Kitzingen
Magersucht

Wenn der Magerwahn zur Gefahr fürs Leben wird

Der Name ist irreführend: Die Magersucht ist keine eigentliche Suchterkrankung. Und doch sie ist vergleichbar gefährlich: "Die Anorexia nervosa ist eine Erkrankung mit potenziell tödlichem Ausgang", sagt Prof. Dr. Marcel Romanos von der Uniklinik Würzburg. Rechtzeitiges Handeln ist deshalb wichtig.
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Prof. Dr. Marcel Romanos ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Zentrum für Psychische Gesundheit des Universitätsklinikums Würzburg. Dort werden jährlich etwa 50 Patientinnen und Patienten mit Anorexia nervosa stationär behandelt. Foto: Uniklinik Würzburg
Prof. Dr. Marcel Romanos ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Zentrum für Psychische Gesundheit des Universitätsklinikums Würzburg. Dort werden jährlich etwa 50 Patientinnen und Patienten mit Anorexia nervosa stationär behandelt. Foto: Uniklinik Würzburg
Prof. Dr. Marcel Romanos ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Zentrum für Psychische Gesundheit des Universitätsklinikums Würzburg. Dort werden jährlich etwa 50 Patientinnen und Patienten mit Anorexia nevosa stationär behandelt - Tendenz steigend. Ein Gespräch mit dem Klinikdirektor über die gefährliche Krankheit.

Frage: Ab welchem Gewicht gilt jemand als magersüchtig?

Prof. Dr. Marcel Romanos: Bei Erwachsenen kann man das relativ leicht beantworten: Für die Diagnose muss ein BMI (Body mass index) von unter 17,5 vorliegen. Wenn Kinder und Jugendliche an Anorexia nervosa erkranken, muss man den Gewichtsverlust in Bezug zum Entwicklungsstand und dem Alter des Kindes messen. Generell kann man sagen, dass es um die geht, die zu den etwa zehn bis 15 Prozent der Dünnsten ihrer Altersgruppe gehören.
Zur Diagnose Anorexia nervosa reicht es allerdings nicht, dass es zum Untergewicht kommt. Auffällig ist zudem die gedankliche Einengung der Betroffenen auf alles, was mit Essen und Kalorien zu tun hat, ebenso wie die ausgeprägte Furcht, an Gewicht zuzunehmen. Wenn dann noch körperliche Folgen hinzukommen, also etwa bei Mädchen mit Anorexie die Regel ausbleibt oder sich die Regel bei Kindern erst gar nicht einstellt, dann kann die Diagnose Anorexia nervosa gestellt werden.

Wer ist besonders betroffen?

Prof. Romanos: Weniger als ein Prozent der Bevölkerung sind von Anorexia nervosa betroffen. Wohingegen die meisten Erkrankten in der Pubertät eine Essstörung entwickeln, scheint das Erkrankungsalter sich in den letzten Jahren immer mehr zu den Jüngeren verschoben zu haben, so dass wir zunehmend auch Kinder unter zwölf Jahren behandeln. Mädchen und Frauen sind weitaus häufiger betroffen. Auf etwa zehn Patientinnen kommt ein männlicher Patient. Diese sind dann allerdings häufig sehr schwer erkrankt.

Welche Alarmzeichen gibt es?

Prof. Romanos: Untergewicht fällt auf und oftmals ist es der recht rapide Gewichtsverlust, der in der Umgebung früher oder später Anlass zur Sorge gibt. Manchmal ist es eine übliche Diät, die dann außer Kontrolle gerät und die Betroffenen schaffen es nicht mehr, die Spirale nach unten aufzuhalten. Andererseits kann auch das Essverhalten für die Eltern oder Freunde irritierend sein, wenn beispielsweise immer mehr Nahrungsmittel weggelassen werden wie Süßigkeiten, Fett oder Kohlenhydrate und sich die Menge der zugeführten Nahrung erheblich reduziert. Oftmals ist der Gewichtsverlust begleitet von einer Stimmungsverschlechterung und sozialem Rückzug. In den Wintermonaten kann dies sogar das erste sichtbare Anzeichen sein, weil das Ausmaß des Gewichtsverlusts durch dicke Winterkleidung lange verborgen bleiben kann.

