LKR Kitzingen
Energiewende

Untergang der Windräder?

Das politische Hickhack um die Energiewende in Bayern ärgert viele.
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Ein Idyll? Wer in der Abenddämmerung vom Schwanberg aus Richtung Würzburg schaut, der sieht einige Windmühlen. Sind es die letzten ihrer Art, die in der Region gebaut wurden? Foto: Diana Fuchs
Ein Idyll? Wer in der Abenddämmerung vom Schwanberg aus Richtung Würzburg schaut, der sieht einige Windmühlen. Sind es die letzten ihrer Art, die in der Region gebaut wurden? Foto: Diana Fuchs
Hü und Hott, so heißt es nicht nur im Pferdestall. Hin und Her geht es auch bei der Energiewende. Wird die Einspeisevergütung für Ökostrom gekürzt? Wird ein größerer Abstand von Windkraftanlagen zu Wohnsiedlungen Gesetz, so wie Ministerpräsident Horst Seehofer das wünscht? All diese offenen Fragen regen nicht nur viele Bürger auf. Sie sind auch für die regionalen Planer ein großes Ärgernis.
Im Raum Kitzingen-Würzburg hat man 2013 unter Hochdruck den Regionalplan überarbeitet, in dem koordiniert Flächen für Windkraft ausgewiesen werden. "Wir wollten Wildwuchs in Sachen Windkraftanlagen verhindern und haben den Regionalplan gemeinsam mit den Kommunen im Hinblick auf den Windenergie-Erlass Bayern und aktuelle Gerichtsurteile erneuert. Der Plan ist jetzt auf dem neuesten Stand", stellt Brigitte Ziegra-Schwärzer fest.
Als zuständige Regionsbeauftragte der Planungsregion Würzburg ist sie tagtäglich mit der Energiewende befasst.

Sie betont, dass die Zielsetzung, 1500 Windkraftanlagen in ganz Bayern zu errichten, klar gewesen sei. Derzeit gebe es bayernweit zirka 600, davon rund 150 in Unterfranken. Die unklare politische Situation behindere aktuell die Flächenausweisungen.

Der regionale Planungsverband und die Regierung warten laut Ziegra-Schwarzer äußerst gespannt auf die Ergebnisse der laufende politischen Diskussion. "Wir hoffen, dass wir unsere Arbeit im bisherigen Sinn fortführen können."

Viele Fragezeichen

Das jedoch ist unsicher. Ministerpräsident Horst Seehofer möchte die so genannte 10H-Abstandsregelung einführen. Diese würde bedeuten, dass ein Windrad zehnmal so viel Abstand zu Wohnbebauung haben müsste, wie es hoch ist. Eine 200 Meter hohe Anlage müsste also zwei Kilometer vom nächsten Ort entfernt sein. "Dann blieben bei uns kaum Flächen übrig, die für Windkraft ausgewiesen werden könnten", sagt Ziegra-Schwärzer.
"Die Windkraft wäre damit in unseren Breiten quasi tot!" Drastische Worte wählt der unterfränkische Vorsitzende des Bundesverbandes Wind-Energie, Karsten Schuster. "Erst recht, wenn Schwachwindanlagen - und das sind in Bayern fast alle - künftig nach Seehofers Willen weniger gefördert werden.
Brigitte Ziegra-Schwärzer stellt fest: "Die Abstände zu Siedlungen haben wir längst in der Verbandsversammlung besprochen." Mit 898 Ja- und 32 Nein-Stimmen wurde im Oktober ein Mindestabstand von 1000 Metern zu Siedlungen festgelegt. Mit diesem "Vorsorgewert" von 1000 Metern - einem Fünftel mehr als aktuell im Bayern-Erlass vorgesehen - würden negative Auswirkungen gering gehalten und die Windkraft bliebe dennoch eine gute Option, findet Ziegra-Schwärzer.

Wie auch immer der Abstand sich künftig berechnet: Ziegra-Schwärzer plädiert dafür, Ausnahmen zuzulassen - also geringere Abstände - , wenn ein lokaler oder regionaler Konsens besteht.
Ihr kommt es so vor, als wachse mit jeder neuen Windmühle - 100 gibt es derzeit im Raum Würzburg - auch der Widerstand gegen die Windkraft. "Obwohl nach unserer Erfahrung noch immer eine große Mehrheit dafür ist."

"Gesamtkonzept fehlt"

Anders sieht dies die Initiative "Gegenwind Bayern". Die 10H-Regelung sei dringend notwendig und diene dem Schutz der betroffenen Bevölkerung vor Lärmbelästigung, Schattenwurf, bedrängender Wirkung, Belästigung durch Warnlichter (Disco-Effekt), Gefährdung durch Eiswurf, Brände und Infraschall, betont Katharina Quabius. "Gegenwind Bayern" kämpfe für eine Umsetzung der 10H-Regel für jede Wohnbebauung. "Des Weiteren sind wir gegen Windkraft an unwirtschaftlichen Standorten und dort, wo Menschen gefährdet und Natur zerstört wird."

