen Bundesländer vor, für die Investitionskosten der Krankenhäuser aufzukommen. Die Realität sieht jedoch anders aus. Mehr als die Hälfte der Investitionen wird aus den Betriebsmitteln entnommen und fehlt somit beim Personal. Die Folge: Gelder der Versicherten, die für die Personalausstattung vorgesehen sind, fließen in Baustellen. Das führt letztendlich zu den schlechten Arbeitsbedingungen.

Und die werden nicht besser.

Kimmel: Es gibt Studien, die aussagen, dass Deutschland auf eine Situation zusteuert, die man sich heute noch gar nicht vorstellen kann. Bis zum Jahr 2030 werden demnach 500 000 Vollkräfte in der Pflege fehlen.

Was tun?

Kimmel: Wir fordern verbindliche Personalvorgaben per Gesetz, die für alle Krankenhausbereiche und Trägerübergreifend gelten sollen.

Warum?

Kimmel: Die Relation zwischen Krankenpflegepersonal und Patienten ist nicht nur ein wichtiger Gradmesser für die Qualität der Arbeitsbedingungen, sondern beeinflusst auch die Qualität der Pflege und damit die Patientengesundheit. Empirische Studien haben gezeigt, dass sich die Personalbemessung unter anderem auf das Risiko von Infektionen, Thrombosen und Todesfällen durch zu spät erkannte Komplikationen auswirkt.

Bis solche Veränderungen greifen, vergeht doch viel zu viel Zeit.

Kimmel: Deshalb fordern wir auch ein Sofortprogramm unter dem Motto: „Keine Schicht allein“. Es soll künftig verboten werden, dass einzelne Beschäftigte etwa 48 und mehr Patienten in einer Schicht alleine versorgen müssen. Die Auszubildenden sollen nicht mehr als billige Arbeitskräfte zur notdürftigen Überbrückung der Personalmisere herangezogen werden. Für die Praxisanleitung ist mehr Zeit vorzusehen.

Dafür braucht es aber mehr Personal.

Kimmel: Als Sofortprogramm fordert ver.di 20 000 Stellen mehr. Diese Vorgaben müssen zweckgebunden finanziert werden. Gelder der Versicherten, die für Personalstellen bestimmt sind, dürfen nicht für Baustellen zweckentfremdet werden. Mittel- bis langfristig müssen für alle Berufsgruppen im Krankenhaus verbindliche Personalvorgaben entwickelt werden.

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