Nabukenya, "die Schöne", wird sie von ugandischen Freunden genannt. Als Blondine mit blauen Augen fällt Michaela Schraudt im Oktober 2008 während ihres Praktikums in einem medizinischen Zentrum in Kampala bereits rein optisch auf. Es ist ihr erster Aufenthalt in dem ostafrikanischen Land. Knapp zwei Jahre später macht die Unterfränkin ganz anders von sich reden: Mit der Gründung einer eigenen Schule.

Im Februar dieses Jahres wurde in der Nähe der Stadt Mbale die Namirembe Nursery School eröffnet.

Die Privatschule für 170 Vorschulkinder von dreieinhalb bis sechs Jahren ist Schraudts Idee. Eine Idee, deren Realisierung der Studentin nun fast mehr Anstrengung abverlangt als das Verfassen ihrer Masterarbeit im Fach Medical Process Management.

Mit einem spontanen Besuch einer heruntergekommenen Privatschule in einem Slum der ugandischen Hauptstadt fängt alles an:

"Da dachte ich wow, die begrüßen mich mit so einer Herzlichkeit, obwohl die Verhältnisse so erbärmlich sind." Von da an will sie Schülern helfen. Die damals 24-Jährige mobilisiert Freunde und Verwandte in der Heimat. In Kürze kommen 1300 Euro zusammen. Sie reißt die wacklige Wellblechhütte in dem Slum ab und kauft mit dem Geld aus Franken Steine, Türen, Putz und Farben. Und aus der alten Einraumunterkunft wird die einladende JJ Nursery School mit drei Zimmern.
Ein Jahr später besucht Schraudt in ihren Semesterferien erneut die Schule in Kampala. Mittlerweile quetschen sich statt wie geplant 60 schon 110 Schüler aneinander. Michaela will ein Grundstück dazukaufen. Freunde vor Ort raten ab. Zu unsicher sei ein Immobiliengeschäft in einem Armenviertel in der Großstadt. Manche Makler verkaufen mit gefälschten Urkunden Boden, der eigentlich dem Staat gehört.

Sie fasst den Entschluss, in einem Dorf auf dem Land in der Nähe der Stadt Mbale eine eigene Schule zu gründen.

Dort hat sie Freunde, denen sie vertraut. In einem abgelegenen Handelszentrum namens Namirembe kauft sie einen stillgelegten Rohbau. Drei Zimmer aus Stein, mit Blechdach. 1900 Euro legt sie für das Gebäude und das 22 mal 150 Meter große Grundstück auf den Tisch. Der Grenzstein ist ein Baumstumpf. Sie baut aus. Auf fünf Zimmer. 2400 Euro verschlingt der Neubau. Bald reichen die Spenden aus Unterfranken nicht mehr aus.

"Da ging halt mein Bausparer drauf", erklärt sie, wie sie als Studentin auch die zusätzlichen Reisekosten stemmen kann.

Sie packt selbst mit an. Arbeitet mit Freunden aus dem Dorf zusammen. Steine schleppen, Zement rühren, Material organisieren, Geld an die mehr als 20 Arbeiter auszahlen. Abends ist sie erschöpft. Kochen auf offener Feuerstelle. In dem abgelegenem Dorf gibt es keinen Strom. Sie schläft in einer Lehmhütte. "Das eigene Bett war der größte Luxus", erinnert sie sich. Aufgeweckt wird sie morgens von Tieren: Hühner, Hunde, viele laute Vögel schreien. Trotz allen Fleißes schafft sie es aber nicht, innerhalb ihrer Semesterferien den Schulbau fertigzustellen.

Im Sommer 2010 kehrt sie mit neuem Elan zum dritten Mal zurück in die Halbwildnis. Mit im Gepäck: 1000 Euro aus erneut privaten Spendenaufrufen aus Franken.

Toiletten müssen gebaut, eine Veranda angelegt und die Wände geweißt werden. "Ich hab' gestrichen, bis mir die Hand abfiel. Vier Tage lang." Ein Zimmermann schnitzt 32 Schulbänke. Die offizielle Genehmigung für die private Schule ist eine weitere Herausforderung. "Die Erlaubnis ging über zehn Ecken, bis ich sie hatte", beschreibt Schraudt die für sie manchmal undurchsichtige ugandische Bürokratie. Doch von Stress möchte sie nicht sprechen: "Man muss sich anpassen, manche Dinge dauern einfach länger."

Dazu zitiert sie ein afrikanisches Sprichwort: "Die Europäer haben die Uhren, wir haben die Zeit".

Sie gewöhnt sich an die Ratten in der Hütte und an die Nebenwirkungen der Malariaprophylaxe. Dann erkrankt sie trotzdem an Malaria und kuriert sich im Busch auch ohne Arzt. Eine Hautkrankheit mit schmerzendem Juckreiz am ganzen Körper übersteht sie unversehrt.

"Meine Eltern machen sich große Sorgen", gesteht die 26-Jährige.


Doch ihr Herz schlage für ihre neue Schule. Ihr Plan steht: "Ich will zurück nach Uganda." Zum vierten Mal. Schließlich ist sie nun "Director" und gleichzeitig Eigentümer der Privatschule. "Ich weiß natürlich, welche Verantwortung ich da trage", erklärt sie. Vier Vollzeit-Lehrer und eine Köchin auf Halbtagsbasis hat sie angestellt.

Zeitintensiv ist die derzeitige Betreuung der Einrichtung über die große Distanz hinweg. Etwa acht Stunden pro Woche koordiniert Schraudt, telefoniert, plant und hält Vorträge in ihrer Heimat.

Den Ansturm der ersten Schüler kennt sie bis jetzt nur von Bildern, die ihr der beauftragte Projektleiter Tadeo Papaye zuschickt. Die ersten Wochen laufen ihrem Kenntnisstand zufolge sehr gut.

Gründe für den Erfolg gibt es einige.

Zum Beispiel die verhältnismäßig niedrige Trimestergebühr in Höhe von umgerechnet neun Euro, die die Eltern zahlen müssen. Mit den Gebühren kann Schraudt Mittagessen oder die Schuluniform der Kinder finanzieren. Der größte Posten sei aber das Lehrergehalt. Eine Pädagogin erhält umgerechnet knapp 40 Euro monatlich. Schraudts Ziel ist es, dass sich die Schule in den kommenden Jahren durch die Schulgebühren selber trägt. Momentan ist sie wegen der vielen Neuanschaffungen und Bauarbeiten noch auf Spenden und eigenes Geld angewiesen.

In ihrer fränkischen Heimat ist sie mit ihrem Projekt keine Unbekannte mehr.

Helmstadts Bürgermeister Edgar Martin hat die Studentin mit einer Ehrenmedaille der Gemeinde ausgezeichnet. Auch der Bürgermeister im ugandischen Namirembe hat sich mit einem offiziellen Schreiben bedankt. "Du hast Fortschritt in unsere Gemeinde gebracht", steht in Englisch auf dem Papier, das Schraudt zwischen Fotos und Notizzetteln archiviert. Bis sie ihre Schulkinder selbst im Alltag erleben kann, werden noch einige Monate vergehen. Und bis dahin wird sie wohl noch Dutzende Male zum Hörer greifen, um Neuigkeiten aus Uganda zu erfahren und Spendengelder für die nächste Schulerweiterung zu sammeln.
"Wir planen nämlich einen Zimmeranbau für die Lagerung unseres Lehrmaterials. Außerdem wollen wir noch ein Grundstück für einen größeren Pausenplatz erwerben", schildert Schraudt ihre nächsten Ziele. Doch zuerst muss sie ihre Masterbarbeit vollenden.