Kitzingen

Unterschriften für Etsegenet

In St. Elisabeth kämpfen sie für den Verbleib einer jungen Frau aus Äthiopien
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Sie kommt bei den Bewohnern von St. Elisabeth sehr gut an. Sie hat einen Ausbildungsvertrag in der Tasche. Und dennoch soll Etsegenet Sirna das Land verlassen.

Sie spricht sehr gut Deutsch. Sie ist beliebt bei den Heimbewohnern und bei ihren Kolleginnen. Sie hilft mit, eine Personallücke zu füllen, die in den kommenden Jahren weiter aufklaffen wird. Und dennoch darf Etsegenet Sirna die zweijährige Ausbildung zur Pflegefachkraft nicht beginnen.

„Aufgrund fehlender Ausweisdokumente gibt es nur geringe Chancen auf ein Bleiberecht.“ So steht es im letzten Schreiben der Ausländerbehörde. Und nur mit einer positiven Bleibeperspektive darf ein Flüchtling auch einen Beruf erlernen. Im Haus St. Elisabeth in Kitzingen verstehen Bewohner und Mitarbeiter die Welt nicht mehr.

Etsegenet lächelt viel. Dabei ist ihr zum Heulen zumute. Sie hat eine lange Leidenszeit hinter sich. Bis vor wenigen Wochen sah es noch so aus, als würde sich ihr Schicksal zum Guten wenden. Bis der Ausreisebescheid im Briefkasten lag.

„Ich mag diese Menschen. Sie sind so ruhig und so einfühlsam.“
Etsegenet Sirna über den Umgang mit Demenzkranken

In Addis Abeba kam Etsegenet zur Welt, als Zweites von drei Kindern. Ihre Familie gehörte der ethnischen Minderheit der Oromo an. Kein gutes Omen im Äthiopien der 90er Jahre. Ihr Vater kam ins Gefängnis. Etsegenet weiß bis heute nicht, ob er noch lebt. Und wenn, wo er sich befindet. „Keinen Kontakt“, antwortet sie auf die entsprechende Frage mit leiser Stimme.

Etsegenet erinnert sich an die Soldaten, die immer wieder das Haus stürmten, nach Waffen suchten, die Mutter schlugen. Die Familie brach auseinander. Die große Schwester wohnt heute 40 Kilometer von der Hauptstadt des Landes entfernt, die kleine in einer Pflegefamilie. Die Mutter litt unter Depressionen und der ständigen Angst. „Sie ist in ein orthodoxes Kloster gegangen“, erzählt Etsegenet. „Dort lebt und betet sie.“

Und sie selbst? Etsegenet machte sich im Alter von zwölf Jahren mit einer Tante auf den Weg in den Sudan. In einem großen Lager kamen die beiden Flüchtlinge an, wurden getrennt. Etsegenet hatte Glück im Unglück. Eine sudanesische Familie nahm sie auf. Sie brauchten jemanden für die Haushaltsarbeit. Zwei Jahre blieb sie. „Dann bin ich geflohen.“ Als junges Mädchen hat sie sich selbst durchgeschlagen, in einer Art Fast-Food-Laden Geld verdient. Etwa vier Jahre ging das so, dann wollte sie aus dem streng muslimischen Land fliehen. „Als alleinstehende junge Frau hat man es dort nicht leicht“, sagt sie. Einzelheiten will sie lieber nicht erläutern.

Wie so viele andere Flüchtlinge ist sie über Libyen und das Meer nach Italien geflohen. Lampedusa, Rom. „Ich hatte immer Deutschland im Kopf“, erinnert sie sich. Im April 2015 ist sie mit dem Zug in München eingefahren. Fast 20 Jahre war sie damals alt, konnte kein Wort Deutsch – und hatte rund 1000 Dollar Schulden wegen den Kosten für die Flucht.

Vom Auffanglager in Zirndorf ging es nach Kitzingen, Corlette Circle. Etsegenet hatte einen Entschluss gefasst. Sie wollte sich durchbeißen, Fuß fassen, eine Zukunft aufbauen. Die fremde Sprache hat sie schnell gelernt. „Ohne Sprache keine Integration“, sagt sie mit einem Lächeln. Ein Jahr lang ging sie in die Berufsschule, hat den Mittelschulabschluss in der Tasche. Etsegenet wollte arbeiten, am liebsten etwas Soziales. Sie absolvierte etliche Praktika. In St. Elisabeth gefiel es ihr. Und sie gefiel den Vorgesetzten und Kollegen.

„Fleißig ist sie und lernbereit“, sagt Heimleiterin Elisabeth Müller. „Und sie geht wunderbar mit unseren Bewohnern um.“ Etsegenet Sirna arbeitet überwiegend mit demenzkranken Menschen im St. Elisabeth. Für viele junge Pflegekräfte kein leichtes Arbeitsgebiet. Etsegenet lächelt. „Ich habe nie Großeltern gehabt“, sagt sie. „Ich mag diese Menschen. Sie sind so ruhig und so einfühlsam.“

Pflegedienstleiterin Bianca Hahn ist von ihrer Mitarbeiterin aus Äthiopien begeistert. Das Jahr Ausbildung zur Pflegefachhelferin habe sie „super“ gemacht. Keine Frage, dass sie auch einen Ausbildungsvertrag zur Pflegefachkraft vorgelegt bekam. „Sie ist fleißig, zuverlässig und liebenswert“, zählt Bianca Hahn die Eigenschaften der jungen Frau auf. Mehr noch: Für die anspruchsvolle Arbeit mit den schwer dementen Menschen sei sie wie gemacht. „Unsere Bewohner nehmen sie als Mensch wahr, mit all ihrem Einfühlungsvermögen.“

Im September sollte die Ausbildung eigentlich starten. Den Vertrag hatten beide Seiten schon unterschrieben. Dann kam das Schreiben der Ausländerbehörde.

„Ich möchte gerne hierbleiben“, sagt Etsegenet. Sie hat einen Beruf erlernt, die fremde Sprache. Sie hat Zukunftsaussichten in Deutschland. In Äthiopien nicht. „Ich kenne dort niemanden mehr“, sagt sie. „Und Frauen werden dort nicht so gut behandelt wie hier.“

 

Die Kolleginnen im Haus St. Elisabeth haben eine Unterschriftenaktion gestartet. „Wir bitten die Landesregierung in Bayern, eine langfristig gesicherte Bleiberechtsregelung zu schaffen“, heißt es da. Fast 100 Bewohner und Mitarbeiter haben schon unterschrieben. „Wir wollen Etsegenet unbedingt hier behalten“, erklärt die Leiterin des Projektes Mehrgenerationenhaus in St. Elisabeth, Petra Dlugosch, die auch schon Kontakt mit der Ausländerbehörde in Schweinfurt aufgenommen hat. „Dort sitzen echt super nette Mitarbeiter, die freundlich und geduldig aufklären, keine Telefonwarteschleife, man hat mich sogar zurückgerufen weil meine Nummer mehrmals am Display zu sehen war, das hat mich positiv überrascht.“ In St. Elisabeth wollen sie alles daran setzen, ihre junge Mitarbeiterin zu halten. „Eine Bewohnerin hat sogar schon angeboten, Etsegenet zu adoptieren“, sagt Dlugosch.



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