Kitzingen
Krankheit

Wenn alles zu viel wird

Immer mehr Menschen leiden an psychischer Belastung, können nicht weiter arbeiten, werden Frührentner. Oft liegt die Ursache in der Kindheit. Wie bei Paul Schmidt.
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Grafik: Susanne Röhrig
Grafik: Susanne Röhrig
Jahrelang wurde er sexuell missbraucht. Geprügelt. Gedemütigt. Paul Schmidt (Name von der Redaktion geändert) war noch ein Kind, gerade mal sieben Jahre, als ein Angehöriger der Familie damit anfing und nicht mehr von ihm lassen wollte. Jahrelang hat er es ertragen, hat es über sich ergehen lassen, redete es sich schön: "Das macht er mit mir, weil er mich besonders gern hat." Jahrelang versuchte er, es nicht an sich herankommen zu lassen, versuchte zu ignorieren, wenn ihn seine eigenen Eltern nur als "zusätzlichen Fresser am Tisch" beschimpften.

Aber irgendwann war Schluss, er hat alles verdrängt, unterdrückt, sich von all dem abgespalten, wie in einer Art Schutzmechanismus. Schmidt konnte sich an nichts erinnern, wusste gar nicht mehr, dass es da überhaupt etwas gab, woran er sich erinnern müsste. Bis zu seinem 35.
Lebensjahr, als sich alles schlagartig änderte und ihn all seine Kindheitserlebnisse in Form einer posttraumatischen Belastungsstörung wieder einholten. Alkoholexzesse und Medikamentensucht waren die Folge. Schmidt verlor daraufhin alles: seinen Job, seine Frau und seine Kinder. "Ich wurde behandelt wie der letzte Dreck", erinnert sich der heute 46-Jährige. Heute bekommt er Frührente.

Dabei stand er damals mitten im Leben, war verheiratet, hatte zwei Kinder, hatte ein eigenes Häuschen, war im Kampfsport in der Nationalmannschaft, arbeitete sich vom Krankenpfleger bis zum stellvertretenden Abteilungsleiter auf der Intensivstation und Ausbilder auf der Krankenpflegestation hoch. "Ich habe gearbeitet, gearbeitet, gearbeitet. Wollte immer die beste Leistung bringen. Heute weiß ich, dass das die Jagd nach nach Anerkennung war", sagt Schmidt. Mehrere Bandscheibenvorfälle am Rücken beendeten seine Glückssträhne. Trotz vier Operationen: Die Schmerzen blieben, hörten nicht auf.

Schmidt griff zum Alkohol, nicht oft, aber immer wieder. Trank sich zeitweise von null auf 4,9 Promille. Mehrmals landete er ohnmächtig im Krankenhaus, ohne sich an irgendetwas erinnern zu können. Medikamentenabhängigkeit kam dazu. Auf der Arbeit fiel Schmidt immer mehr auf, wurde schließlich gefeuert. "Ich hab' mich richtig abgeschossen, hab' alles genommen, was mich platt gemacht hat." Dass hinter den Rückenschmerzen viel mehr steckte, sie ihn an die Schmerzen erinnerten, die er als Kind beim sexuellen Missbrauch hatte - das ahnte er damals noch nicht.

Schmidt fühlte sich machtlos, hilflos, setzte alle Hebel in Bewegung, um sich wieder in den Griff zu bekommen, besuchte die anonymen Alkoholiker, war mehrmals auf der Entgiftungsstation, bekam therapeutische Behandlung. Die meisten haben ihm aber einfach nur den Stempel "Süchtiger" aufgedrückt. Ursachenforschung? Fehlanzeige. Erst ein Arzt in der Wernecker Psychiatrie konnte ihm helfen, stellte ihn medikamentös neu ein, brachte das Thema "sexuellen Missbrauch" aufs Tablett. "Erst dann hat sich alles nach und nach herauskristallisiert. Jetzt kann ich in Ruhe alles aufarbeiten."

Schmidt ist mit seiner Leidensgeschichte nicht die Ausnahme, das weiß auch Roswitha Kramer, Kreisgeschäftsführerin beim VdK. Im Gegenteil. Oft sind Kindheitserinnerungen die tatsächliche Ursache für psychische Belastungen und damit für die Frühverrentung: "Die meisten Menschen kümmern sich nur nicht darum, das Erlebte aufzuarbeiten. Die Krankheit tritt deshalb meist erst im späteren Alter auf."

Die beruflichen Anforderungen seien in solchen Fällen oft nur der Auslöser für die Erkrankung. Sie tritt vor allem in Dienstleistungsberufen auf: "Es ist oft typisch, dass Pfleger und Menschen, die in ihren Berufen anderen helfen, besonders gefährdet sind."

Eine Hauptursache für psychische Belastungen gibt es aber nicht. "Es ist ein Zusammentreffen mehrerer Faktoren", erklärt Kramer. In den letzten Jahren haben die Fälle deutlich zugenommen. Hintergrund ist immer öfter die Überforderung im Beruf. Viele fühlen sich überlastet, gequält, manchmal sogar gemobbt. "Die beruflichen Anforderungen steigen. Es wird doch nur noch erwartet, dass man funktioniert", sagt Kramer.

Schmidt ist dem VdK bis heute dankbar. Der begleitete ihn, als es ihm schlecht ging, half ihm beim Ausfüllen von Anträgen, Behördengängen und allem, was anstand. Bis er seine Frührente bekam, dauerte es ganze anderthalb Jahre. Arbeiten darf er nicht. Vielmehr versucht er weiter, sein Trauma von damals zu überwinden. Mit einer Intervalltherapie an einer Klinik in Göttingen wird er nach wie vor behandelt. "Ich rappele mich langsam wieder auf. Es ist ein Prozess, bei dem sich Puzzlesteinchen an Puzzlesteinchen zusammenfügt", sagt er. "Ich stehe wieder im Leben, das ist das Allerwichtigste."

Ein Drittel Frühverrentung wegen psychischer Leiden:

Landkreis 26 Männer und 33 Frauen aus dem Landkreis Kitzingen sind 2011 wegen psychischer Störungen in Frührente gegangen. Das sind 32 Prozent aller neuen Frührenten des Jahres im Landkreis. Bei den Frauen sind es sogar 41,3 Prozent. Das Durchschnittsalter der Kitzinger Männer, die wegen psychischer Störungen vorzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden, betrug 49,9 Jahre, das der Frauen 47,4 Jahre. Das geht aus einer aktuellen Untersuchung der Techniker Krankenkasse (TK) hervor.
Unterfranken In Unterfranken wurden im Jahr 2011 527 Männer und 544 Frauen wegen psychischer Störungen frühverrentet. Das entspricht einem Anteil von 37,4 Prozent aller neuen Frührenten in Unterfranken.

Deutschland Bundesweit wurden 2011 32 287 Männer und 40 256 Frauen wegen psychischer Störungen frühverrentet. Das entspricht einem Anteil von 41,4 Prozent aller neuen Frührenten in Deutschland.
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