SEINSHEIM

Weniger Selbstkritik und mehr Mut

Frauen aus dem Landkreis im Gespräch mit Ilse Aigner: Die Landtagspräsidentin rät, sich mehr zuzutrauen.
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In einer lockeren Runde kam schnell ein offenes Gespräch mit Landtagspräsidentin Ilse Aigner auf. Foto: Foto: Daniela Röllinger
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„Traut Euch etwas zu. Streicht die Frage, ob ihr etwas könnt aus Eurem Wortschatz!“ Diese Botschaft hat Ilse Aigner an alle Frauen. Vor ihrem Auftritt beim Tag des Bieres in Seinsheim stand die Landtagspräsidentin einem kleinen Kreis von politisch interessierten Frauen aus dem Landkreis Kitzingen Rede und Antwort.

Die Kommunalwahlen stehen vor der Tür, die Parteien und Gruppierungen haben mit der Suche nach Kandidaten begonnen. Zum Mitmachen und Mitgestalten sind dabei insbesondere auch Frauen aufgefordert – und die hatten CSU-Landtagsabgeordnete Barbara Becker und JU-Kreisvorsitzende Sabrina Stemplowsky zu einer gezielt kleinen Gesprächsrunde mit Landtagspräsidentin Ilse Aigner eingeladen. Von der Schülerin bis zur Rentnerin waren knapp 20 Frauen zu dem Gespräch gekommen.

Heute beherrscht die „große Politik“ den Alltag von Ilse Aigner, aber das war natürlich nicht immer so. Auch sie hat einmal da angefangen, wo die eingeladenen Frauen künftig mitmachen sollen oder teilweise auch schon mitmachen: in den kommunalen Parlamenten. Zu Beginn ihrer Zeit im Gemeinderat war sie dort die einzige Frau.

Schon in der Schulzeit hat sich Ilse Aigner für die Gemeinschaft engagiert, war Klassensprecherin und Schülersprecherin und in Vereinen aktiv. Es sei quasi ins Stammbuch der Familie geschrieben gewesen, dass man nicht nur konsumieren dürfe, sondern sich auch in die Gesellschaft einbringe müsse. Sie trat in die Junge Union ein und wurde 1990 erstmals in den Gemeinderat von Feldkirchen-Westerham und in den Kreistag von Rosenheim gewählt. Es folgte eine beeindruckende politische Karriere als Landtags- und Bundestagsabgeordnete, Bundeslandwirtschaftsministerin, bayerische Wirtschaftsministerin, bayerische Bauministerin. Heute ist sie oberste Repräsentantin des Bayerischen Landtags und führt die Geschäfte des Parlaments.

Hat sie also „Glück gehabt“? Das sei eine Formulierung, wie sie Frauen wählen würden, meinte Aigner. „Männer sagen so etwas nicht.“ Vielmehr sei es so, dass man sich einbringe, sich engagiere und dadurch jemand auf einen aufmerksam werde.

Wie sie es schaffe, sich schnell in ein Themenfeld einzuarbeiten, wollten die Teilnehmerinnen wissen, schließlich sei sie zunächst in Berlin für die Landwirtschaft, in Bayern dann unter anderem für den Verbraucherschutz zuständig gewesen. Aigner verwies auf die Experten, die den Ministern in den jeweiligen Ministerien zur Verfügung stehen. Hinzu kommen die Ratschläge der Abgeordneten, der Bürger und der Vertreter der jeweiligen Lobby. Daraus müsse man dann „das Puzzle zusammensetzen“.

Als Landwirtschaftsministerin hätte sie Forstwirt, Landwirt, Winzer, Jäger und noch vieles mehr sein müssen – und das gehe natürlich nicht. Sie arbeite sich gern und auch recht schnell in neue Themen ein. Dazu müsse man bereit sein, aber das sei in jedem Beruf so. „Wer denkt, es reicht, was er einmal gelernt hat, wird auch da nicht bestehen“, erklärte die Elektrotechnikerin, die nach der Schule Radio- und Fernsehtechnikerin gelernt hatte. Neues zu lernen halte jung und frisch und mit der Zeit eigne man sich ein breites Wissen an.

Wenn Frauen vor neuen Aufgaben oder Entscheidungen stehen, fragen sie sich oft: „Kann ich das?“, egal, ob es um ein fachliches Thema oder um das familiäre Umfeld gehe. Von einem Mann habe sie diesen Satz dagegen noch kein einziges Mal gehört. Fachlich bräuchten sich Frauen diese Frage nicht zu stellen, schließlich seien sie gut ausgebildet. Eine andere Frage sei, ob man sich die Sache zutraue. Und da müssten Frauen viel mehr an sich glauben.

Wie in der Gesprächsrunde deutlich wurde, kommt noch ein weiteres, frauenspezifisches Problem, dazu: Gerade Frauen stünden anderen Frauen oft sehr kritisch gegenüber. Das gehe schon bei der Frage los, ob eine Mutter arbeite: Wer das tue, dem werde vorgeworfen, er vernachlässige die Kinder; wer nicht arbeite, werde als „Trutscherle“ tituliert. „Wir dürfen nicht zulassen, dass Frauen sich gegenseitig runtermachen“, findet Ilse Aigner. „Es gefällt doch den Männern am besten, wenn Frauen sich beharken.“ Auch Bundestagsabgeordnete Anja Weisgerber berichtete von derartigen Fällen und forderte die Frauen auf, sich gegenseitig zu unterstützen und zu fördern und einander mit Respekt zu begegnen.

Dass hier ein Kreis von interessierten und engagierten Frauen zusammengekommen war, zeigte sich an den Fragen, die der Landtagspräsidentin gestellt wurden. Da ging es nämlich keinesfalls nur um Tipps und Tricks für Frauen in der Politik, sondern auch um politische Inhalte wie die Fridays-for-Future-Bewegung, das Urheberrechtsgesetz und den Umgangston im Parlament.

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