Rödelsee

"Wir brauchen Stabilität"

Was die Kirchen von den Ordensgemeinschaften lernen können.
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Schwester Mirjam und Father Nicolas sind zwei von rund 60 Teilnehmern am 20. internationalen ökumenischen Ordenskongress, der vom 24. bis zum heutigen Dienstag auf dem Schwanberg stattfindet. Foto: Foto: Ralf Dieter
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60 Brüder und Schwestern aus 40 Ordensgemeinschaften haben gemeinsam eine Woche am Schwanberg verbracht. Sie haben gebetet, Gottesdienste zelebriert und diskutiert. Im Mittelpunkt des Zusammentreffens stand die Frage, wie das Ordensleben zu einer Erneuerung der Kirche beitragen kann. Father Nicolas Stebbing von der Community of the Ressurrection in Yorkshire und Schwester Mirjam von der Communität Christusbruderschaft in Selbitz haben die Antworten.

Frage: Wie hat es Ihnen auf dem Schwanberg gefallen?

Father Nicolas: Es ist eine wunderbare Atmosphäre hier oben. Ich habe mich hier im Schloss ein wenig wie in Grimms Märchen gefühlt. Das Schönste an unseren Treffen sind die Freundschaften. Wir verstehen uns sogar nach dem Brexit noch ganz gut (lacht).

Gleichzeitig haben Sie ein ernstes Thema zu bereden gehabt. Was können die Orden zur Erneuerung der Kirche beitragen?

Father Nicolas. Das ist richtig. Wir haben zwei Mal am Tag über dieses Thema gesprochen. Als Grundlage für die Diskussionen gab es jeweils Referate, die uns wertvolle Impulse mitgaben. Doch es geht uns nicht in erster Linie um akademische Erkenntnisse, sondern darum, dass wir an solchen Tagen das Leben als Ordensleute miteinander teilen. Wir beten gemeinsam, wir sprechen miteinander und feiern gemeinsam.

Schwester Mirjam: Es sind die gemeinsamen Erfahrungen, die uns über die Konfessionsgrenzen hinaus miteinander verbinden.

Gibt es schon so etwas wie ein Ergebnis?

Father Nicolas: Nein, dafür ist es viel zu früh. Aber uns allen ist klar, dass die Kirche in den letzten 40 Jahren ihre Zukunft gesucht – und dabei viel von ihrer Vergangenheit verloren hat. Unsere Gemeinschaften können Traditionen besser bewahren. Wir können die Kirchen daran erinnern, was wirklich wichtig ist. Die Nähe zu Gott, das Leben im Glauben.

Das sollte doch selbstverständlich sein.

Father Nicolas: Eigentlich schon. Aber sie dürfen nicht vergessen, dass die Kirchen auch mit vielen anderen Aufgaben betraut sind. Sie müssen vieles organisieren und die Finanzen im Blick haben. Die eigentliche Aufgabe rückt dabei mitunter in den Hintergrund, die Prioritäten gehen verloren. Wir können die Kirchenvertreter daran erinnern.

Die Orden als Mahner?

Father Nicolas: (schmunzelt) Kirchenvertreter kommen zu uns, um Momente der Ruhe und Einkehr zu suchen. Und was machen sie? Sie reden und reden. Dabei können wir alle Gott am besten in der Stille finden.

Die Gemeinschaften sind für die Kirchenvertreter solche Orte der inneren Einkehr?

Schwester Mirjam: Die evangelische Kirche hat die Communitäten als „geistliche Zentren“ bezeichnet. Schon das zeigt, wie sehr das geistliche Leben, das dort geführt wird, wertgeschätzt wird.

Wäre es nicht Aufgabe der Kirche, dieses geistliche Leben selbst in den Mittelpunkt zu rücken?

Schwester Mirjam: Das wird ja auch größtenteils praktiziert. Aber in den Klöstern gibt es einen noch mal verdichteten Raum.

Was leisten Ihre Gemeinschaften für die Bevölkerung?

