Kitzingen

Verein fühlt sich im Stich gelassen

Aplawia e.V. bemängelt: Aufträge und Unterstützung seitens der Stadt fehlen.
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Ein „putziges“ Bild ergibt sich, wenn das Vorstands- und Betreuer-Team einem Mitarbeiter des Gebrauchtwarenkaufhauses zur Hand geht. Es putzen gemeinsam: Hans Anger, Nadine Stolier, Aplawia-Geschäftsführer Volker Lang, Vorsitzender Jürgen Derleth und Mona Sattler (Büro soziale Betreuung & Organisation).
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Kitzingen

Volker Lang ist nicht gut auf Oberbürgermeister Siegfried Müller zu sprechen. „Von seiner Seite kommt keine Unterstützung oder auch nur Anerkennung für unsere Arbeit. Dabei kümmern wir uns in Kitzingen um die Menschen mit Problemen, viele finden durch uns zu einem normalen Arbeits- und Lebensrhythmus – und so ersparen wir der Stadt auch viele Folgekosten.“

Lang ist Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins Aplawia e.V. und Geschäftsführender Gesellschafter des Dienstleistungsunternehmens SDA GmbH. Der Verein, der am Lochweg ein Gebrauchtwarenkaufhaus betreibt, beschäftigt derzeit 25 Menschen in Festanstellung plus 19 Teilnehmer an sozialpädagogischen Maßnahmen. Die SDA gibt 25 Menschen, etwa Bautechnikern, Schreinern und Maurern, handwerkliche und serviceorientierte Arbeit.

Lang berichtet von mehreren persönlichen Gesprächen mit den Oberbürgermeister. Die Aplawia habe sozialpädagogische Hilfe im Notwohngebiet angeboten und ein neues soziales Kleidersammelprojekt vorgestellt. „Alles ohne Resonanz.“ Langs Resümee: Wenn sich nichts ändert, wird die Aplawia einen Zuschussantrag bei der Stadt einreichen, um das wirtschaftliche Überleben zu sichern.

Diese „Drohung“ bezeichnet Oberbürgermeister Siegfried Müller als „ganz schlechten Stil“. „Der Herr Lang soll mal die Kirche im Dorf lassen“, sagt das Stadtoberhaupt. „Wir fragen oft an, wenn wir Aufträge zu erteilen haben – beim Aplawia-Verein und der SDA. Wenn keiner ein Gebot abgibt, können wir nichts dafür. Und außerdem sind wir nach der Vergabeordnung gehalten, den wirtschaftlichsten Wettbewerber zu nehmen.“

Volker Lang erklärt: „Das Gebrauchtwarenkaufhaus trägt sich nicht selbst. Wir finanzieren es über die Einnahmen der Dienstleistungsaufträge des Aplawia e.V. quer.“ Neben den Unternehmern im Aplawia-Vorstand ist Lang auch froh über viele Bürgermeister aus dem Landkreis, „die uns immer wieder gern nehmen“. Explizit nennt Lang Volkach, Iphofen, Geiselwind, Wiesentheid, Mainbernheim, Rödelsee und Sulzfeld als gute Partner. „Und das Landratsamt ist spitze“, bedankt sich Lang bei Landrätin Tamara Bischof und ihrem Team. „Von da kommen nicht nur Anfragen, sondern auch Anregungen für künftige Aktionen im sozialen Bereich.“ Aus der Stadt Kitzingen allerdings habe der Aplawia e.V. in den vergangenen vier Jahren keinen einzigen Auftrag bekommen.

Das sei bitter und „ein Schlag ins Gesicht der sozial Schwachen“, findet auch Jürgen Derleth als Vorsitzender der Aplawia. Schließlich übernehme die Aplawia ein Stück weit eine kommunale Hilfsaufgabe: „Wir kümmern uns um sozial benachteiligte Menschen – und helfen ihnen, ihr Leben in den Griff zu bekommen.“

„Es stellt sich keiner hin und sagt: Das ist unser Verein.“
Volker Lang, Aplawia-Geschäftsführer

Das konkretisiert Mona Sattler vom Betreuer-Team. „Wir müssen ganz individuell auf die Lage der Menschen eingehen, um ihnen helfen zu können.“ Die einen haben familiäre Schwierigkeiten, die anderen Schulden, wieder andere Suchtprobleme. „Es ist nicht damit getan zu sagen: 'Geh' raus und schaff' was.' Man muss bei jedem Einzelnen schauen, wie man die Grundlagen für ein geregeltes, sicheres Leben schaffen kann. Das kostet Zeit. Und Geld.“ Aber es bewahre die Menschen davor, einsam dahin zu vegetieren und krank zu werden.

