NORDHEIM/ALZENAU

Weinreise in den Alzenauer Apostelgarten

Wer von Frankenwein redet, kommt höchstwahrscheinlich nicht gleich auf Alzenau. Doch ein Besuch im nordwestlichsten Zipfel Bayerns lohnt sich, ist ein Geheimtipp.
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Weinreise Nummer vier ist ein echter Geheimtipp und führte Christina Schneider nach Alzenau, in die kleinste Anbauregion. Dort fachsimpelte die Nordheimerin im Stadtteil Hörstein mit Jungwinzer Nils Hohnheit (links) in dessen Weingut in der wild bewachsenen Ruine. Foto: Foto: Norbert Hohler
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„Wir blicken oft nach München, flaggen gern Weißblau.“
Walter Scharwies, Altbürgermeister Alzenau

Wer von Frankenwein redet, kommt höchstwahrscheinlich nicht gleich auf Alzenau – wenn überhaupt: Im nordwestlichsten Zipfel Bayerns wird gebabbelt, nicht geredet. Im nahen Frankfurt sind Äppelwoi und Bembel spätestens seit Heinz Schenk und dem Blauen Bock weltbekannt.

Und doch: Wer jetzt zum Ende der Ferien noch nach einem Ausflugsziel sucht – die Weinregion Alzenau ist ein Geheimtipp, steckt voller Überraschungen. Zum Beispiel hatte Schauspieler Günter Strack dort Weinberge, weil seine Mutter aus Wasserlos stammte. Als die Deutsche Weinkönigin Josefine Schlumberger neulich Franken besuchte, bei Armin Heilmann im Alzenauer Ortsteil Michelbach Station machte, war sie hin und weg. „Erst war ich überrascht, wohin mich das Navi führt. Aber was ich dort gesehen habe, die Mischung aus Weinbergen und Wald, Obstanbau und Ackerbau, hat mich begeistert.“

Kleinste Weinregion Frankens

Ihre Begleiterin, die Fränkische Weinkönigin Christina Schneider, ist fast schon Stammgast im Reich von Weinbauvereins-Chef Klaus Gündling und Bürgermeister Alexander Legler; sie hat Gefallen gefunden an der kleinsten Weinregion Frankens mit 90 Hektar Rebfläche.

Die 22-Jährige muss lachen, als sie die Geschichte von der Einweihung des terroir-f-Punktes im Juni erzählt. „Ich habe die drei großen Fahnen im Apostelgarten zwar von weitem gesehen, aber trotz mehrerer Versuche den Fahrweg nicht gefunden. Also bin ich mit Pumps den Weinberg hochgestiefelt. Und nachdem ich das in meiner Rede erwähnt hatte, haben es mehrere Ehrengäste nachher aufgegriffen und gesagt, dass es ihnen ebenso ergangen ist.“

Überzeugte Bayern

Zu den kleinen Überraschungen gehört: Die Alzenauer produzieren zwar Frankenwein, sind aber überzeugte Bayern. Die Alzenauer Burg gehört dem Freistaat, der Staatliche Hofkeller hat im Ortsteil Hörstein Rebflächen, der Fußballverein heißt Bayern Alzenau. „Sprache und Mentalität sind anders als im übrigen Franken, der Spessart bildet eine Barriere. Wir blicken oft nach München, flaggen gern Weißblau“, verdeutlicht Altbürgermeister Walter Scharwies.

Dementsprechend groß wird gefeiert, dass Alzenau 1816 infolge des Münchner Vertrages vom hessischen Darmstadt an Bayern überging. „Vivat, es lebe unser geliebter König“, hieß es vor 200 Jahren. Als Horst Seehofer anlässlich des Jubiläums mit seinem Kabinett in der Burg Alzenau tagte, quasi Hof hielt, durfte sich der Ministerpräsident über viel Zuneigung „seines Volkes“ freuen.

2015 war Gartenschau

Erst ein Jahr zuvor, 2015, war Gartenschau in Alzenau: Das Gelände am Flüsschen Kahl ist weitläufig, ein Blumenmeer, ideal für einen Ferientag. Es gibt dort Spielplatz, Kiosk, Hängematten, eine Kneipp-Anlage. „Ganz schön kalt“, fand Christina Schneider das Wasser beim Praxistest, „aber gut für die Lebensgeister“.

