Würzburg

Vorübergehendes Gefühl oder Dauerzustand?

Oberärztin Dr. Alexandra Herr über Einsamkeit, Isolation, Depression und die Folgen für den Körper und das Leben.
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Die Patienten von Oberärztin Dr. Alexandra Herr sind Senioren über 60, die an Depressionen erkrankt sind. Für viele spielt Einsamkeit im Leben eine große Rolle – häufig entsteht sie nach dem Verlust des Partners.

Würzburg Macht Einsamkeit krank? Einfach mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten mag Dr. Alexandra Herr diese Frage nicht. Dabei müssten viele Komponenten beachtet werden. Klar aber ist: Bei ihrer Arbeit als Oberärztin der Neurogerontopsychiatrischen Tagesklinik der Uniklinik Würzburg mit Senioren, die unter Depressionen leiden, spielt Einsamkeit sehr wohl eine Rolle.

Frage: Ist Einsamkeit eine neue Volkskrankheit?

Dr. Alexandra Herr: Zunächst muss man einmal klar definieren, was Einsamkeit überhaupt ist. Man darf sie nicht mit sozialer Isolation gleichsetzen. Einsamkeit ist ein subjektives Gefühl des Verlassenseins. Soziale Isolation misst objektiv, wie viele Kontakte jemand hat und welcher Art diese Kontakte sind. Das hängt gar nicht unbedingt so sehr voneinander ab wie man vielleicht glaubt. Es gibt Menschen, die haben viele Kontakte und fühlen sich trotzdem massiv einsam. Das erleben wir auch bei uns in der Klinik. Studien zufolge scheint mehr die soziale Isolation mit Erkrankungen zu korrelieren als die Einsamkeit.

Wie wirkt sich Einsamkeit auf den Körper aus?

Dr. Herr: Tritt Einsamkeit chronisch auf, kann sie ein Stresserleben auslösen. Ist die Stressachse dysreguliert, also gestört, wird beispielsweise zu viel Cortisol ausgeschüttet. Das Stresshormon kann sich negativ auf die Gesundheit auswirken. Die soziale Isolation verstärkt die Gefährdung dann noch durch Verhaltensfaktoren.

Warum?

Dr. Herr: Lebt jemand allein, ist keiner da, der ihn zum Arzt schickt, wenn es ihm nicht gut geht. Keiner erinnert an Vorsorgeuntersuchungen. Niemand achtet darauf, dass man Medikamente regelmäßig nimmt oder sich regelmäßig bewegt. Das heißt, soziale Isolation kann auch negative Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten haben und darüber die Erkrankungsrate begünstigen und zu einer erhöhten Sterblichkeit beitragen.

Und wie sind die Auswirkungen einer Depression?

Dr. Herr: Eine Depression hat Auswirkungen auf das Fühlen, Denken und Verhalten eines Menschen. Neben einer gedrückten Stimmung, verminderten Freudfähigkeit, Energie- und Antriebslosigkeit kann sie gerade bei älteren Menschen Konzentration- und Gedächtnisprobleme und vielgestaltige körperliche Beschwerden hervorrufen, wie zum Beispiel Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Schmerzen an verschiedenen Stellen des Körpers.

Sie arbeiten täglich mit Senioren, die an einer Depression erkrankt sind. Wo treffen Sie dabei auf das Thema Einsamkeit?

Dr. Herr: Häufig fühlen sich Menschen einsam, die ihren Partner verloren haben. Manche Menschen erleiden in dieser Phase eine Depression, die führt zu einem sozialen Rückzug. Man hat nicht mehr die Energie, unter Menschen zu gehen, trifft sich mit niemandem mehr. Das verstärkt natürlich das Gefühl der Einsamkeit. Das ist eine Negativspirale. Zumal bei einer Depression das Denken sowieso negativ verfärbt ist. Betroffene haben ein schlechtes Bild von sich selbst und der sozialen Umwelt, sehen schwarz für die Zukunft. All das verstärkt den Rückzug noch mehr. Aus diesem Teufelskreis kommt man schlecht wieder raus. Da braucht es professionelle Hilfe und die finden Betroffene in einer Einrichtung wie unserer.

Wer seinen Partner verliert, ist traurig. Ist er deshalb schon depressiv?

