Iphofen
Ernährung

Waldboden statt Gitterkäfig: In Unterfranken haben Schweine echt Schwein gehabt

Das Schwein ist des Deutschen liebstes Speisetier - trotz aller Diskussionen um Massentierhaltung und Klimabilanz. Anders die Eichelschweine: In einem Wald bei Iphofen (Landkreis Kitzingen) hat Hans Huss den Tieren ein einzigartiges Refugium geschaffen.
Artikel drucken Artikel einbetten
Hier bin ich Schwein, hier darf ich's sein: In einem Wald im Landkreis Kitzingen leben sogenannte Eichelschweine nach einem vergessenem Rezept. Foto: Stephan Großmann
Hier bin ich Schwein, hier darf ich's sein: In einem Wald im Landkreis Kitzingen leben sogenannte Eichelschweine nach einem vergessenem Rezept. Foto: Stephan Großmann
+5 Bilder

Plötzlich raschelt es im Unterholz. Eine kleine Gruppe von fünf Schweinen nähert sich neugierig. Sie schnüffeln drauf los und grunzen aufgeregt, dabei scharren ihre Füße auf dem ohnehin schon ganz aufgewühlten Boden herum. Nach ein paar Minuten scheinen ihnen die Besucher langweilig geworden zu sein, sie trollen sich und verschwinden hinter den Zweigen. Warum sie das tun? Weil sie es können.

Das, was sich zwischen großen Huteichen und kleinen Hainbuchen im Herzen Unterfrankens abspielt, ist in der Art einmalig in Deutschland. Maximal 250 Tiere leben dort auf einer Waldfläche von 50 Hektar. Sie ernähren sich hauptsächlich von dem, was ihnen der Wald zu bieten hat: Eicheln, Brombeerblättern, Pilzen. Was im ersten Moment an das freie Leben von Wildschweinen erinnert, ist eine traditionelle, in Vergessenheit geratene Halteform für Hausschweine: die Waldweide.

Hans Huss blickt sich um, beobachtet eine weitere Gruppe Schweine. Er nickt zufrieden. In diesen Tagen besucht der Agraringenieur aus Freising beinahe jede Woche das Waldstück bei Iphofen im Landkreis Kitzingen, um nach seinen Tieren zu sehen. Wollte er jedes Einzelne zu Gesicht bekommen, müsste er sich Zeit nehmen - vier Schweine teilen sich gerade eine Fläche von der Größe eines Fußballfeldes. Drei bis vier Monate lang leben die sogenannten Eichelschweine im Wald, zur Herbstveredelung. Vorher lebten Huss' Tiere knapp sechs bis sieben Monate lang in einem regionalen Vormastbetrieb.

Dreimal frisches Fleisch pro Jahr

In einigen Wochen wird das erste Mal geschlachtet. Schon jetzt trudeln die Vorbestellungen ein. Nur drei Termine gibt es pro Jahr, nur dreimal bekommen die Kunden das mittlerweile sehr begehrte Eichelschwein-Fleisch frisch. Das ist zwar ungleich teurer als Abgepacktes im Laden. Pro Kilogramm Schnitzel werden beispielsweise 22,50 Euro fällig - das mindestens Vierfache wie im Discounter. Ein Kotelett kostet gerne sogar das Fünffache. "Immer mehr Menschen achten auf Herkunft und Geschmack", sagt Huss. "Und manche sind bereit, dafür etwas mehr zu bezahlen." Zu seinen Kunden zählen längst nicht nur Sterneköche und Bio-Metzger. "Mittlerweile machen Privatleute etwa die Hälfte der Kundschaft aus", so Huss.

Angefangen hatte alles vor 16 Jahren. Die Idee entsprang zwei damaligen Landwirtschaftsstudenten an der TU München beim zweifelhaften Genuss eines Mensa-Schweinebratens. Einer davon war Hans Huss. Er formte aus dieser Idee seine Diplomarbeit und später ein seit Jahren funktionierendes Ernährungs- und Naturschutzprojekt am Steigerwaldrand. Ein Markt ist da für tierethisch saubereres Fleisch von Tieren, die trotz des Nutztierstempels ein artgerechtes Leben genießen durften.

Massentierhaltung müsste nicht sein

Er selbst verzichtet so gut es geht auf Fleisch aus konventioneller Produktion. "Wir müssen unser Essverhalten überdenken. Schweine müssten nicht so gehalten werden, wie wir es in Deutschland tun", sagt der 50-Jährige überzeugt. Am Ende weiß aber auch er, dass sein waldiges Refugium nur eine Randnotiz im Massenmarkt der Fleischindustrie darstellt. Denn: Ohne Massentierhaltung ließe sich der große Hunger der Deutschen auf Fleisch kaum stillen. Etwa ein Kilo isst jeder Bundesbürger durchschnittlich pro Woche, mehr als die Hälfte davon macht alleine Schweinefleisch aus.

