KITZINGEN

Von wegen „Un“kraut

Wildkräuter machen Hobbygärtnern viel Arbeit, aber sie haben auch ihre guten Seiten. Wer rechtzeitig mit der Harke anrückt, spart sich im Sommer Arbeit.
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Unzählige flugfähige Samen bilden sich aus den Blüten des Gemeinen Kreuzkrautes. Schreiten Gartenbesitzer nicht rechtzeitig ein, breitet sich das Gewächs überall aus. Foto: Fotos: Bayerische Gartenakademie
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Ob es einen Ehrentag überhaupt verdient hat? Die Meinungen über den heutigen „Tag des Unkrauts“ gehen sicherlich auseinander. Gartenbesitzern kostet es viel Zeit und oft auch Nerven, die ungeliebten Pflanzen zu entfernen. Doch viele spielen in der Naturheilkunde eine Rolle – und auch in der Kräuterküche.

„Sie haben wegen der Wildkräuter angerufen“, sagt Gottfried Röll. Er ist Berater an der Bayerischen Gartenakademie in Veitshöchheim und damit Fachmann in Sachen Unkraut. Obwohl er das gar nicht unbedingt für die richtige Bezeichnung hält. Eigentlich handelt es sich beim „Unkraut“ nur um Kräuter und Pflanzen, die an Stellen wachsen, an denen wir sie nicht haben wollen. Wachsen sie woanders, stören sie uns nicht.

In den letzten Monaten hat sich im Garten wenig bis gar nichts getan. Zumindest auf den ersten Blick. „Es gibt zwölf Monate im Jahr, in denen der Garten einen sehen will“, sagt dagegen Gottfried Röll. Was bedeutet, dass Gartenbesitzer je nach Bodenbeschaffenheit und Wetter gut daran tun, auch von November bis Februar mal nach dem Unkraut zu schauen und beispielsweise die Vogelmiere zu jäten. „Sie wächst und gedeiht schon bei zwei bis drei Grad plus“, weiß der Fachmann, bei vier Grad blüht sie schon.

Die Pflanze mit den kleinen, eiförmigen Blättern ist ein typischer Bodenkriecher mit feinen Wurzeln, die sich schnell weit ausbreiten – ein Graus für Gartenbesitzer. Wer keinen dichten Vogelmiereteppich in seinen Beeten haben will, muss rechtzeitig einschreiten. Und konsequent, denn die kleinen weißen Blüten können mehrere tausend Samenkörner produzieren. „Die können sogar nach 200 Jahren noch keimen“, erklärt Röll. Früh blüht auch das Wiesenschaumkraut, dessen Vermehrungspotenzial ebenfalls sehr hoch ist.

Logisch also, dass es sich lohnt, früh gegen die unerwünschten Pflanzen vorzugehen. „Wer die Jungpflanzen jetzt übersieht, wird im Sommer viel Arbeit mit dem Unkrautjäten verbringen“, lautet deshalb ein Hinweis der Garten-Fachleute. Wer die Samenunkräuter zwar aus dem Boden entfernt, dann aber liegen lässt, tut sich keinen Gefallen, denn sie vertrocknen über viele Tage nicht, die Samen entwickeln sich weiter und somit ist die Verbreitung nicht gestoppt. Auch auf den Gartenkompost sollte man sie nicht werfen. „Dort ist die Temperatur zu niedrig, um die Samen zu schädigen.“ Wer den Kompost dann später im Garten verteilt, verteilt gleichzeitig das Unkraut. Röll rät deshalb, es in die Biotonne zu werfen.

Samenunkräuter wie die Vogelsternmiere, das Springkraut oder das Kreuzkraut sind im heimischen Garten schon sehr lange bekannt, seit einigen Jahren aber ist auch vermehrt der rotblättrige Sauerklee zu finden. „Es wird vermutet, dass er über minderwertige Torfprodukte eingeschleppt wurde“, informiert der Gartenberater. Klee hat eine faszinierende, wenngleich auch tückische Eigenheit: Der Samen befindet sich in kleinen Kapselfrüchten, die sich bei Berührung öffnen und den Samen ruckartig wegschleudern – bis zu fünf, sechs Meter weit, so Röll.

