MÜNSTERSCHWARZACH

„Wer Angst hat, macht dicht“

Mit Mut und Offenheit in die Zukunft blicken. Hoffnungsträger sein. Und vor allem: Schluss mit der Angst. Der emeritierte Abtprimas und Buchautor Notker Wolf stellte am Mittwochabend sein Werk „Deutschland schafft sich nicht ab“ in der Münsterschwarzacher Buchhandlung im Klosterhof vor.
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Pointiert, spannend, lehrreich: Die Zuhörer lauschten Abtprimas em. Notker Wolf bei seinem Vortrag in der Bücherei Münsterschwarzach aufmerksam. Foto: Ralf Dieter
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Mit Mut und Offenheit in die Zukunft blicken. Hoffnungsträger sein. Und vor allem: Schluss mit der Angst. Der emeritierte Abtprimas und Buchautor Notker Wolf stellte am Mittwochabend sein Werk „Deutschland schafft sich nicht ab“ in der Münsterschwarzacher Buchhandlung im Klosterhof vor. Den rund 100 Zuhörern gab er mit auf den Weg: Beweglich bleiben, lern- und hilfsbereit.

Von 2000 bis 2016 war Notker Wolf der höchste Repräsentant der mehr als 800 Klöster und Abteien des Benediktinerordens. In Rom hat er 16 Jahre lang als Abtprimas gewirkt. Seine Arbeit hat ihn in Länder wie China, Togo oder Südkorea verschlagen. Seine Erfahrung: Die Vielfalt ist für die Menschheit kein Hindernis, sondern ein Reichtum. Wer das verstanden hat, der brauche keine Angst mehr zu haben.

„Flüchtlinge sind nicht

per se Heilige. Wer sich nicht integrieren will, der kann woanders hin.“

Notker Wolf, emeritierter Abtprimas

Gerade in diesen Zeiten habe ein Land wie Deutschland Mutmacher bitter nötig. Ob im Privaten, in der Politik oder in der Wirtschaft: Oft bestimme ein Gefühl der Angst die Worte und das Handeln. „Aber wer Angst hat, der macht dicht“, warnte Notker Wolf. „Und zwar emotional und physisch.“ Wer Angst hat, der schottet sich ab. Ein Phänomen, das für einzelne Menschen genauso gelte wie für ganze Länder. „Aber so können wir nichts Neues erleben“, warnte der 77-Jährige und zitierte Alexander von Humboldt: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben.“

Der gebürtige Bad Grönenbacher (Schwaben) hat die Welt kennengelernt. Er half beim Aufbau von Krankenhäusern in Asien und Afrika, bereiste mehr als 50 Länder. Die letzten 16 Jahren hat er von Rom aus gewirkt, die Entwicklungen in Deutschland aus der Ferne verfolgt. Er lobte die Hilfswelle, die mit den ersten Flüchtlingswellen anrollte, den Idealismus der vielen ehrenamtlichen Helfer und die unermüdliche Arbeit in den Behörden – waren sie doch von christlicher Nächstenliebe geprägt. Die Ernüchterung, die folgte, sei allerdings wenig überraschend gewesen. „Flüchtlinge sind nicht per se Heilige“, erinnerte der Benediktiner. Und wenn sie im neuen Land nichts zu tun haben, den ganzen Tag in abgeschotteten Arealen verbringen, dann steige nun mal die Gefahr von Frust und Gewalt.

Notker Wolf sprach sich für einen christlichen, sozialen und pragmatischen Umgang mit den Flüchtlingen aus. „Ich will meine Heimat nicht den Anhängern von Pegida und Co. überlassen“, meinte er. Gleichzeitig müsse der Wille zur Integration von den Flüchtlingen eingefordert werden. Ein nüchterner Blick sei da ganz wichtig. „Wer sich nicht integrieren will, der kann woanders hin.“ Die Anerkennung der öffentlichen Ordnung in diesem Land – und der dazugehörigen Regeln – müsse selbstverständlich auch von den Flüchtlingen eingefordert werden. „Natürlich sollen unsere Ärzte auch Muslima untersuchen können.“ Die entscheidende Frage an alle Muslime, die in Deutschland leben wollen, lautet für ihn: „Erkennen sie die kulturelle Ordnung in diesem Land an?“ Aus Sicht von Notker Wolf ist diese Forderung auf jeden Fall zumutbar.

Integration sei weder einfach, noch schnell zu bewerkstelligen. „Integration ist kulturelles Lernen im Detail“, meinte der Mann, der nicht nur Theologie, sondern auch Philosophie und Zoologie studierte und 1968 die Priesterweihe empfing. Man müsse den Asylbewerbern deshalb beizeiten beibringen, was zur deutschen Kultur gehört. Missverständnisse sind dabei vorprogrammiert, wie Notker Wolf aus eigener Anschauung nur zu gut weiß. Die Probleme, die daraus entstehen, können von größerer und kleinerer Natur sein. Philippinische Ordensbrüder hätten in Italien beispielsweise unübersehbar Probleme beim Essen der Spaghetti. Indische Ordensbrüder kennen dagegen die europäischen Toiletten nicht und müssten in deren ordnungsgemäßen Gebrauch eingeweiht werden. Für die meisten Europäer ist selbst ein Mann aus dem gleichen Kulturkreis nicht immer zu verstehen, wie es derzeit am Beispiel von Donald Trump sichtbar wird.

Notker Wolf warb für gegenseitiges Verständnis. Den Kulturschock, den viele Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien oder dem Iran bei ihrer Ankunft erleben, könnten viele Deutsche nicht nachvollziehbar. Ein Rückzug in die eigene, vermeintlich heile und sichere Welt, sei jedoch nicht zielführend. Am schlimmsten sei die Angst, die aus der Unsicherheit heraus wächst. „Wer Angst hat, der stört den sozialen Frieden am meisten.“

„Wer Angst hat, der

stört den sozialen

Frieden am meisten.“

Notker Wolf, Buchautor

Und wie kann die Integration der Flüchtlinge nun am besten funktionieren? Die Abschiebung in zentrale und abgeriegelte Unterkünfte sei jedenfalls nicht die Lösung. Andererseits könne man auch nicht alle Hilfesuchenden aufnehmen. Notker Wolf sprach sich deshalb für eine flexible Obergrenze aus. Und für eine aktive Hilfe. Eine Offenheit gegenüber dem Neuen und der Zukunft könne dabei nicht schaden. Viele Deutsche würden nach seiner Erfahrung dazu tendieren, ihre Zukunft total zu verplanen. „Und dabei werden sie unbeweglich.“

Der christliche Auftrag könne da einen Kontrapunkt setzen: Den Menschen die Angst nehmen, ihnen Freude machen – und sie nicht alleine lassen.

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