Kitzingen

Willenlos und willensstark

Die Fastenaktion der Redaktion geht in ihre letzte Woche. Manche haben so gut wie aufgegeben, andere fühlen sich stärker als je zuvor.
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Auf der Ziellinie ihrer Fastenaktion kriegt Nina Grötsch so langsam einen Vogel. Foto: Foto: Nele Grötsch
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Kitzingen

Auf der Zielgeraden schwächeln die Damen, während der Herr im Bunde von seinem Erfolg überzeugt ist.

Nina Grötsch

(steht täglich um 6 Uhr auf): Ich werde schwächer. Willenloser. Wenn der Wecker mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf schreckt, habe ich keine Kontrolle über meinen Körper. Trotz des schrillen Klingeltons denkt mein Ehrgeiz noch nicht ans Aufwachen, meine Disziplin ist sogar noch im Tiefschlaf. Der Drang nach einer zehnminütigen Verlängerung ist hingegen hellwach. Also knicke ich ein. Es ist doch Wochenende und alleine frühstücken ohnehin total einsam, rede ich mir ein.

Wer garantiert mir außerdem, dass meine Kollegen ihre Ziele so ernst nehmen? Doch ganz bestimmt nicht! Eine Minute später schlafe ich. Später ärgere ich mich, denn schließlich ist es wie alle Tage: Bin ich erst mal fünf Minuten wach, ist all die Qual vergessen und mein Köper fährt ruckzuck auf 100 Prozent. Mensch, wäre ich vorhin doch nur aufgestanden!

Einmal mit dem Fastenziel gebrochen, ist die Hürde zum nochmaligen Schummeln natürlich fatal niedrig. Fast schäme ich mich ein bisschen. Kurz spiele ich mit dem Gedanken, zur Wiedergutmachung zweimal um 5 Uhr aufzustehen. Dann fällt mir meine aktuelle Müdigkeit am Abend ein. Es ist wohl keine gute Idee, am Ende früher als meine Kinder einzuschlafen…

Laune:

von schlechtem Gewissen getrübt

Erfolg:

nicht erwähnenswert

Diana Fuchs

(CO2-Fasterin): Liebe Kollegin Nina, ich verstehe dich gut. Letzte Woche nach der Arbeit – es war spät, der Frust war groß, der Stress auch – bin ich auf dem Heimweg von der Arbeit im Supermarkt eingeknickt. Ich wusste, Kinder und Mann haben Hunger. Und ich auch. „Was soll's“, dachte ich in einem Anfall von Schwarzseherei, „alle anderen machen's auch“. Also griff ich ins Tiefkühlregal und holte vier Pizzen raus, fix und fertig belegt. Es gab sie zum Abendessen.

Gut haben sie nicht geschmeckt, die in Plastik transportierten, sicher nicht mit guten, regionalen Zutaten belegten Fladen. Nach dem Essen überfiel mich das schlechte Gewissen dann doppelt und dreifach. Wie viel CO2 ich wohl rausgehauen hatte, einfach so?

In meiner CO2-Fastengruppe ist zwar nicht von Fertigpizza die Rede, aber von Spargel: Für ein Kilogramm Spargel, der aus Chile mit dem Flugzeug eingeflogen wird, entstehen etwa 17 Kilo CO2! Werden die weißen Stangen im Umkreis von bis zu 100 Kilometern vom Wohn- beziehungsweise Verspeiseort angebaut, sind es pro Kilo nur 60 Gramm CO2. Da liegt das Essen doch gleich viel weniger schwer im Magen.

Zum Glück geht die Spargelsaison jetzt in die Vollen. Ab sofort sind wieder lokale Märkte – etwa der Bauernmarkt auf dem Kitzinger Marktplatz – und Hofläden mein Ziel der Wahl. Dort ist der größte Teil des Angebots saisonal, regional und unverpackt. Und, ganz ehrlich, von der Marktfrau oder dem Bauern persönlich bedient zu werden, hat viel mehr Flair als der Griff in die TK-Theke im Supermarkt.

Übrigens: Der Gang zum Wochenmarkt spart – laut Experten der Metropolregion Nürnberg – an die acht Kilo CO2 pro Person und Monat. Das ist doch was!

Laune:

so mittel

Erfolg:

hätte ich gern mehr

Ralf Dieter

(kein Kaffee, keine Süßigkeiten): Das Leben ist voller Überraschungen. Leider trifft dieser Satz nicht auf meine Kolleginnen zu. Völlig klar, dass sie früher oder später an ihren Vorhaben scheitern würden. Obwohl die Hürde bei manchen Fastenzielen lächerlich niedrig hing. Deshalb habe ich mir gleich die richtigen Ziele gesteckt: Anspruchsvoll, aber machbar. Um die Kaffeemaschine im Büro mache ich seit Wochen einen eleganten Bogen, Einladungen auf eine Tasse Kaffee lehne ich dankend ab und trinke lieber ein Glas Wasser. Süßigkeiten reizen mich so sehr wie die Vorabendserien im Privatfernsehen. Der einzige Reiz, den sie ausüben, ist ein gewisser Würgereiz. Während die Kolleginnen – vorhersehbar – über ihr Einknicken jammern, freue ich mich auf den Endspurt. Wieder einmal habe ich den inneren Schweinehund sechs Wochen lang besiegt. Wau.

Laune:

überragend

Erfolg:

ebenso

Daniela Röllinger

(kein Fleisch, keine Milch-Kaffee-Mischungen, weniger Bäcker-Gebäck): Was freu' ich mich auf die Woche nach Ostern. Endlich mal wieder ein ausgiebiges Frühstück mit einem leckeren Capucchino oder Latte Macchiato statt der schwarzen Brühe oder dem langweiligen Tee. Endlich wieder ohne schlechtes Gewissen ein Croissant zum Frühstück genießen. Das Wörtchen „weniger“ vor dem Bäcker-Gebäck ist nämlich echt zum Dilemma geworden. Klar, ich kann mich damit brüsten, meinen Vorsatz nicht gebrochen zu haben, wenn ich dann doch mal in eines der vielen leckeren vom Kollegen Di. gespendeten Hörnchen gebissen habe. Weniger heißt ja nicht gar keins. Aber was heißt es denn dann? Ein Brötchen/Hörnchen weniger als sonst? Pro Tag oder pro Woche? Oder deutlich weniger, besser fast gar keins in der ganzen Fastenzeit? Meine Definition von weniger hängt momentan doch sehr stark von meiner Laune und der mir zur Verfügung stehenden Zeit ab. So richtig wohl fühle ich mit damit nicht und von Stolz darauf, mein Ziel erreicht zu haben, kann nicht die Rede sein. „Weniger“ ist larifari und bringt mir nichts, das habe ich für die Zukunft gelernt. Nächstes Jahr wird wieder was Gscheits gemacht. Vielleicht könnte ich aufs Wachsein verzichten und statt um 5.30 Uhr um 6 Uhr aufstehen? Mal fragen, was Kollegin Gr. davon hält...

Laune:

schwankend

Erfolg:

wie man's nimmt

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