WÜRZBURG

Weg vom Opferdenken

Warum eine sinnvolle Entwicklungshilfe im Kopf eines jeden Einzelnen anfängt.
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In Jordanien hat er das Flüchtlingslager Za'aatari geleitet. In Würzburg erklärte Kilian Kleinschmidt, warum das bisherige Denken und Handeln der westlichen Länder in Sachen Flüchtlingshilfe überholt ist. Foto: Foto: Kleinschmidt
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Zuerst muss die Einstellung verändert werden. Die Denkweise. Weg von den armen Almosenempfängern hin zu Menschen, die eine Lebensperspektive suchen. Kilian Kleinschmidt kämpft seit Jahren darum, dieses neue Denken in den Köpfen der Menschen zu verankern. Weil es für ihn der Schlüssel zu einer gerechten Entwicklungshilfe ist.

Kleinschmidt hat in Ruanda gearbeitet, im Kongo und in Kenia. Er hat eines der größten Flüchtlingslager in Jordanien geleitet. Rund 100.000 Menschen lebten in Za?aatari. Spätestens dort hat er gelernt, dass die herkömmliche Entwicklungshilfe nicht zielführend ist. Dass es andere Ansätze braucht. Seine Vorstellungen hat er kürzlich auf Einladung der AWO in Würzburg vorgestellt.

„Es wird ein unangenehmer Abend“, kündigte Kleinschmidt an. „Weil er ihr Denken verändern wird.“ Seit 1988 ist der 56-Jährige in der Flüchtlingsarbeit tätig. „Seither helfe ich, den Dreck aufzuwischen, den wir alle gemeinsam verbrochen haben.“ 600 Jahre Kolonialismus hätten ihre Spuren hinterlassen. „Damit es uns gut geht, haben wir Raubbau an diesem Planeten betrieben.“ Zu Lasten der Menschen in Afrika, Südamerika und Teilen Asiens. Kein Wunder, dass sich die Menschen dort auf den Weg machen. Auf die Suche nach einem besseren Leben. Im übrigen ein ganz normaler Vorgang. Migration sei ein Teil der Weltgeschichte, ein Teil der Evolution, erinnerte Kleinschmidt. „Venedig ist einst als Flüchtlingslager entstanden.“

„Die Menschen rebellieren gegen diese

Entmenschlichung“.

Kilian Kleinschmidt, Ex-„Bürgermeister“ von Za?aatari

Die zwei Millionen Flüchtlinge, die es bis nach Deutschland geschafft haben, bezeichnete er als „meine Helden“. Sie hätten mit ihrem Willen und Durchhaltevermögen gezeigt, dass die caritative Almosenhilfe der letzten Jahrzehnte nicht mehr ausreiche, dass sie nicht verfängt. „Diese Menschen wollen mehr.“ Sie wollen ein Teil dieser Welt sein. Sie wollen Perspektiven haben und nicht in Flüchtlingslagern abgestellt werden, wo ihr Überleben reguliert und in Zahlenkolonnen aufgereiht ist. Wo sie zu einer Nummer verkommen. 4,5 Quadratmeter Lebensraum pro Person, 2100 Kilokalorien pro Tag. „Die Menschen rebellieren gegen diese Entmenschlichung.“

Also machen sie sich auf den Weg. Auf die Suche nach Arbeitsplätzen, nach einem selbstbestimmten Leben. „Immer neue Lager und immer neue Spenden können nicht die Lösung sein“, appellierte Kleinschmidt an die Zuhörer. Die Lösung ist vielmehr ein selbstbestimmtes Leben, die Möglichkeit, am Wirtschaftskreislauf teilzunehmen, einer Arbeit nachzugehen.

Im Lager Za?aatari haben die Menschen schnell gegen die Regulierung protestiert. Sie haben die Gemeinschaftsduschen und die Gemeinschaftsküchen zerlegt – und ihre eigenen kleinen Küchen und Duschen gebaut. „Der Mensch ist ein Individuum“, erinnerte Kleinschmidt. Aus einem Abstelllager haben die Flüchtlinge nach und nach eine eigene Stadt gebaut – mit Einkaufsläden, mit Dienstleistern, mit individuellen kleinen Häusern. „Ihr eigenes Venedig.“

Statt einer streng regulierten und kontrollierten Ausgabe von Essen, Wasser und anderen Waren hat jeder Bewohner pro Tag einen Dollar erhalten. Er konnte selbst entscheiden, wie und wo er dieses Geld ausgeben wollte. Das Recht auf eine eigene Wahl hat Wunder bewirkt. „Es gab keine Unruhen mehr. Za?aatari ist zu einer friedlichen Stadt geworden.“ Mehr noch: Die Bewohner haben Visionen entwickelt: Sie haben über eine eigene Strom- und Wasserversorgung nachgedacht. Ein Straßennetz diskutiert. Kurz: Zukunftspläne geschmiedet.

