WIESENTHEID

Was schon die alten Tibeter wussten...

...ist heute ganz aktuell. Apothekerin Angela Klein erklärt, wie man kranke Menschen ganzheitlich behandeln kann.
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Naturmedizin hat Dr. Angela Klein schon immer interessiert. Bei ihrem Vortrag über Tibetische Medizin wird sie unter anderem auf die Wirkstoffe eingehen, die in grünem und schwarzem Kardamom, Galgant, Zimt, Ingwer, Kurkuma, langem Pfeffer, Granatapfel und Artischocke versteckt sind. Foto: Foto: DIANA FUCHS
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Arzneimittel aus Pflanzen nach tibetischen Rezepturen, bezahlt von der Krankenkasse? „In einigen Kantonen der Schweiz ist es mittlerweile gang und gäbe, dass Ärzte Mittel verordnen, die schon die alten Tibeter als Heilmittel kannten“, berichtet Apothekerin Dr. Angela Klein. In Deutschland ist man noch nicht so weit. Aber zumindest als Nahrungsergänzungsmittel sind die tibetischen Kräuer- und Gewürzpräparate seit kurzem zugelassen. Angela Klein hat sich schon vor Jahren eingehend mit der Tibetischen Medizin befasst und ihre Wirksamkeit erforscht. Am 16. Mai lädt sie in Wiesentheid zu einem Vortrag ein.

Seit 2017 sind traditionelle tibetische Heilmittel in Deutschland zugelassen – als Nahrungsergänzungsmittel. Wie finden Sie das?

Dr. Angela Klein: Ich bin höchst erfreut darüber. Bisher stand die Traditionelle Tibetische Medizin in Deutschland ja nicht so im Fokus. Das kann sich nun ändern.

Was zeichnet die Tibet-Medizin aus?

Es handelt sich um ein Medizinsystem, das zu den ältesten durchgehend praktizierten Traditionen gehört. Der Mensch wird als Ganzes betrachtet und, wenn es ihm schlecht geht, auch so behandelt.

Das heißt?

Es werden nicht nur die Symptome behandelt, sondern es wird nach der Ursache der Krankheit geforscht, um diese zu beseitigen. Ich finde es faszinierend, wie aktuell und stimmig das uralte Wissen ist. Gerade chronische Erkrankungen können positiv beeinflusst werden.

Nach welchem Prinzip gehen tibetische Ärzte beim Behandeln vor?

Es gibt verschiedene Diagnose-Methoden, von der Pulsdiagnose über Zungen- und Urin- bis hin zur Augendiagnose und zum Betasten des Körpers. Sobald der Arzt die Störung beziehungsweise das energetische Ungleichgewicht im Körper ermittelt hat, gibt es vier Säulen der Behandlung. Die erste ist die Anpassung der Ernährung, die zweite das eigene Verhalten, das möglicherweise geändert werden muss. Erst die dritte Säule sind Arzneimittel. Danach kommen manuelle Therapien, also Massagen und Ähnliches.

Das klingt nach anderen östlichen Heilverfahren.

Ja, da gibt es einen gemeinsamen Ursprung. Das System der Traditionellen Tibetischen Medizin, wie wir es heute kennen, ist entstanden, weil im 7. Jahrhundert der tibetische König Songtsen Gampo – „der Tibeter“ – die besten Heiler seines eigenen Landes und der Nachbarländer zusammenholte, um ihr Wissen zu vereinen. Ayurveda, Traditionelle Chinesische Medizin, persische Medizin und die lokale schamanistische Bön-Medizin, die Urmedizin Tibets, gingen auf diese Weise eine einzigartige Verbindung ein.

Bisher gibt es in Europa nicht viele Forschungen über die Wirksamkeit der Tibetischen Medizin.

Es gibt schon Forschungen, aber nicht in so großem und teurem Stil wie bei marktführenden Pharmaunternehmen. Im Wesentlichen gibt es in Europa nur eine einzige Firma, die tibetische Medizin nach europäischem Arzneimittelstandard produziert und vertreibt: die Schweizer Padma AG. In Kooperation mit dieser habe ich am Institut für Medizinische Biochemie der Uni Innsbruck nach meiner Ausbildung in Tibetischer Medizin fünf Jahre lang die Wirkung der pflanzlichen Substanzen biochemisch auf molekularer Ebene untersucht. Die Ergebnisse haben die Wirkprinzipien tibetischer Rezepturen untermauert. Sie zeigen antioxidative und entzündungshemmende Wirkungen.

Behandeln Sie sich selbst mit Hilfe von Tibetischer Medizin?

Natürlich. Die alte Lehre fließt in vielen Bereichen in mein Leben und das meiner Familie ein. Eine ganz simple Sache ist es, täglich mehrmals heißes Wasser zu trinken – das lässt die Lebensenergie im Körper fließen. Aber auch Beschwerden behandle ich mit Hilfe von Tibetischer Medizin. Wenn ich zum Beispiel nächtelang nicht richtig schlafen kann, etwa weil die Kinder krank sind, dann nehme ich „NervoTib“, Darin enthalten sind Kräuter und Gewürze wie der indische Weihrauch, Gewürznelken und Muskatnuss, Myrobalanen-Früchte, Süßholzwurzel, Alantwurzel und Bockshornsamen. Damit schlafe ich wunderbar.

Für welche Beschwerden gibt es Mittel aus der tibetischen Lehre?

Aus meiner Sicht liegt die Stärke der Tibetischen Medizin in der Behandlung von chronischen Krankheiten: Gut behandelbar ist alles, was mit Verdauung zu tun hat – von Sodbrennen über Reizdarm bis hin zu Leber- und Gallenproblemen –, aber auch Probleme mit der Blutzirkulation, der Psyche, ebenso wie Arteriosklerose und Gelenkentzündungen. Wichtig ist, dass der Mensch ganzheitlich gesehen wird. Ehe man zu Arzneimitteln greift, werden Ernährung und Verhalten überprüft und gegebenenfalls angepasst.

Wird die Tibetische Medizin in ein paar Jahren etwas Selbstverständliches in Deutschland sein?

Das wäre schön. Ich freue mich, wenn ich meine Begeisterung für die Sache mit vielen Menschen teilen kann. Für mich ist klar, dass das alte Wissen der Tibeter uns auch heute das Leben erleichtern kann.

Die Lehre der Tibeter

Zur Person: Dr. Angela Klein (40) hat sich schon früh für Naturheilverfahren interessiert. Nach ihrem Pharmazie-Studium absolvierte sie bei einem tibetischen Arzt im norditalienischen Mailand innerhalb von vier Jahren eine Zusatzausbildung in Tibetischer Medizin. In Österreich erforschte sie, was auf molekularer Ebene in menschliche Zellen nach der Behandlung mit tibetischen Arzneimitteln passiert. Heute lebt die verheiratete Mutter zweier Kinder mit ihrer Familie in Eichfeld. Vor kurzem hat sie zusätzlich die Heilpraktiker-Ausbildung abgeschlossen. Als Apothekerin arbeitet sie u. a. in der Wiesentheider Marien-Apotheke.

Vortrag: Am Donnerstag, 16. Mai, sind alle Interessierten ab 19 Uhr zu einem Vortrag über die Tibetische Medizin ins Historische Pfarrhaus Wiesentheid eingeladen. Der Eintritt ist frei. (ldk)

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