UFFENHEIM

Vier Wochen Glück schenken

Das Reaktorunglück von Tschernobyl wirkt nach, Kinder aus der Region sollen eine unbeschwerte Auszeit genießen. Karin Schaepe sucht noch Gastfamilien.
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Landkreis KT/Stein. In ihrer Heimat sind 250 Euro Monatslohn normal und eine 60 Quadratmeter-Wohnung für eine vierköpfige Familie Luxus. Sie wissen, dass die Kartoffeln aus ihrem Garten der Strahlenbelastung eines Reaktorunglücks ausgesetzt waren – und essen sie trotzdem. Vom 6. Juli bis 3. August sollen einige Kinder aus der betroffenen Region in Weißrussland sich vier Wochen lang erholen dürfen. Bei Gastfamilien in Unterfranken. Karin Schaepe hält gerade die Augen offen – auch im Landkreis Kitzingen. Sie organisiert die Erholungsurlaube für Tschernobylkinder und weiß aus langjähriger Erfahrung: „Es ist ein großer Gewinn für beide Seiten.“

Frage: Wie und wann sind Sie persönlich zu der Initiative dazu gekommen?

Karin Schaepe: Meine ältere Tochter hat 1994 im Kirchenboten der Paul-Gerhardt-Kirche Stein-Deutenbach gelesen, dass Gastfamilien für Kinder aus der Tschernobylregion gesucht werden. Wir haben uns gemeldet – und schon waren wir dabei. Die „Gründerin“ und ich verstanden uns sehr gut und so übernahm ich schnell die Öffentlichkeitsarbeit, um mehr Gastfamilien zu finden. Mit Erfolg. Nach sechs Jahren wurde ihr Mann ins Ruhrgebiet versetzt und es stellte sich die Frage: Hören wir auf oder mache ich alleine weiter? Ich habe weiter gemacht.

Warum liegt Ihnen das Projekt so sehr am Herzen?

Karin Schaepe: Ich sehe jedes Jahr das Leuchten der Kinderaugen und freue mich, wie gut erholt die Kinder nach vier Wochen heim reisen – mit vielen schönen Erinnerungen und Freundschaften. Außerdem leisten wir eine unschätzbar wertvolle Friedensarbeit, die in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich ist.

Warum ist es so schwierig, Gastfamilien zu finden?

Karin Schaepe: Das Reaktorunglück war 1986 und damit in den Augen vieler „schon lange her“. Sie glauben, da ist längst nichts mehr. Im Südosten von Weißrussland wird der Boden jedoch noch Generationen verseucht sein. Trotzdem ernähren sich die Bewohner größtenteils von dem, was sie dort anpflanzen und so nehmen sie durch die Nahrung die Giftstoffe in sich auf.

Was müssen die Gasteltern den Kindern bieten?

Karin Schaepe: In erster Linie ein Zuhause und eine liebevolle Zuwendung. Eigene Kinder zu haben ist schön, aber nicht zwingend notwendig. Auch Rentnerpaare können großartige Gastgeber sein. Ich besuche alle interessierten Familien persönlich und bereite sie, so gut es geht, auf den Aufenthalt vor. Die Kinder sind in der Regel wohlerzogen, höflich, interessiert und für jede Kleinigkeit dankbar. Im Übrigen sind sie weder pflegebedürftig noch ansteckend, was immer wieder gefragt wird. Die Strahlung wird nicht in ihrem Körper gespeichert.

Welche Kosten kommen auf die Familien zu?

Karin Schaepe: Ein oder zwei Portionen mehr bei den gemeinsamen Mahlzeiten, eine etwas vollere Waschmaschine als sonst und gelegentliche kurze Anrufe in die Heimat. Alles andere ist optional.

Steht schon fest, wie viele Kinder in diesem Sommer kommen?