Wenngleich sich Verbraucher immer stärker für Tierwohl und Ökologie interessieren, gewinnt bei der Kaufentscheidung in aller Regel der günstigere Preis. "Wenn wir weiterhin nur billiges Fleisch wollen, müssen wir das Drumherum in Kauf nehmen", sagt Huss. Auf dieses Drumherum will er verzichten. Die viel zu engen Käfigboxen, unbequeme Spaltenböden und das schweineunwürdige hygienische Desaster, nicht zwischen Kot- und Futterplatz zu trennen. "Stallhaltung widerspricht allen Instinkten eines Schweines." Deshalb entschied er sich dagegen, das wirtschaftlich Maximale aus seinen Tieren heraus zu holen. Sondern für die Waldmast.

Faktencheck: Wie sehr schadet Fleischkonsum dem Klima?

Etwa sieben Millionen Deutsche verzichten Schätzungen zufolge auf Fleisch. Wer kein Fleisch isst, lebt umweltbewusster, heißt es. Der Umweltorganisation WWF zufolge sind nahezu 70 Prozent der direkten Treibhausgasemissionen unserer Ernährung auf tierische Produkte zurückzuführen. Aber sind Vegetarier tatsächlich Klimaretter? Behauptung Vegetarier ernähren sich klimabewusst.

Bewertung Stimmt nur teilweise, denn auch manch fleischloses Produkt verursacht hohe Treibhausgas-Emissionen.

Fakten Die Produktion eines Kilogramms Rindfleisch verursacht im Schnitt mehr als 15 Kilogramm Treibhausgas-Emissionen, bei Obst oder Gemüse sind es laut Umweltbundesamt (Uba) weniger als ein Kilogramm. Wer weniger Fleisch isst, spart also erst einmal Emissionen. Hinzu kommt, dass der Futtermittelanbau - etwa von Soja in Südamerika - viel Fläche benötigt, für die zum Teil wertvoller Regenwald abgeholzt wird. Die Regenwälder der Erde stabilisieren als gigantische -Speicher unser Klima.

Doch weniger Fleisch essen reicht nicht. Entscheidend sei die Reduzierung tierischer Lebensmittel insgesamt, erklärt Michael Bilharz vom UBA. Auch Milchprodukte, insbesondere Butter oder Käse, sorgen wegen der Rinderhaltung für hohe Treibhausgas-Emissionen: Laut Umweltgutachten 2012 des Sachverständigenrats für Umweltfragen der Bundesregierung sind es bei der Herstellung von einem Kilogramm Butter bei konventioneller Tierhaltung 23,7 Kilogramm Treibhausgasemissionen und bei einem Kilo Käse 8,5 Kilo. Bilharz: "Nur Fleisch durch Käse oder Sahne zu ersetzen, bringt fürs Klima nichts."

Die Fleischproduktion trägt aber nicht nur durch den Flächenverbrauch zum Klimawandel bei. Wiederkäuer wie Rinder stoßen Methangas aus - ein Treibhausgas, das wesentlich stärker auf das Klima wirkt als .

Fleisch ist ein hochwertiges Lebensmittel - aber in Maßen

Wer viel Fleisch isst, lebt ungesund, heißt es oft. Doch stimmt das? "An sich ist ein Fleisch ein hochwertiges Lebensmittel", sagt die Ökotrophologin Angela Dietz vom Kompetenzzentrum für Ernährung (Kern) in Kulmbach. Nur: "Wir essen zu viel. Empfohlen sind höchstens 60 Gramm am Tag, ein Erwachsener nimmt aber durchschnittlich das Doppelte zu sich".

Übermäßiger Konsum könne Gesundheitsrisiken wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebserkrankungen erhöhen, so Dietz. Warum vor allem Schweinefleisch als ungesund gilt, verstehe sie nicht: "Ernährungswissenschaftlich gesehen ist Schwein nicht ungesünder als etwa Rindfleisch."

Die Masse macht's. "Man kann auch ohne Fleisch gesund leben", sagt Dietz. "Die notwendigen Eiweiße lassen sich ebenso über Hülsenfrüchte aufnehmen", rät sie. Grundsätzlich dürfe für die Gesundheit nie nur die Ernährung betrachtet werden - sondern auch Faktoren wie Bewegung und Lebensstile.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren