KITZINGEN

Vorhang zu und alle Fragen offen

Das Lesekonzert zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in der Alten Synagoge ließ am Ende vor allem eines zurück: Offene Fragen.
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Nachdenken: Viele Fragen offen ließ der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus in Kitzingen mit dem Lesekonzert von Elazar Benyoëz und Kolja Lessing (von links). Foto: Foto: Robert Haass

„Was nach allen Antworten folgt, ist die Frage.“ Elazar Benyoëz' Variation von Berthold Brechts „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/Den Vorhang zu und alle Fragen offen”, steht am Ende eines Abends in Kitzingens Alter Synagoge und beschreibt, bis auf das “enttäuscht“ vielleicht, trefflich die Stimmung am Ende des Lesekonzerts zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus. Ein wenig Verwirrung, ein wenig Ratlosigkeit und sicherlich viele offene Fragen.

Seit 1996 ist der 27. Januar ein bundesweit gesetzlicher Gedenktag, der 2005 von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt wurde. Er bezieht sich auf den 27. Januar 1945, als die Rote Armee die Überlebenden im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreiten. In Kitzingen sind es der Förderverein ehemalige Synagoge Kitzingen, der Träger- und Förderverein ehemalige Synagoge Obernbreit und der Arbeitskreis Ge(h)wissen Iphofen, die den Tag mit Leben füllen. In diesem Jahr mit einem Lesekonzert in der Alten Synagoge in Kitzingen.

Auf der Bühne steht Kolja Lessing, Violinist, der es sich unter anderem zur Aufgabe gemacht hat, Werke verfemter Komponisten dem Vergessen zu entreißen. Im Wechsel mit Texten von Elazar Benyoëz spielt er sperrige, wenig tonale Violinstücke von Sanor Veress, Tzvi Avni und Ursula Mamlok. Alles andere als leichte Kost, Musik, die sich beim ersten Hören kaum erschließt. Da ist Johann Sebastian Bachs Ciaconna aus der d-Moll Partita fast schon tänzerisch leicht – aber eben nur fast. Und sie zeigt, dass man durchaus einen Bogen dieser gewaltigen Musik des frühen 18. Jahrhunderts zur Moderne spannen kann.

Elazar Benyoëz ist ein Autor, der „in äußerst aphoristischer Kürze viel zu sagen hat“, so die Vorstellung des 1937 in Wien geborenen israelitischen Lyrikers durch die Vorsitzende des Kitzinger Synagogenvereins, Margret Löther. „Was man nicht vor Augen hat, kann man nicht hinter sich bringen“, ist das Motto des Abends, der in einigen Abschnitten voll ist, von solchen Aphorismen, von denen ein einziger schon für einen längeren gedanklichen Austausch ausreichend wäre. Aber dabei bleibt es natürlich nicht: „Man kann den Menschen über das Böse aufklären, nicht über das Gute.

“ „Hätten wir die Zukunft hinter uns, wir könnten aus der Vergangenheit lernen.“ „Die kürzeste Strecke, die dunkelste: In sich gehen.“ „Wer nicht fliehen kann, muss flehen.“ „Wo es nichts zu lieben gibt, gibt es nichts zu opfern.“

Zudem setzt sich Benyoëz mit den großen Fragen auseinander. Schon Kain hat in der Bibel gefragt: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ Wäre die Antwort so klar, wie sie scheint, es gäbe keine Konflikte. Oder der Frage nach dem Glauben, der Suche nach Gott, dem Zweifel, der den Glauben so unnachahmlich macht, der in der Überzeugung endet: „Bei Gott – bei Trost.“ Auch so ein Spiel mit der deutschen Sprache und wohl gar nicht ironisch gemeint. Und wenn sich hier eine Antwort erahnen lässt – sie endet angesichts der Realität in der nächsten Frage.

Und bei mir am Ende des Artikels in der Frage, ob es mir auch nur ansatzweise gelungen ist, dem Abend gerecht zu werden.

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