Dr. Herr: Die depressive Stimmungslage im Rahmen einer schweren Depression ist in der Qualität und Quantität anders als normale Traurigkeit. Diese normale Traurigkeit ist eine Grundemotion, die vorübergehend ist und von der man sich ablenken kann. Auch andere Emotionen haben da noch Platz.

Sprechen Ihre Patienten an, dass sie sich einsam fühlen?

Dr. Herr: Ja, viele tun das. Vor allem, wenn es um den Verlust des Partners geht. Wir fragen allerdings auch gezielt nach – sowohl nach dem subjektiven Empfinden als auch nach den tatsächlichen Kontakten. Wenn der Patient einverstanden ist, beziehen wir dabei die Familie mit ein.

Geht es denn vor allem um die Kontakte zur Familie?

Dr. Herr: Es ist wichtig, dass Menschen, die sich einsam fühlen, sich nicht nur auf ihre Kinder konzentrieren, sondern sich auch unabhängig davon ein soziales Netzwerk aufbauen. Sie können sich mit Senioren treffen, die gleiche Interessen haben.

Alt zu werden empfinden viele Menschen als etwas Schlechtes, weil das Alter Einschränkungen mit sich bringt.

Dr. Herr: Das muss nicht sein. Die Lebenszufriedenheit kann mit dem Alter sogar ansteigen. Die gute Behandlung von Depressionen ist ein wichtiger Faktor für Lebenszufriedenheit im Alter. Neben psychischer Gesundheit sind problemorientierte Lösungsstrategien und Anpassungsfähigkeit weitere wesentliche Punkte. Das SOK-Modell ist eine gute Richtschnur, wie gutes Altern gelingen kann. Die Buchstaben stehen für Selektion, Optimierung und Kompensation.

Können Sie das näher erklären?

Dr. Herr: Senioren sollten das, was sie noch gut können, stärken und betonen. Das, was nicht mehr so gut geht, gilt es zu kompensieren, durch Hilfsdienste oder medizinische Hilfsmittel zum Beispiel. Der dritte Punkt ist, die eigenen Ziele zu modifizieren und damit die Erwartungen anzupassen. Statt zehn Kilometer zu joggen, kann man zwei spazieren gehen und dabei intensiv die Natur genießen. Wer die Ziele anpasst, hat wieder Erfolgserlebnisse und kann darauf aufbauen. Wer dagegen an den alten Zielen festhält, die er nicht mehr erfüllen kann, verstärkt das negative Denken.

Lernen die Patienten bei Ihnen, ihre Ziele anzupassen?

Dr. Herr: Bei unserer Arbeit spielt das Entwickeln einer Perspektive, guten Zielen und Strategien zum Lösen von Problemen eine wichtige Rolle. Neben Psychotherapie und medikamentöser Therapie gibt es vielfältige weitere Therapiebausteine, die zusammenwirken. Da geht es auch um Achtsamkeit, Genusstraining, Entspannung, Stressbewältigung, Physiotherapie und Soziotherapie. Dabei schauen wir darauf, wie die Patienten sozial verankert sind, auch wenn sie entlassen sind. Wir helfen ihnen, mehr positive soziale Kontakte zu knüpfen, erproben das hier in der Gemeinschaft und planen schon während es Aufenthaltes für den Alltag danach. Unsere ambulante aufsuchende Pflege kann die Patienten auch noch eine Weile begleiten, um Erreichtes im Alltag der Patienten zu verankern.

Neurogerontopsychiatrische Tagesklinik

Die Neurogerontopsychiatrische Tagesklinik der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Würzburg wurde 2011 eröffnet und bietet 18 Behandlungsplätze für Senioren ab 60 Jahren. Zwölf der Plätze sind für Patienten mit Depression und psychischen Erkrankungen, sechs für Parkinsonerkrankte. Die Klinik arbeitet mit einem interdisziplinären multiprofessionellen Team. Neben der ärztlichen, psychologischen und sozialpädagogischen Betreuung nehmen die Patienten an einem umfassenden Therapieprogramm teil. Die Klinik befindet sich neben dem Geriatriezentrum im Bürgerspital, Semmelstraße 2-4 in Würzburg.


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