Jürgen Derleth betont: „Wir geben den Menschen hier sozialen Rückhalt. Für viele ist die Aplawia auch ein Stück Familienersatz.“

Für Hans Anger zum Beispiel. Der 58-Jährige aus Etwashausen beschreibt seine Situation so: „Ich hab' schon viel gemacht, aber nichts richtig gelernt. Lange hab' ich als Gärtner g'schafft.“ Mit dem Alter wurde es immer schwerer, irgendwo auf dem regulären Markt Arbeit zu finden. „Übers Jobcenter bin ich letzten Herbst zur Aplawia gekommen.“ Das sei sein Glück gewesen. „Hier rufen sie immer 'Hans, Hans!', wenn irgendwo was zu richten ist, und dann bin ich sofort da“, erzählt er. „Die Kollegen sind gute Leute. Ich fühl' mich, als ob ich da dazugehör'.“

Wie alle anderen Teilnehmer sozialer Maßnahmen – darunter nicht nur schlecht Ausgebildete, sondern auch Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen – führt Anger sämtliche Arbeiten rund ums Kaufhaus aus: Toiletten putzen, Fahrräder auf Vordermann bringen, das Kaufhaus säubern, neue Ware sortieren, einräumen, auspreisen. „Ich mach' das alles gern und bin froh, dass es die Aplawia gibt.“

Doch die Rahmenbedingungen für das Unternehmen sind schwieriger geworden. Ob Mittelkürzungen im arbeitsmarktpolitischen Bereich, die Reduzierung von Fördermaßnahmen, Mehrkosten für die Berufsgenossenschaft oder kostenintensive Berufskraftfahrer-Fortbildungen: Immer weniger Geld bleibt letztendlich für die Menschen übrig, sagt Lang.

Abgesehen von finanzieller Hilfe vermisst er von der Stadt Kitzingen auch ideelle Unterstützung. „Anders als in anderen Städten stellt sich keiner hin und sagt: Das ist unser Verein! Das finde ich sehr schade.“ Indem er der Aplawia keine Aufträge gegeben habe, habe der Oberbürgermeister „sein mehrmals gegebenes Wort gebrochen“.

Und nicht nur das wirft Lang Müller vor

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Um Kosten zu senken, will der Verein 2018 ein auswärtiges Lager auflösen und baut deshalb direkt neben dem Kaufhaus „Möbel & mehr“ eine eigene Halle. „Bis der Bauantrag durch war, war es ein ewiges Hin und Her. Wegen lauter Kleinigkeiten hat sich der Bau um Monate verzögert. So lange müssen wir die Miete fürs alte Lager weiter zahlen“, ärgert sich Volker Lang.

Er versteht auch nicht, warum die Aplawia im Notwohngebiet nicht als sozialer Partner der Stadt mit ins Boot geholt wird. „Schließlich hat unsere soziale Arbeit ihren Ursprung im Notwohngebiet. Wir sind ein anerkannter, freier und regionaler Träger der Sozialarbeit. Wir betreiben professionelle Integrationsarbeit mit benachteiligten und langzeitarbeitlosen Menschen und sind somit der ideale Partner für die aktuelle Situation des Notwohngebietes. Aber OB Müller hat unser Angebot mehr oder weniger abgebügelt.“

Siegfried Müller formuliert das anders: „Die Frage der Zusammenarbeit hat sich so noch nicht gestellt.“ Vor der Einstellung des vom Stadtrat beschlossenen Sozialarbeiters seien noch viele Gespräche zu führen. Er sei offen für alle „sinnvollen, zielorientierten Gespräche“.

Aplawia-Vorsitzender Jürgen Derleth stellt derweil etwas ganz Grundsätzliches fest: „Jede Monatsabrechnung bedeutet für uns ein Zittern. Es wäre schön, ein bisschen weniger Druck zu haben.“

Die Aplawia und der Runde Tisch

Geschichte der Aplawia: Im Kitzinger Notwohngebiet (Egerländer Straße) gründete der Sozialpädagoge Knut Roßberg 1984 unter dem Dach der Arbeiterwohlfahrt (AWO) zusammen mit Gleichgesinnten den Verein „Aplawia – andere planen, wir arbeiten“. Man kümmerte sich vor allem um arbeitslose junge Menschen. 1992 zog der Verein aus dem Notwohngebiet ins Bürgerzentrum um. 1995 wurde der erste Gebrauchtwarenmarkt in der Schmiedelstraße eröffnet. Weil der Bedarf da war, wandte sich die Aplawia auch der Erwachsenenarbeit zu. 1997 zog der Verein ins Gewerbegebiet Nord (August-Gauer-Straße) und erweiterte sein Angebot. Man löste sich von der AWO und gründete im Jahr 2000 die Partnerfirma SDA GmbH – seit es diesen Wirtschaftsbetrieb gibt, fließen keine Zuschüsse seitens der Stadt mehr. Bei der SDA können Benachteiligte als fest angestellte Hilfskräfte unter Anleitung gestandener Handwerker und Profis im Berufsleben Fuß fassen. Seit 2002 gibt es am Lochweg das Recylingkaufhaus „Möbel und mehr“. Seit 2004 ist die Aplawia, die Mitglied in der Industrie- und Handelskammer ist und als Ausbildungsbetrieb fungiert, Träger von Hartz-IV-Maßnahmen. Runder Tisch: Der Aplawia e.V. mit Ehrenvorsitzendem Franz Böhm, 2. Vorsitzenden Walter Vierrether und Geschäftsführer Volker Lang hat für Donnerstag, 26. April, um 16 Uhr zu einer Aussprache über die Zusammenarbeit des Vereins und der Stadt Kitzingen eingeladen. OB Müller kann wegen einer Tagung in München nicht daran teilnehmen, wird aber seinen Stellvertreter Stefan Güntner schicken.


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