MÜNSTERSCHWARZACH

Von Geschichte umgeben

Tag des Archivs: Pater Dr. Franziskus Büll ist Archivar der Abtei Münsterschwarzach.
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Die Düllstädter Gotteshausrechnung von 1793/94 ist eines von unzähligen Dokumenten im Archiv der Abtei Münsterschwarzach. Foto: Daniela Röllinger
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Vorsichtig faltet Pater Dr. Franziskus Büll das Pergament auseinander. Von Hand ist es beschrieben, mit kleinen Buchstaben, dicht an dicht, in lateinischer Sprache. Der Laie kann es nicht entziffern, der Pater dagegen ist geübt darin. Kein Wunder, ist er doch seit 1997 Archivar des Klosters Münsterschwarzach.

Wann fährt die Fähre? Wer darf sie nutzen? Was, wenn mitten in der Nacht eine schwangere Frau den Main überqueren muss? Diese und noch viel mehr Fragen regelt die Fährordnung für die Nordheimer Fähre, die Pater Franziskus in den Händen hält. Sie stammt aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, ein historisch wertvolles Stück Heimatgeschichte. Erlassen wurde sie von Abt Johannes IV. Burckhard OSB. „Es ist unglaublich, wie viele Gedanken sich der damalige Abt gemacht hat, als er die Regelung festschrieb“, sagt der Archivar.

Dass dies und vieles mehr nicht in Vergessenheit gerät, ist der umfassenden Sammlung an Schriftstücken im Abteiarchiv zu verdanken. Alleine 326 Urkunden liegen in den Schränken – 38 mittelalterliche Pergamenturkunden, 96 Papierurkunden aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, 166 Papierurkunden aus dem 19. und 20. Jahrhundert, dazu 26 Baron Bechtolsheimsche Urkunden zur Geschichte der Abtei aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Die Chroniken der Abtei und ihrer Häuser St. Benedikt und St. Ludwig sowie der Seminarien St. Benedikt, St. Maurus und St. Plazidus. Die Archivalien der ehemaligen Abteiorte Dimbach, Düllstadt, Gerlachshausen, Großlangheim, Hörblach, Münsterschwarzach, Nordheim, Schwarzenau, Stadelschwarzach und Stadtschwarzach. Dazu Akten, über die Beziehungen der Abtei zu Missionsstationen, zur bischöflichen Kurie in Würzburg und zur päpstlichen Kurie zum Beispiel. Und natürlich Personalia. Jeder Mitbruder hat seine eigene Akte, auch verstorbene oder ausgetretene Brüder sind verzeichnet.

Auf diese mehr als 1200 Personalia wird häufig zurückgegriffen – zum Beispiel, weil Familienmitglieder etwas über ihre Vorfahren erfahren wollen. „Da ruft dann einer an und sagt, der Onkel seiner Frau war mal Missionsbruder und will etwas über ihn wissen.“ Pater Franziskus schaut dann nach, was über die Person in den vielen Schränken und Regalen zu finden ist. Oder ein Schüler ruft an und sucht nach Informationen für eine Arbeit oder ein Referat. Und just in dem Moment, in dem Pater Franziskus diesen Satz sagt, klingelt tatsächlich das Telefon. Eine Schülerin ist dran, hofft auf Unterstützung. Pater Franziskus sagt sie ihr zu. Für ihn ist das selbstverständlich. Kosten fallen für die junge Frau keine an. „Das machen wir so.“ Öffentlich zugänglich ist das Münsterschwarzacher Abteiarchiv allerdings nicht. Man kann nicht hingehen und einfach selbst recherchieren.

Pater Franziskus verwaltet nicht nur die vorhandenen Schriftstücke. Er führt das Archiv fort, hält alles Wissenswerte fest. Er bewahrt, bewertet und vermittelt. So wie es seine Vorgänger auch gemacht haben. Pater Burkhard Bausch zum Beispiel. Er war 1672 in das Kloster eingetreten, um 1725 ist er verstorben. Der gelehrte und vielseitig interessierte Mann hat die Klostergeschichte der damaligen Zeit in einer mehrbändigen Chronik festgehalten. „Eine wertvolle Quelle“, findet Pater Franziskus, denn sie berichtet nicht nur über das kirchliche Geschehen, sondern auch über das Wetter, das Geschehen in der Region, ja in ganz Europa. Ein Archiv ermögliche es, die Geschichte aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten, findet der Benediktiner. „Man wird dadurch ausgewogener in seinem Urteil.“