Karin Schaepe: Ich versuche, jedes Jahr Familien für cirka 100 Kinder zu finden, also zwei Busse voll. Aktuell suchen noch 15 Kinder einen Platz – darunter zwei Mädchen mit 9 und 13 Jahren und zwei 13-jährige Jungs. Wünsche der Gasteltern nach Alter und Geschlecht werden gerne berücksichtigt.

Wie kann man sich den Alltag der Familien in diesen vier Wochen vorstellen?

Karin Schaepe: Jede Familie kann den Aufenthalt selbst gestalten. In der Regel lassen sie ihre Gäste einfach am Familienleben teilhaben, also den ganz normalen Alltag erleben. Wenn beide Elternteile berufstätig sind, können die Kinder in der Zeit eine deutsche Schule besuchen. Zweimal wöchentlich bieten wir Tagesveranstaltungen an, an denen die Kinder teilnehmen können, aber nicht müssen. Schließlich ist es nicht jeder Familie möglich, dauernd die weite Strecke bis nach Stein zu fahren. Schön ist es, wenn sich mehrere Familien „in einer Ecke“ finden und diese dann Fahrgemeinschaften bilden können.

Die Familien Wagner aus Gollhofen und Pregitzer aus Ippesheim sind so ein Beispiel. Sie sind schon seit Jahren dabei. Welche Erfahrung haben Sie gemacht?

Elfriede Pregitzer: Durchweg positive! Wir hatten aber auch so ein Glück mit unserer Anastasia. 2010 war die damals zierliche Neunjährige zum ersten Mal bei uns, fortan dann jedes Jahr. Letztes Jahr war auch ihre kleine Schwester dabei. Mich hatte damals die Herausforderung gereizt und es hat mir gefallen, wie offen Anastasia war. Wenn sich beide Seiten bemühen, vergehen die vier Wochen wie im Flug.

Petra Wagner: Auch wir haben unseren Alltag bereits fünfmal sehr gern an unser Ferienkind angepasst. Kristina war beim ersten Mal neun Jahre alt und mit verschiedenen anderen Mädels immer wieder bei uns. Dieses Jahr wird sie 18. Wir haben zwei Kinder aufgenommen, da wir selber keine Kinder haben und sich die beiden so auch gegenseitig beschäftigt konnten. Die Sommer waren immer schön und der Abschied schwer. Es ist toll, einen Einblick in eine andere Welt zu bekommen. Wir sind Freunde geworden, schreiben uns unter dem Jahr immer wieder mal und werden unsere Kristina definitiv auch mal in Jelsk besuchen.

Ist die Sprache nicht ein großes Hindernis?

Petra Wagner: Im Gegenteil. Es ist faszinierend, wie gut man sich auch ohne Sprachkenntnisse verständigen kann. Es gibt einen kleinen Sprachführer mit den wichtigsten Floskeln und das hat prima geklappt. Außerdem sind die Betreuer und Frau Schaepe immer erreichbar.

Elfriede Pregitzer: Natürlich war es am Anfang spannend. Wird das klappen ohne ein einziges Wort Russisch? Es klappt. Vom Frühstück bis zum Shopping haben wir alles mit Bravour gemeistert. Mittlerweile spricht Anastasia auch sehr gut Deutsch – und wir zumindest ein bisschen Russisch.

Was würden sie anderen Gastfamilien raten?

Elfriede Pregitzer: Die Kinder kommen aus einfachen Verhältnissen. Man muss also nicht das volle Programm auffahren, um sie zu beeindrucken. Schon das Alltägliche ist für sie faszinierend. Die riesige Auswahl im Supermarkt hat Anastasia zum Beispiel völlig verblüfft. Und ein Vollbad in unserer Badewanne war für sie ein absolutes Highlight. Auch beim Essen sollte man sich lieber langsam herantasten, statt gleich das größte Menü aufzufahren. Wer der anderen Mentalität offen gegenüber steht, gewinnt bald das Vertrauen und macht in den vier Wochen eine Erfahrung, die er nicht mehr missen möchte.

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