KITZINGEN

Wenn Schüler zum Gespött werden

Cybermobbing ist viel reeller als es klingt. Drei Schauspieler bringen die Problematik gut rüber. Ihre Kunst reißt Achtklässler mit.
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Damit niemand das Gesicht verliert
Sie sind da, aber man erkennt sie nicht so leicht: Leute, die andere Leute mobben. Dissen. Quälen. Oder wie auch immer man dazu sagen mag, wenn Menschen andere Menschen schikanieren, bloßstellen, zum Gespött machen. Gerade im Internet ist Mobbing – Cybermobbing – ein großes Thema. Drei professionelle Schauspieler haben mit den Kitzinger Achtklässlern durchgespielt, wie es ist, das Gesicht zu verlieren. Und wie schnell man selbst zum „Mobber“ wird. Foto: -> Lokales Seite 14
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Kurz vor Schuljahresende. Die Luft ist raus. Alle Schüler und wahrscheinlich auch alle Lehrer sehnen die großen Ferien herbei. Vorher allerdings sollen die Kitzinger Achtklässler noch einmal richtig aufmerksam sein. In der Alten Synagoge wird ihnen ein Theaterstück präsentiert, das für Cybermobbing sensibilisieren will. Ob das klappt?

Die Schüler machen es sich auf den Polsterstühlen in der abgedunkelten Alten Synagoge Kitzingen gemütlich und scheinen nicht viel zu erwarten. Manche gähnen. Nur drei Schauspieler, drei Drehstühle und ein Mikro: Mehr ist auf der beleuchteten Bühne nicht zu sehen. „I like you“ heißt das Stück, das eigens für 13- bis 16-Jährige konzipiert ist. Die Schauspieler haben ihre Zielgruppe dafür im Vorfeld ganz genau beobachtet. Jetzt legen sie los: Samira (Josephine Volk) trägt Turnschuhe und Jogginghose. Mit ihren Freunden Luke (Hannes Achim Langanky) und Marvin (Michael Gleich) surft und zockt „Sami“ stundenlang im Internet. Finger hacken auf imaginären Tastaturen herum, wie gebannt blicken die drei Kumpels auf ihre nicht sichtbaren Bildschirme. Das Trio postet und chattet pausenlos, Computer und Smartphones sind die zentralen Elemente des Lebens. Doch dann passiert es: Samira und Luke werfen einander verstohlene Blicke zu. Die beiden kommen sich näher – im echten Leben.

Nach zwei Monaten Verliebtsein fühlt Luke sich allerdings eingeengt und macht nach einem Streit mit Samira Schluss. Dissonanzen und Donnergrollen dringen laut aus den Verstärkern auf der Bühne der Alten Synagoge. Furchtbar wütend und schrecklich enttäuscht lässt sich die 15-Jährige dazu hinreißen, mit Hilfe einer Freundin ein sehr privates, demütigendes Foto vom „kleinen Luke“ zu veröffentlichen. Rasend schnell verbreitet sich das Bild im Internet, Luke wird zum Gespött der ganzen Schule. Verzweifelt zieht er sich zurück, geht kaum mehr aus dem Haus.

Auch im richtigen Leben passiert so etwas täglich. In der aktuellen Studie der Landesanstalt für Medien NRW hat fast die Hälfte der 14- bis 24-Jährigen angegeben, mehr hetzende als sachliche Kommentare im Internet zu beobachten. 90 Prozent sehen sich mit Fake News konfrontiert. 75 Prozent geben an, persönlich schon Hass im Internet wahrgenommen zu haben. Überdurchschnittlich oft geben die 14- bis 24-Jährigen auch zu, Hasskommentare unterhaltsam zu finden (32 Prozent).

Dabei sind die Opfer nicht zu beneiden. Wie sehr Luke leidet, erkennt man auf der Bühne in der Alten Synagoge nicht nur anhand seiner Gestik und Mimik, sondern auch mithilfe einer perfekt abgestimmten Sound-Kulisse. Damit beschallt Vhs-Leiter Richard Arndt-Landbeck die Bühne. Man kann förmlich die Aufregung hören, die in der Schule herrscht. Helle Schadenfreude und dumpfe Gewissensbisse wechseln sich bei Lukes Kumpels und Bekannten ab.

Und man kann Lukes' Herzschlag lauschen, als Wochen später Samira auf ihn zugeht. Auch sie hat gelitten. Beide können nicht ungeschehen machen,was passiert ist. Wollen sie es überhaupt? Werden sie es je wieder schaffen, einander in die Augen zu schauen?

Rasend schnell vergeht die Zeit in der Alten Synagoge. Am Ende lümmelt kaum einer noch auf dem Sitz herum. Gebannt verfolgen die Schüler, wie „I like you“ zu Ende geht – so viel sei verraten: Menschlichkeit und Vernunft bahnen sich ihren Weg. Als die Schauspieler, die jeweils in zwei unterschiedliche Rollen geschlüpft sind, die Bühne verlassen, schicken die Schüler ihnen minutenlangen Applaus und Gejohle hinterher.

