MÜNSTERSCHWARZACH

Wenn das Gelächter stirbt

Das Gelächter war groß. Aber nur am Anfang. Nach und nach merkten die Zehnt- und Elftklässler im Egbert-Gymnasium, dass es trotz der ungewöhnlichen Aktion um ein ernstes Thema ging. Nach wie vor sterben zu viele Menschen im Straßenverkehr, weil sie Alkohol oder Drogen konsumiert haben. Vor allem junge Menschen.
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Erfahrungswerte: Wie fühlt es sich an, mit 1,3 Promille durch die Gegend zu laufen? Dank einer Spezialbrille konnten die Schüler des EGM dieser Frage nachgehen. Foto: Fotos: Ralf Dieter
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Das Gelächter war groß. Aber nur am Anfang. Nach und nach merkten die Zehnt- und Elftklässler im Egbert-Gymnasium, dass es trotz der ungewöhnlichen Aktion um ein ernstes Thema ging. Nach wie vor sterben zu viele Menschen im Straßenverkehr, weil sie Alkohol oder Drogen konsumiert haben. Vor allem junge Menschen.

Was für ein Schulnachmittag für Laura, Joseph, Constantin, Marco und Clara. Sie können sich volllaufen lassen. Und das völlig legal. Vor den Augen ihrer Lehrer. Mehr noch: Studiendirektor Dr. Herbert Müller ist mit von der Partie. Bier, Wein, Rum, Mixgetränke: alles da. Und in rauen Mengen, wie die Schüler bald merken sollen.

Nicht mehr leistungsfähig

Ein kontrollierter Trinkversuch hat den Oberstufenschülern des EGM am Montagvormittag eindrücklich vor Augen geführt, welche Folgen ein übermäßiger Alkoholkonsum hat: Die Motorik und die Koordination leiden, die Reaktionsfähigkeit wird eingeschränkt. „Sie fühlen sich gut, sind aber nicht mehr leistungsfähig“, fasst Dr. Vera Sterzik vom Institut für Rechtsmedizin der Uni Würzburg die Ergebnisse zusammen. Ihr Appell an die Schüler, die entweder Fahranfänger sind oder kurz vor dem Führerschein stehen: Hände weg von Alkohol und Drogen. Vor allem, wenn noch eine Autofahrt geplant ist.

Ungefähr 30 000 Verkehrsunfälle im Zusammenhang mit Alkohol zählen die Statistiker Jahr für Jahr in Deutschland. Rund 400 Menschen lassen dabei ihr Leben. Im Landkreis Kitzingen gab es in den 90er Jahren noch viele Unfälle mit Todesfolge, bei denen Alkohol eine Rolle spielte. Pressesprecher Helmut Dürr kann sich an Jahre erinnern, an denen bis zu 20 Menschen ihr Leben lassen mussten, weil ein Autofahrer nicht mehr nüchtern war. Im ersten Halbjahr dieses Jahres gab es noch keinen solchen Todesfall zu beklagen. 16 Verkehrsunfälle, bei denen Alkohol im Spiel war, zählt die Statistik. Acht Menschen haben sich dabei verletzt.

Alkoholismus ist nach wie vor ein gesellschaftliches Problem, wie die Zahlen von Dr. Sterzik eindrucksvoll unterstreichen. Etwa drei Millionen Deutsche sind alkoholkrank, etwa 74 000 sterben jährlich an den Folgen dieser Sucht. Jahr für Jahr werden mehr als 1500 Säuglinge mit Fehlbildungen geboren, weil die Mütter alkoholkrank sind.

122 Liter Bier pro Kopf

Alkohol gehört zum deutschen Alltag: Der Pro-Kopf-Verbrauch an Bier liegt aktuell bei rund 122 Litern. Dazu kommen durchschnittlich 20 Liter Wein pro Nase oder, besser gesagt, pro Gurgel. Besonders gefährdet sind nach wie vor die jungen Verkehrsteilnehmer. „Die meisten Unfälle in Zusammenhang mit Alkohol passieren bei Nacht und am Wochenende“, informiert Sterzik. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Und es sterben mehr junge Verkehrsteilnehmer als ältere.

Die Kreisverkehrswacht Kitzingen organisiert deshalb regelmäßig Info-Veranstaltungen, um vor allem junge Menschen zu sensibilisieren. Neben Sterzik referierten am EGM Alfons Saugel und Norbert Müller von der Kitzinger Polizei und Jugendrichter Wolfgang Hülle vom Kitzinger Amtsgericht. Der zeigte die juristischen Folgen eines solchen Fehlverhaltens auf. „Schon ab 0,01 Promille sind Fahranfänger mit einer Ordnungswidrigkeit dran“, warnte er. 250 Euro müssen schon beim ersten Verstoß bezahlt werden. Ab 0,3 Promille müssen sich Fahranfänger wegen einer Straftat verantworten. Und ab 1,1 Promille spricht das Gesetz auch bei älteren Verkehrsteilnehmern von einer Straftat. „Dann sind Sie fahruntüchtig“, so Hülle. Die jeweiligen Hürden sind nicht willkürlich festgelegt worden, sondern von wissenschaftlichen Erkenntnissen abgeleitet. Ein Kriterium dafür sind kontrollierte Trinkversuche.

Laura, Joseph, Marco, Constantin, Clara und Dr. Müller sind während dieser Erklärungen schon mächtig auf Touren gekommen. Etwa 0,5 Promille haben sie sich nach einer halben bis Dreiviertelstunde angetrunken. Bei Marco reicht es nicht mehr ganz für den „Fingertest“. Die Nasenspitze trifft er zwar noch mit geschlossenen Augen. Die Zeigefinger der rechten und der linken Hand wollen nach einem weiten Bogen vor dem Körper nicht mehr exakt zusammenfinden.

Unkontrollierte Augenbewegungen, erweiterte Pupillen, die von Scheinwerfern leichter geblendet werden, eine Überschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit und ein enthemmtes Verhalten: Die Gründe, weshalb man sich nach erhöhtem Alkoholgenuss nicht mehr ans Steuer setzen sollte, sind vielfältig. Dank einer Spezialbrille können die Schüler selber einmal ausprobieren, wie schwer es ist, einen Hindernisparcours mit 0,8 beziehungsweise 1,3 Promille zu bewältigen.

Und bei ihren Mitschülern auf der Bühne werden die Folgen des Alkoholkonsums nach und nach sichtbarer. Zwar schreiben Sie keine Zettel wie der Rentner, der mit 2,3 Promille angehalten wurde und bei seiner Schriftprobe folgenden Text der Polizei überreichte: „Ich bitte Sie, mich von meiner Ehefrau zu befreien.“ Dafür schwanken sie ein wenig auf ihrem Bänkchen und grinsen breit ins Publikum. Wie gut, dass ihre Heimfahrt an diesem Nachmittag organisiert ist.

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