Was sollten Eltern tun, wenn sie merken, dass ihre Kinder immer mehr abnehmen und womöglich eine Essstörung haben?

Prof. Romanos: Ansprechen, nachhaken, nicht abwimmeln und beschwichtigen lassen. Sie müssen Ihrem Kind klar machen, dass sie sich sorgen und sie als Eltern etwas unternehmen müssen, eben weil sie ihr Kind lieben. Oft werden die Kinder leugnen, dass sie ein Problem haben und regelhaft kommt es zu erheblichen familiären Konflikten. Dies ist dann der Zeitpunkt wenn die Familie beispielsweise mit ihrem Kinderarzt Rücksprache halten sollte, der dann oft an einen Kinder- und Jugendpsychiater verweisen wird. Manchmal erfolgt auch der direkte Weg zu einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Wie und wo werden die Jugendlichen behandelt?

Romanos: Die Wahl des Behandlungssettings ist abhängig vom Schweregrad der Erkrankung. Wenn frühzeitig reagiert wird und bei geringem Schweregrad kann eine ambulante Behandlung ausreichend sein. Wenn die ambulante Behandlung nicht erfolgreich ist oder die Erkrankung bei Diagnosestellung schon zu weit fortgeschritten ist, muss eine stationäre Behandlung erfolgen. In schwersten Fällen kann sogar eine Behandlung gegen den Willen der Betroffenen notwendig sein, wenn das Leben der Patienten in Gefahr ist. Die Anorexia nervosa ist eine Erkrankung mit potenziell tödlichem Ausgang und ist vergleichbar gefährlich wie schwere Suchterkrankungen. Der deutsche Begriff "Magersucht" ist jedoch irreführend, da die Anorexia nervosa keine eigentliche Suchterkrankung ist und andere Entstehungsmechanismen aufweist.

Die stationäre Behandlung umfasst eine Vielzahl von Einzelmaßnahmen, die zum Einen zum Ziel haben, dass die Kinder und Jugendlichen lernen, wieder ausreichende Nahrungsmengen zu sich zu nehmen, um ein gesundes Gewicht zu halten. Diese Esstherapie wird immer begleitet durch verschiedene psychotherapeutische und familientherapeutische Verfahren, die zum Beispiel auf eine Stärkung des Selbstbewusstseins und der Selbstständigkeit abzielen oder familiäre Konflikte bearbeiten. An der Therapie sind stets eine Vielzahl verschiedener Berufsgruppen im multiprofessionellen Team beteiligt.

Wie viele Patienten mit Anorexia nervosa werden in Ihrer Klinik behandelt und wie lange dauert das in der Regel?

Prof. Romanos: Wir behandeln im Jahr etwa 50 Patientinnen und Patienten mit Anorexia nervosa stationär mit steigender Tendenz. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer ist stark abhängig vom Ausmaß des Untergewichts. Einer der verschiedenen Bausteine der Therapie ist die Normalisierung des Gewichts auf ein Maß, dass die Patienten immer zwar noch "dünn" sind, aber nicht mehr im krankhaften Bereich. Wenn viel Gewicht zuzunehmen ist, muss dies langsam und stetig erfolgen, weil ansonsten die Rückfallgefahr dramatisch erhöht ist und eine zu schnelle Gewichtszunahme auch körperliche Gefahren mit sich bringt. Um eine Gewichtszunahme von zum Beispiel zehn Kilogramm zu erreichen sind manchmal 20 Wochen Behandlung notwendig. Außerordentlich wichtig ist die ambulante Nachsorge, die sowohl engmaschige Gewichtskontrollen als auch eine weiterführende psychotherapeutische Behandlung zum Beispiel beim Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, umfassen sollte.

Wo finden Betroffene Hilfe?

Prof. Romanos: Betroffene sollten sich an Ihren Hausarzt beziehungsweise Kinderarzt wenden, der weiterhelfen wird. Auch kann ein Termin beim Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder in der Ambulanz der Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie zur Diagnosestellung und Abklärung der Notwendigkeit einer stationären Behandlung sinnvoll sein.



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