Quabius verweist auf eine Expertise der Wirtschaftsweisen. Diese haben kürzlich erklärt, dass der Energiewende ein schlüssiges Gesamtkonzept fehle und dass es insbesondere bei der Förderung von Windkraft gravierende Fehlentwicklungen gebe. Wenn das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) keine tiefgreifende Reformierung erfahre, werde durch die Energiewende der Industriestandort Deutschland an die Wand gefahren, sagt Quabius.

"Weder sicher noch günstig"

Deutlich äußert sich auch Elektro-Ingenieur Karsten Schuster: "Preistreibend und gefährlich für die Versorgungssicherheit" sei die derzeit laufende Windkraftdebatte. Schuster gehört dem Arbeitskreis "Energieversorgungssysteme der Zukunft" des Verbands der Elektrotechnik-Elektronik-Informationstechnik e.V. (VDE) an. Außerdem ist er Geschäftsführer der Volta-Windkraft-GmbH (Ochsenfurt). Ein einseitiger Ausbau der Windenergie in Norddeutschland führe keineswegs zu mehr Versorgungssicherheit oder einem niedrigeren Strompreis - im Gegenteil. Schuster teilt mit: "Durch die Pläne von Herrn Verwaltungsfachwirt (elementare Physik und Mathematik wird nicht oder nur teilweise bei den Prüfungen gefordert) Horst Seehofer werden die Stromentstehungskosten in die Höhe getrieben und die Versorgungssicherheit gefährdet." Der Trassenbau von Nord nach Süd sowie der Bau von Speicherkraftwerken koste Unsummen.

An windstarken Tagen führe die Überproduktion von Strom im Norden Deutschlands derzeit sogar zu negativen Strompreisen. Denn die zu viel produzierte Energie könne nur zu Niedrigstpreisen verkauft werden. "Die Polen fahren ihre eigenen Kraftwerke erst runter, wenn der deutsche Strom unter deren Produktionskosten liegt."
"Sinnvoll ist nur eine flächendeckende Verteilung der Windenergieanlagen auf ganz Deutschland", stellt Schuster klar. Die dezentrale Stromeinspeisung garantiere nicht nur Versorgungssicherheit, sondern führe auch dazu, dass weniger Leitungen und weniger teure Reservekraftwerke gebaut werden müssten.
Schuster betont weiterhin, dass die Windkraft vielen Menschen Arbeit gebe. Allein in Unterfranken arbeiten nach seinen Angaben mehr als 10000 Menschen in der Zulieferindustrie für Windkraftanlagen "und bei uns könnten es noch viel mehr werden". Die Kugellagerindustrie produziere in Schweinfurt sehr hochwertige Großlager für Windkraftanlagen weltweit. Daneben liefere Bosch-Rexroth in Lohr unter anderem die Hydraulik für Windkraftanlagen.

"Die 10H-Regelung würde den Bau weiterer Windkraftanlagen in Unterfranken und Bayern nahezu unmöglich machen und den Strompreis unnötig verteuern", fasst Karsten Schuster seine Kritik an Seehofers Plänen zusammen. Schuster hat sich mit seiner Sicht der Dinge bereits an Wirtschaftsministerin Ilse Aigner gewandt. Sein Appell: Das Hü und Hott bei der Energiewende müsse einer "vernünftige Politik" weichen.




Windkraft im Landkreis:
14 Windkraftanlagen stehen derzeit im Kreis Kitzingen, eine weitere ist genehmigt.

Grundsätzlich: Im Raum Kitzingen gibt es viele bedeutsame Naturschutzgebiete und Areale, die von Luftfahrt und Militär (Navigationsanlage Würzburg) genutzt werden. Sie schränken den Windkraft-Ausbau ein. Der 15-km-Tabuzonen-Radius zur Navigationsanlage sorgt etwa dafür, dass bei Biebelried kaum neue Anlagen genehmigt werden können. "Insgesamt haben wir nur sehr wenige Flächen für die Windkraft", stellt Brigitte Ziegra-Schwärzer (Regierung) klar.

Vorranggebiete: Drei Vorranggebiete - also Flächen, auf denen Windkraftanlagen vorrangig errichtet werden dürfen - sind im Regionalplan für den Landkreis Kitzingen verzeichnet: in Prichsenstadt, Dettelbach (südwestlich der Stadt) und nordöstlich von Martinsheim.

Vorbehaltsgebiete: Zudem gibt es im Regionalplan drei Vorbehaltsgebiete, die allesamt kritisch gesehen werden. Eine Fläche liegt bei Dettelbach, die anderen beiden bei Martinsheim, Richtung Oberickelsheim. Alle wären mit der 10H-Regelung nicht zu realisieren, sagt Ziegra-Schwärzer. LDK
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