Draußen, im Foyer, unterhalten sich Jungs und Mädchen über das Erlebte. „Das Stück ist echt gut gemacht“, kommentiert der 14-jährige Yannis aus Rödelsee. Sein gleichaltriger Kumpel Leon aus Sulzfeld fügt hinzu. „So hätte es auch in Wirklichkeit passiert sein können.“ Die Schauspieler seien super, findet er. Wie sie mit so wenig Equipment so viel darstellen können, sei schon ziemlich cool. Yannis kann sich gut vorstellen, dass er genau wie Luke reagieren würde, wenn er derart gemobbt worden wäre. Allerdings musste er so etwas bisher nicht erleben, „zum Glück“. Die ebenfalls 14-jährige Emely aus Geesdorf dagegen hat in ihrem unmittelbaren Umfeld schon beobachten müssen, was Mobbing und auch Cybermobbing mit den Menschen machen. In einem Fall war ebenfalls eine Trennung der Auslöser für das Posten kompromittierender Bilder. Emely sagt, dass sie selbst solche Fotos nie machen, geschweige denn posten würde. „Ich habe gesehen, wie schlecht es den Menschen danach geht. Da habe ich keine Lust drauf.“

Auch Johanna aus Iphofen will sich vor solchen Erfahrungen schützen, indem sie im Netz zurückhaltend agiert. Sie weiß auch um die Gefahr, dass „normale“ Bilder problemlos verfälscht werden können. „Es ist so leicht, ein gepostetes Foto zu kopieren und zu bearbeiten.“ Fast alle Schüler nutzten Snapchat oder Instagram „und so verbreitet sich einfach alles rasend schnell“. Lukes Beispiel im Theaterstück sei sehr realistisch. Johanna und auch Emely hoffen, dass immer mehr Leute sich mutig gegen Mobbing wenden. Nach Streitereien sei man natürlich aufgewühlt. Da falle es nicht leicht, friedlich und tolerant zu bleiben. Wirklich stark müsse man da sein.

Welche Note die Schüler dem Theaterstück geben würden, wenn sie es wie Lehrer bewerten müssten? Alle Befragten überlegen nicht lange: „eine 1“. Das herzerfrischend natürliche, leidenschaftliche Spiel der ausgebildeten Theaterpädagogen und Schauspieler beeindruckte auch die Erwachsenen. Andreas Laurien, der Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, hatte seiner Premiere als Veranstalter eines solchen Events entgegengefiebert. Nach der ersten der beiden tiefsinnigen und zugleich unterhaltsamen Aufführungen zeigte er sich mehr als zufrieden: „Volltreffer! Ich hoffe, dass wir weitere Sponsoren finden, damit wir so ein Angebot wiederholen können.“ Die Schauspieler des internationalen Theaterhauses Eukitea bei Augsburg kämen auf jeden Fall gerne wieder nach Unterfranken. Die guten Noten, die die Schüler seinem Ensemble gaben, gibt Michael Gleich postwendend zurück: Toll, wie aufmerksam die Jugendlichen waren – und das am Ende des Schuljahres.

Mobile Schauspieler

Theater Eukitea: Jungen Menschen Impulse zu geben, damit sie mutig und achtsam die Herausforderungen des Lebens meistern – das ist das Ziel der präventiven Theaterprojekte, mit denen die Schauspieler und Theaterpädagogen des internationalen Theaterhauses Eukitea (Diedorf bei Augsburg) durch die Lande touren. Themen der Stücke sind Sucht, Mobbing, Gewalt, sexuelle Grenzverletzung oder Friedensbildung. Informationen: www.eukitea.de, Mail: info@eukitea.de Premiere: In Kitzingen hat heuer erstmals die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene unter Leitung von Andreas Laurien alle Achtklässler der Kitzinger Schulen – der Realschule, der beiden Mittelschulen, der Wirtschaftsschule und des Gymnasiums – zur Theatervorstellung einladen können. „Möglich gemacht hat das eine großzügige Spende der Kitzinger Hoch.Rein-Gruppe und die Zusammenarbeit mit der Stadtjugendpflege 'JungStil'“, stellte Laurien fest. Nach dem Erfolg der Premieren-Veranstaltung hofft Laurien nun auf Sponsoren für eine Wiederholung im kommenden Jahr (Laurien: Tel. 09321/ 7817). Jugendberatung: Bei Andreas Laurien und seinem Team in Kitzingen, Güterhallstraße 5, können sich Jugendliche auch ohne Information der Eltern beraten lassen. Online-Beratung über www.bke-jugendberatung.de.
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