Father Nicolas: In England sind viele Menschen ganz allgemein von Traditionen begeistert. Die Nostalgie wächst, weil viele Leute ihre Wurzeln verloren haben. Auch deshalb kommen sie zu uns. Wobei die Kirche selbst auch Teile ihrer Traditionen verloren hat.

Warum sind Traditionen so wichtig?

Father Nicolas: Weil sie den Glauben zusammenhalten und das Leben des Glaubens vorwärtstragen. Bei uns werden sowohl moderne als auch traditionelle Lithurgien praktiziert. Du musst dich nicht jedes Wochenende neu erfinden.

Hat die Kirche den Bezug zu ihren Traditionen verloren?

Father Nicolas: Wir alle haben diesen Bezug ein Stück weit verloren. Manchmal ist das ja auch gut und notwendig. Aber wir brauchen in diesen Zeiten auch Stabilität. Es gibt einen Unterschied zwischen den Begriffen traditionell und traditionalistisch.

Der wäre?

Father Nicolas: Mit traditionell wird der lebendige Glaube der Toten beschrieben. Traditionalistisch umschreibt den toten Glauben der Lebenden.

Sie bevorzugen den traditionellen Glauben?

Father Nicolas: Natürlich sollten wir unseren Glauben lebendig halten. Gleichzeitig hat jede christliche Religion irgendetwas, worauf sie sich bezieht. Das ist in erster Linie die heilige Schrift.

Schwester Mirjam: Wir sind vor etlichen Jahren mit diesem Kongress in Rumänien gewesen. Dort lieben die Menschen Klöster. Weil sie während des kommunistischen Regimes so etwas wie Zufluchtsorte waren. Stätten, in denen der pure Glauben konserviert wurde.

Diese Treffen finden mittlerweile seit mehr als 40 Jahren statt.

Father Nicolas: Alle zwei Jahre an verschiedenen Orten. Es begann alles 1976. Ein spanischer Priester wollte die Kirche vereinen. Er wollte Nonnen und Mönche aus verschiedenen Ländern zusammenbringen, die Gemeinsamkeiten unterstreichen. Unsere Traditionen reichen ja viel weiter zurück als in die Zeiten, als die Ostkirche und die Westkirche sich spalteten.

Schwester Mirjam: Unser Organisationskomitee ist auch schon in Rom gewesen und hat von unseren Erfahrungen berichtet. Ob das eine Wirkung gezeigt hat, ist eine andere Frage.

Warum nehmen Sie an diesen Treffen teil?

Schwester Mirjam: Weil es eine wunderbare Erfahrung ist, dass wir als Ordensleute über die Konfessionsgrenzen hinweg und in allen Ländern so vieles gemeinsam haben. Das öffnet immer wieder neue Horizonte.

Sind Ihre Gemeinschaften wirklich noch so lebendig? Auch in den Klöstern ist der Nachwuchsmangel ein Thema.

Father Nicolas: Darüber wird seit 40 Jahren und länger geredet und spekuliert. Meine Kongregation hat in den letzten 20 Jahren rund 60 Brüder verloren. Von einst 80 ist unsere Zahl auf 18 gesunken. In den letzten zehn Jahren hatten wir keinen einzigen Eintritt zu verzeichnen. Und siehe da: In jüngster Zeit sind vier junge Brüder eingetreten.

Schwester Mirjam: Diese Erfahrung teilen verschiedene andere Gemeinschaften. Auch in unserem Land.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Schwester Mirjam: Das ist schwer zu sagen. Ich denke, dass wir wieder in einer Zeit leben, in der die Sinnsuche wichtiger wird, in der Menschen innere Stabilität suchen.

Father Nicolas: Einen Wandel hat es in der Kirchengeschichte immer gegeben. Letztendlich ist es die Sache Gottes, warum wir gerade jetzt wieder neue Eintritte verzeichnen dürfen.

Alle zwei Jahre treffen sich die Mitglieder des internationalen ökumenischen Ordenskongresses in einem anderen Land. Die Teilnehmer kommen sowohl von römisch-katholischen Orden als auch von lutheranischen, reformierten, anglikanischen und orthodoxen Orden aus Europa und den USA. Vom 24. bis 29. August fand das Treffen erstmals auf dem Schwanberg statt.

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