Die alten Handschriften zu entziffern, ist auch für den Latein-Liebhaber nicht immer einfach. „Ich muss mich einlesen und darüber grübeln“, sagt der 78-Jährige. „Dann komme ich schon darauf, was da steht.“ Das sei so wie eine schwierige Mathematikaufgabe – auch bei der dürfe man nicht so schnell aufgeben. Das Siebenerbuch aus Stadtschwarzach auszuwerten beispielsweise sei zeitintensiv gewesen. 1530 haben die Aufzeichnungen angefangen, das Buch wurde bis vor wenige Jahre geführt. „Und jeder Obmann hat in der ihm eigenen Schrift reingeschrieben.“

Um an den Annalen zu arbeiten, setzt sich Pater Franziskus mehrmals die Woche an den Schreibtisch im Archiv. Am meisten kann er dabei nach 20 Uhr erledigen, erzählt er, vorher gebe es immer allerhand anderes zu tun im Klosterleben und im Archiv. Am Abend arbeitet er auch an vielen anderen Schriftstücken und Büchern. Unterstützt wird er dabei von anderen Historikern, wie Dr. Elmar Hochholzer, Dr. Erwin Muth oder Dr. Johannes Mahr – sie alle beschäftigen sich mit der Geschichte der Abtei und ihrer unmittelbaren Umgebung. „Wir befruchten uns gegenseitig“, sagt Pater Franziskus.

Ein Projekt, das ihn momentan beschäftigt, sind die 1100-jährigen Jubiläen einiger Orte in diesem Jahr. Der Pater stellt Informationen für die Gemeinden zusammen, erzählt aus der Geschichte, belegt mit historischen Dokumenten zur urkundlichen Ersterwähnung. Festgeschrieben ist sie in einer Urkunde vom 21. April 918, in der König Konrad I. in Frankfurt am Main die Schenkung mehrerer Orte des Bischofs Dracholf von Freising an das Kloster Münsterschwarzach bestätigt und Regelungen bezüglich anderer Orte trifft. Genannt sind darin unter anderem Gerlachshausen, Lanckheim (Groß- und Kleinlangheim), Feuerbach und Weinberge in Nordheim, zudem Hüttenheim, Düllstadt, Stadelschwarzach und Wiesentheid. Die Urkunde ist ein Beleg dafür, wie verwurzelt die Abtei in der Region ist.

Tag der Archive in Würzburg

Geöffnet: Zum Tag der Archive öffnen in Würzburg am heutigen Freitag, 2. März, die zentralen Archive der Stadt erstmals gleichzeitig ihre Türen. Von 15 bis 20 Uhr es gibt verschiedene Veranstaltungen im Stadtarchiv, dem Universitätsarchiv Würzburg, dem Archiv und der Bibliothek des Bistums Würzburg sowie im Staatsarchiv. Eröffnet wird der Tag der Archive um 14 Uhr mit einem öffentlichen Vortrag von Dr. Hans-Peter Baum zum Thema „1848/49, 1918/19, 1948/49 – Jahre des demokratischen Aufbruchs aus dem Blickwinkel der Ereignisse in Würzburg“ im Stadtarchiv Würzburg.

Ausstellung: Neben Führungen durch sonst nicht öffentlich zugängliche Räume präsentiert das Staatsarchiv in der Würzburger Residenz zum 200. Jubiläum der Bayerischen Verfassung von 1818 die kleine Ausstellung „Die Gaibacher Konstitutionssäule – zu Ehren der Bayerischen Verfassung von 1818“. Aus Freude über diese Verfassung ließ Franz Erwein Graf von Schönborn (1776 bis 1840) nahe seines Schlosses Gaibach ab 1821 nach den Plänen des Baumeisters Leo von Klenze eine Konstitutionssäule errichten. Die Einweihung der Säule fand am 28. August 1828 in Anwesenheit von König Ludwig I. im Rahmen eines Volksfestes statt. Die Ausstellung präsentiert Archivalien zu Bau und Geschichte der Konstitutionssäule, darunter Originalhandschriften König Ludwigs I. und Klenzes. Sie kann am 2. März von 8 Uhr bis 19 Uhr besichtigt werden, danach bis zum 9. März zu den üblichen Öffnungszeiten des Staatsarchivs. Der Eintritt ist frei.

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