Kleinschmidts Lehre aus den zwei Jahren in Za?aatari: Die Menschen brauchen Business, sie wollen eigenverantwortlich handeln. „Warum nicht Sparprogramme auflegen, Kleinkredite geben?“, fragt er. „So ist das Leben in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg auch wieder in Schwung gekommen.“ In Holland werden solche Szenarien bereits durchdacht. „Das Umdenken hat begonnen“, freut sich Kleinschmidt.

Aus Entwicklungsarbeit eine Zusammenarbeit machen. So stellt sich der gebürtige Essener die künftige Hilfe vor. Mit der Stadt Amsterdam läuft bereits eine Kooperation. Die dortigen Stadtentwickler haben sich Za?aatari angeschaut, mögliche Konzepte für die Zukunft entwickelt. Nachhaltige Entwicklungszonen schaffen, anstatt viele kleine Investitionen zu tätigen. Darin liegt für Kleinschmidt die Zukunft. „Wir müssen Prozesse anstoßen.“

Für Deutschland und Europa heißt das: Sich endlich als Einwanderungskontinent begreifen. Die Suche nach Arbeitskräften geht schon jetzt los und wird in absehbarer Zukunft nicht abebben. „Wir werden die Zeiten erleben, in denen wir aktiv Menschen aus anderen Regionen dieser Welt akquirieren“, prophezeite Kleinschmidt. Menschen, die gleichberechtigt behandelt werden möchten.

Auch dafür ist zunächst allerdings ein Umdenken im Kopf nötig. Weg vom Opferdenken, hin zu einer Mitarbeit auf Augenhöhe. „Diese Menschen sind nicht schwach“, betonte Kleinschmidt. „Wir müssen sie endlich als ganz normale Menschen mit ganz normalen Bedürfnissen betrachten – und danach handeln.“

Biografie

Kilian Kleinschmidt ist ein Migrationsexperte mit mehr als 25 Jahren Erfahrung in vielen Ländern, Krisensituationen und Flüchtlingslagern. Er hat für die Vereinten Nationen und vor allem das UNO Flüchtlingshilfswerk UNHCR gearbeitet und war in das Management vieler der größten Krisen der Welt involviert. Er ist Gründer und Vorstand der Startup Firma Innovation & Planning Agency-Switxboard in Wien und einer gemeinnützigen Organisation in den USA mit dem gleichen Namen. 2013 bis 2014 ist er vor allem bekannt geworden durch seine Arbeit als „Bürgermeister von Za?aatari“ als er für UNHCR das damals zweitgrößte Flüchtlingslager der Welt managte.

Vor seiner Rolle in Za?atari war er der stellvertretende humanitäre Koordinator für Somalia, der Stellvertretende UNO Botschafter in Pakistan, Direktor a.i. der Rückkehr und Minderheiten Abteilung der UNMIK im Kosovo, Generalsekretär der Rückkehr, Migrations und Flüchtlingsinitiative im westlichen Balkan und in vielen Krisenherden mit UNHCR, UNDP, WFP in Afrika und Südostasien unterwegs.

Und das sagt:

Gerald Möhrlein, AWO-Vorsitzender im Kreis Kitzingen: Ich fand den Vortrag sehr beeindruckend, besonders den Ansatz der Selbstwirksamkeit und der Gestaltungsmöglichkeit im Flüchtlingslager Za'aatarii. Geflüchtete beziehungsweise Flüchtlinge als „Menschen in Bewegung“ zu bezeichnen, finde ich einen kreativen Ansatz. Dass Menschen nicht ausschließlich aufgrund von Kriegen oder politischen Regressionen flüchten müssen, sondern auch aufgrund des Klimawandels ist ein wichtiger Aspekt. Kilian Kleinschmidt hat gut den Wunsch auf Teilhabe beschrieben und somit die Schere „Arm-Reich“ in den Fokus gerückt und die verfehlte Entwicklungspolitik und Einwanderungspolitik an den Pranger gestellt.

Was gefehlt hat, waren konkrete hilfreiche Ansätze für uns in Europa/Deutschland/Bayern. Wir werden bei uns keine künstlichen Städte errichten. Vielmehr ist der kultursensible Umgang miteinander hinsichtlich kultureller Unterschiede im rechtlichen Rahmen meiner Meinung nach das zentrale Thema.

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