Erstaunlich ist: Obwohl es in den drei Ortsteilen gerade 15 Betriebe gibt, ist die Vielfalt groß: Armin Heilmann hat eben den Staatsehrenpreis gewonnen, Klaus Simon aus Wasserlos ist nicht nur erfolgreicher Winzer, sondern Edelbrenner, hat die Messe „Der Kahlgrund brennt“ zur Erfolgsgeschichte gemacht.

Lausbub auf Erfolgskurs

Und dann setzt da ein Jungspund wie Nils Hohnheit (22) aus Hörstein Ausrufezeichen: Der Winzer, Weinbautechniker und Oenologe hat während seines Studiums einen Hektar als Nebenerwerbswinzer bearbeitet. Und kürzlich jenes Weingut (knapp vier Hektar) übernommen, in dem er vorher mitgearbeitet hatte.

„Früher wurde ich Lausbub genannt, weil ich immer etwas angestellt habe. Also habe ich meinen ersten eigenen Wein so getauft, auch Etikett und Schriftzug selbst kreiert,“ erzählt der Jungwinzer, der für seine Hoffeste ein kurioses Extra hat: Ein kleines Haus ohne Dach, bewachsen mit Weinreben. Mit einer Lichtinstallation ergibt sich beim Feiern eine besondere Atmosphäre. „Die Leute waren ganz begeistert.“

Zweitälteste Winzergenossenschaft

Da verwundert es kaum noch, dass es den jungen Mann nicht hinaus in die weite Welt zieht. „Ich muss morgens meinen Kirchturm sehen – die Arbeit im Weinberg, die Vermarktung, das alles ist genau das Richtige für mich.“

Kurios auch: Der 22-Jährige bewirtschaftet damit locker die Rebfläche von Frankens kleinster Winzergenossenschaft in Hörstein: 16 Nebenerwerbswinzer teilen sich dort knapp fünf Hektar, die Weinlese ist an zwei Wochenenden erledigt. Aber: Vom Winzerkeller Sommerach abgesehen, der 1901 gegründet wurde, ist Hörstein (1903) Frankens zweitälteste, noch bestehende Genossenschaft.

Jokerfrage für Jauch

Am Ende der Weinreise gibt es noch eine ideale Jokerfrage für Günter Jauch: Was heißt die vierte Bodenart für Frankenwein? Klar: Trias, die drei Gesteinsarten Keuper, Muschelkalk und Buntsandstein kennt man. Doch in Alzenau gibt es Urgestein, 420 Millionen alten Glimmerschiefer. Die vierte Bodenart wird oft vergessen, auf der Frankenwein wächst und gedeiht – und wie!

Mit 90 Hektar Rebfläche und 15 Vollerwerbs-Betrieben ist die Weinregion Alzenau die kleinste der zwölf vom Fränkischen Weinbauverband festgelegten Gebiete. Wein angebaut wird in Alzenau in den Stadtteilen Hörstein, Wasserlos und Michelbach.

Michelbach ist der nördlichste fränkische Weinort. Im der denkmalgeschützten Lage Apostelgarten wurde kürzlich ein „terroir-f“-Punkt eingeweiht, ein magischer Punkt des Frankenweins, mit herrlichem Blick über Kahlgrund, Hahnenkamm (437 Meter) und bis nach Frankfurt. In Wasserlos gibt es die Lagen Schlossberg und Luhmännchen, in Hörstein Reuschberg und Abtsberg – dort wurden um das Jahr 1000 die ersten Weinstöcke von Mönchen gepflanzt. Die Winzergenossenschaft Hörstein eG ist die kleinste Unterfrankens mit fünf Hektar Rebfläche, es gibt rund 30 „Genossen“, darunter 16 Winzer.“

Neu ist der „Alzenauer Burgriesling“, der 2014 gepflanzt wurde; im Herbst gibt es dort die erste Weinlese. Das ist der Platz, an dem 1543 der damalige Erzbischof und Kurfürst zu Mainz, Al- brecht von Brandenburg, Weinbau erlaubte. Daran knüpft die Stadt jetzt an.

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