Aufmerksamkeit ist auch bei der Beseitigung von Wurzelunkräutern gefragt. Giersch, Quecke oder Winde bilden im Untergrund bereits ein dichtes Geflecht, wenn sie an der Bodenoberfläche noch kaum zu sehen sind. Hier müssen die Wurzeln vorsichtig ausgegraben werden, denn selbst die kleinsten verbliebenen Wurzelteilchen beginnen wieder zu wachsen.

Ist „Unkraut“ also rundum schlecht? Mitnichten. Auch wenn es uns im Rasen oder Gemüsebeet nicht gefällt, hat es auch sehr viele gute Seiten. So gelten viele der Pflanzen, die Hobbygärtnern ein Dorn im Auge sind, als durchaus verwertbare Pflanzen – was wiederum für die Bezeichnung „Wildkräuter“ spricht. So findet Vogelmiere in Wildkräutersalaten, Kräuterquarks oder Pesto Verwendung. Der ebenfalls sehr hartnäckige Giersch kann als Wildgemüse gekocht oder roh gegessen werden. Seine Heilkraft war schon früher bei der Behandlung von Gicht und Rheuma geschätzt. Auch die Brennnessel ist eine Heilpflanze für viele Einsatzgebiete, stand lange auf dem Speiseplan und kehrt langsam vermehrt dorthin zurück. Was aus der Natur sich alles verwerten lässt, das interessiert immer mehr Menschen. Kräuterführer-Kurse und Kräuter-Kochkurse erfreuen sich großer Nachfrage.

Auch wer sie nicht verzehren mag, kann als Gartenbesitzer dennoch einen Nutzen aus den Unkräutern ziehen: Sie sind sogenannte Zeigerpflanzen und verraten viel über den Boden, auf dem sie wachsen. Gedeihen im Garten beispielsweise Brennnesseln prächtig, ist das ein Indiz für nährstoffreichen, stickstoffreichen Boden, während die Wicke stickstoffarmen Untergrund bevorzugt. Sauerklee mag – der Name weist darauf hin – sauren Boden, der stinkende Nieswurz hat es lieber kaliumreich, Besenkraut will es trocken, die wilde Möhre feucht bis nass. Orientiert man sich beim Anlegen der Beete an diesen Pflanzen, kommt das auch dem zugute, was man tatsächlich anbauen möchte.

Vielleicht nicht gerade im Gemüsebeet, aber in einer „wilden Ecke“ im Garten ist es sehr sinnvoll, die Kräuter wachsen zu lassen, denn sie stellen einen wichtigen Lebensraum für Schmetterlinge und Insekten dar. Auch Gottfried Röll hat so eine Ecke in seinem Garten und erfreut sich an der Pracht. „Allerdings achte ich darauf, dass die Pflanzen nur bis dorthin wachsen, wo ich sie haben will.“ Wandern sie weiter, greift er zu Harke und Messer.

Manch einer streut Rindenmulch, um das Unkraut am Wachsen zu hindern. „Aber Rindenmulch bindet Stickstoff und ist damit ein Nährstoffkonkurrent für die anderen Pflanzen.“ Außerdem lässt sich nicht jedes Kraut vom Mulch am Wachsen hindern. „Ich hatte schon Rindenmulch gelagert, einen ganzen Meter hoch, und trotzdem sind die Pflanzen durchgekommen.“ Folien, die auf die Beete gelegt werden, haben den Nachteil, dass sie kein Wasser in den Boden eindringen lassen. Damit Salat und Gemüse wachsen können, muss ein Schlitz in die Folie geschnitten werden. „Und da kommt natürlich auch das Unkraut durch.“ Das geeignetste Mittel zur Unkrautbekämpfung ist nach Ansicht von Gottfried Röll immer noch die Hand. „Sie ist das Wichtigste.“ Deshalb gilt für Gartenbesitzer gerade jetzt, wenn es langsam wärmer wird: Ab, auf die Knie.

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