Kitzingen
Homosexualität

Werden sich weitere Spitzensportler outen?

Thomas Hitzlsperger hat eine weltweite Diskussion um homosexuelle Profifußballer angestoßen.
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Die Homepage des ehemaligen Fußball-Nationalspielers Thomas Hitzlsperger. Er hatte am Mittwoch seine Homosexualität öffentlich gemacht. Foto: Copyright: dictum law communications/dpa
Die Homepage des ehemaligen Fußball-Nationalspielers Thomas Hitzlsperger. Er hatte am Mittwoch seine Homosexualität öffentlich gemacht. Foto: Copyright: dictum law communications/dpa
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Thomas Hitzlsperger hat sich zu seiner Homosexualität bekannt und dafür weltweit Anerkennung erhalten. Weitere Spitzenfußballer werden folgen. Davon ist der Inhaber des Lehrstuhls für Sportwissenschaft an der Julius Maximilians Universität Würzburg, Prof. Dr. Harald Lange, überzeugt. Vielleicht nicht in den nächsten Tagen, aber in absehbarer Zeit. "Der Boden ist bereitet", sagt er.

Lange hat das Institut für Fankultur gegründet. Mit seinem Team will er die nationale und internationale Fankultur verstehen lernen sowie Veränderungen und Entwicklungen aufzeigen. Auf das erste "Coming out" eines Spitzenfußballers hat die Szene nach seinen Worten lange gewartet. In den letzten zwei Jahren beinahe permanent. "Es gibt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch aktive Spieler, die sich jetzt überlegen werden, ob sie an die Öffentlichkeit gehen", mutmaßt der Wissenschaftler.

Die Zeit sei jedenfalls günstig, auch wegen der Art und Weise, wie Hitzlspergers Offensive in der Öffentlichkeit diskutiert worden ist. Viel Respekt ist ihm von den Medien, von Politikern und anderen Prominenten entgegen gebracht worden, teils sogar Bewunderung. Der Präsident des Deutschen Fußballverbandes, Wolfgang Niersbach, hat Hitzlsperger die Unterstützung des gesamten Fußballs zugesagt. "Er war zur seiner Zeit als Nationalspieler immer ein Vorbild. Und dieser Respekt ist jetzt noch weiter gewachsen", so Niersbach.

"Das ist schon sehr bemerkenswert", kommentiert Lange. "Ich habe keine einzige negative Stimme gehört. Das wäre vor 20 Jahren undenkbar gewesen."

Aus diesem Grund geht der Professor für Sportwissenschaft auch davon aus, dass die Fans in den Stadien eher neutral als diskriminierend mit dem Thema umgehen. "Wer mit Schmährufen oder beleidigenden Plakaten auf einen schwulen Fußballprofi reagiert, der stellt sich bei der derzeitigen Stimmung in der Öffentlichkeit doch selbst ins Abseits", sagt er.

In einzelnen Fällen kann es aber trotzdem zu Diskriminierungen kommen. Auch in den unteren Ligen. Dort scheint das Thema allerdings noch gar kein Thema zu sein. Der Bezirksvorsitzende des Bayerischen Fußballverbandes, Jürgen Pfau, versichert, dass es sein Verband begrüßen würde, wenn sich homosexuelle Fußballer outen. "Das ist ein mutiger und richtiger Schritt, für den niemand Nachteile befürchten sollte." Pfau geht davon aus, dass es auch in den unteren Ligen homosexuelle Fußballer gibt. "Aber ich kenne keinen einzigen."

Björn Soldner kennt zwar keine schwulen Fußballer, aber dafür Homosexuelle, die in anderen Sportvereinen aktiv sind. "Im Team sind sie oft geoutet", sagt der Vorstand des schwullesbischen Zentrums Würzburg (WUF). Von offenen Diskriminierungen ist ihm nichts bekannt. "Aber Vorbehalte wird es sicher von Fall zu Fall geben."
Warum es auch im Jahr 2014 noch so schwierig ist, sich öffentlich zu seiner Homosexualität zu bekennen? "Jeder fühlt sich erst einmal alleine, hat Angst vor der Zurückweisung im persönlichen Umfeld", erklärt er. "Keine Eltern werden eine Sektflasche köpfen, wenn sie erfahren, dass ihr Sohn schwul ist." Berufliche Repressalien sind auch im Jahr 2014 nicht auszuschließen. Soldner erinnert an den Fall einer lesbischen Kindergärtnerin, die entlassen worden ist, weil sie ihre sexuelle Orientierung ausgelebt hat.

Zum persönlichen Druck kommt im Falle eines Fußballprofis noch der öffentliche Druck, der ein Outing erschwert. "Im Gegensatz zu anderen Sportarten werden die Fußballspieler besonders stigmatisiert und von gegnerischen Fanlagern beleidigt", sagt Professor Lange. Außerdem stehen Fußballprofis gerade in Westeuropa enorm in der Öffentlichkeit. Vielleicht ein Grund, warum Thomas Hitzlsperger erst nach seinem Karriereende den Schritt gewagt hat. Für den Vorstand des WUF, Björn Soldner, ist das auch der einzige Wermutstropfen an dem Bekenntnis von Thomas Hitzlsperger. Im Gegensatz zu Harald Lange erwartet er keine Welle von weiteren Outings von Profi-Fußballern.





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