Kitzingen

Wenn Armut krank macht

Noch bis Freitag, 10. Juni, findet die bundesweite Aktionswoche der Schuldnerberatung statt. Wie ist es um die Armut im Landkreis Kitzingen bestellt? Fragen an Elisabeth Schmitt, Schuldnerberaterin am Landratsamt.
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Wenn jeder Cent zählt – im Landkreis Kitzingen gelten 12 500 Menschen als arm. Foto: Foto: thinkstock
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Noch bis Freitag, 10. Juni, findet die bundesweite Aktionswoche der Schuldnerberatung statt. Wie ist es um die Armut im Landkreis Kitzingen bestellt? Fragen an Elisabeth Schmitt, Schuldnerberaterin am Landratsamt.

Frage: Ab wann gilt man als arm?

Elisabeth Schmitt: Nach dem Bericht des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (DPWV) gilt jede Person als einkommensarm, die lediglich 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung hat. 2014 lag die Armutsgefährdungsschwelle für eine allein stehende Person in Deutschland bei 917 Euro und für einen Paarhaushalt mit zwei kleinen Kindern bei 1926 Euro. Nach Ansicht des DPWV markieren diese Beträge tatsächliche Armut, unter der eine selbstverständliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht mehr gegeben ist.

Wie viele Arme gibt es nach dieser Definition im Landkreis?

Schmitt: Nach dem DPWV liegt die Armutsquote in Deutschland bei 15,4 Prozent, das sind etwa 12,5 Millionen Menschen. Für die Landkreise Kitzingen, Würzburg, Main-Spessart und die Stadt Würzburg lag die Quote 2014 bei 13,9 Prozent – das sind etwa 12 500 Menschen im Landkreis Kitzingen.

Was sind die größten Schuldenfallen?

Schmitt: Arbeitslosigkeit, gescheiterte Selbstständigkeit, Erkrankung, Sucht und Trennung oder Scheidung.

Wie viele Schuldner haben Sie vergangenes Jahr beraten?

Schmitt: 2015 haben 174 Menschen die Beratungsstelle aufgesucht. 95 dieser Personen genügte eine Kurzberatung mit bis zu drei Kontakten, um die Krisensituation zu meistern oder um Schuldnerschutzmaßnahmen auf den Weg zu bringen. In 79 Fällen fanden oder finden bis heute Langzeitberatungen statt. In diesen Fällen wird meist Kontakt zu den Gläubigern aufgenommen.

Um welche Schuldenmengen ging es?

Schmitt: Die Höhe der Gesamtverschuldung konnte in 133 Fällen ermittelt werden. In 18 Fällen lag die Verschuldung unter 5000 Euro, in zwölf Fällen zwischen 5000 und 10 000 Euro, in 17 Fällen zwischen 10 000 und 20 000 Euro. 48 Personen kämpften mit Schulden zwischen 20 000 und 50 000 Euro. 21 Personen hatten mehr als 50 000 Euro Gesamtverschuldung und bei 17 Personen lag die Schuldenhöhe über 100 000 Euro.

Wie kann man helfen?

Schmitt: Mit Unterstützung der Schuldnerberatung kann die Spirale von Armut, Überschuldung und Krankheit durchbrochen und die oft unbegründeten Ängste und Schuldgefühle bei den Betroffenen ausgeräumt werden. Die Schuldnerberatung bietet den Betroffenen neben einer Existenzberatung vor allem auch Aufklärung über Rechte und Schutzmöglichkeiten. Diese Perspektive ermuntert viele dazu, das Schicksal wieder in die eigene Hand zu nehmen. Den Satz „Diese Nacht kann ich seit langer Zeit erstmals wieder ruhig schlafen“ habe ich oft schon nach dem ersten Beratungstermin gehört.

Wie ist es um die Psyche der Menschen mit Schulden bestellt?

Schmitt: Schulden sind generell belastend, unabhängig von der Höhe. Schulden üben oft einen großen Druck auf die Betroffenen aus, wenn zum Beispiel die Zwangsräumung der Wohnung droht, weil die Miete nicht mehr gezahlt werden kann oder wenn Strom und Heizung wegen ausstehender Zahlungen abgedreht werden.

Kann Armut krank machen?

Schmitt: Die Schuldensituation hat Auswirkungen auf die Gesundheit, wie die Studie „Armut, Schulden und Gesundheit“ der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zeigt. An der Erhebung in Kooperation mit 53 Schuldnerberatungsstellen in Rheinland-Pfalz nahmen knapp 700 Personen zwischen 18 und 79 Jahren teil. Demnach leiden 40 Prozent der überschuldeten Personen unter Angstzuständen, Depressionen oder Psychosen, rund 39 Prozent klagen über Erkrankungen der Gelenke und der Wirbelsäule. Es kommt zu Nervosität, zu hohem Blutdruck und vermindertem Antrieb. Sucht und Abhängigkeitserkrankungen treten bei überschuldeten Männern häufiger auf als bei Frauen.

Wie viele Haushalte sind im Landkreis Kitzingen verschuldet?

Schmitt: Nach dem Schuldner-Atlas 2015 der Creditreform sind in Deutschland rund 6,7 Millionen Menschen über 18 Jahre von Überschuldung betroffen, das sind 9,92 Prozent. In Bayern liegt die Schuldnerquote bei 7,12 Prozent und im Kreis Kitzingen bei 6,56 Prozent.

Wie kann man die Scheu nehmen, zu Ihnen zu kommen?

Schmitt: Schuldnerberatung ist kostenfrei und absolut vertraulich.

Gibt es Wartezeiten?

Schmitt: Aktuell beträgt die Wartezeit für einen Erstberatungstermin etwa drei Wochen. Bei akuten Krisensituationen kann kurzfristig ein Termin angeboten werden.

Was passiert in der Aktionswoche?

Schmitt: Während der bundesweiten Aktionswoche informiert die Schuldnerberatung im Foyer des Landratsamtes mit Schautafeln zu Themen wie Vermögensauskunft oder Kontenpfändung und Pfändungsschutz. Für alle Interessierte bietet die Schuldner- und Insolvenzberatung am Landratsamt Kitzingen am Donnerstag, 9. Juni, um 16 Uhr im großen Sitzungssaal eine kostenfreie Informationsveranstaltung zum Verbraucherinsolvenzverfahren an. Unabhängige, kostenfreie und persönliche Beratung und Unterstützung erhalten Betroffene immer bei der Schuldner- und Insolvenzberatung am Landratsamt Kitzingen.

Kontakt: Tel. (09321) 9 28 52 15, Mail: schuldnerberatung@kitzingen.de

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