KITZINGEN

Und es werde dunkel

Wer konsequent Artenschutz betreiben will, der darf die Nacht nicht vergessen - und das, was wir Menschen daraus machen.
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Sternenhimmel über der Wasserkuppe
Damit die Menschen den Himmel wieder erleben können: Fünf Jahre nach der Anerkennung als Sternenpark will das Biosphärenreservat Rhön den Kampf gegen die weit verbreitete Lichtverschmutzung vorantreiben. Unser Bild zeigt den Sternenhimmel an der Wasserkuppe. Foto: Foto: Arnulf Müller/DPA
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Sie wollen das Licht nicht verteufeln. Aber einen verantwortungsvollen Umgang damit anmahnen. Kommunen, Firmen und Privatleute könnten viel gegen die Lichtverschmutzung tun, meinen Sabine Frank und Christian Söder. Die schadet vor allem Tieren – aber auch Menschen.

Sind die Nächte in Deutschland zu hell?

Sabine Frank: Auf jeden Fall. Vor zehn Jahren konnten Sie von vielen Stellen aus die Milchstraße sehen. Das ist heute nur noch dort möglich, wo es im Umkreis von ein paar Kilometern keine Behausung gibt.

Woran liegt das?

Frank: In der Hauptsache an den vielen neuen Anwendungsmöglichkeiten der LED und teils auch an einem gestiegenen Sicherheitsbedürfnis. Dabei bedeutet viel Licht nicht gleich viel Sicherheit.

Sagt wer?

Frank: Die Polizei. Wir haben vor fünf Jahren mit dem Projekt „Sternenpark Rhön“ begonnen, etliche Kommunen haben sich freiwillig daran beteiligt und ihre Beleuchtung heruntergefahren und teils abgeschaltet. In den Statistiken der Polizei sind deshalb keine steigenden Delikte in der Nacht nachzuweisen.

Was ist denn so schlimm an einer nächtlichen Beleuchtung?

Frank: Es geht um die Gesundheit der Menschen und den Lebensraum der Tiere. Es braucht nachts keine beleuchteten Parkplätze an Verbrauchermärkten, es braucht auch keine Leuchten in Privatgärten und Laternen an Gehwegen, die den Himmel anleuchten. Da könnte man sehr viel reduzieren.

Um die nachtaktiven Tiere zu schützen?

Frank: Na klar. Aber auch uns Menschen. Unser Hormonsystem reagiert nachts auch auf Licht, insbesondere auf den blauen Anteil. Der kann Schlafstörungen verursachen. Für viele Tiere ist das Licht natürlich noch viel bedrohlicher.

Für welche?

Frank: Vor allem für die nachtaktiven Insekten. Die werden vom Licht angezogen und flattern sich zur Erschöpfung bis in den Tod. Andere werden orientierungslos. Für Fledermäuse, Biber oder Feldhamster hat das nächtliche Licht einen anderen negativen Effekt. Ihre natürlichen Lebensräume werden zerschnitten.

Der Artenschutz endet mit Beginn der Dunkelheit?

Frank: So kann man es ausdrücken. Wenn wir unsere Arten schützen wollen, müssen wir die Nacht in unsere Überlegungen mit einbeziehen. Alles andere wäre kontraproduktiv.

Was genau können Kommunen und Privatleute machen?

Frank: Zunächst einmal Licht reduzieren. Wo es notwendig ist, gezielt einsetzen. Die Lichtkegel auf die Bereiche lenken, wo sie gebraucht werden. Mitunter werden immer noch Lampen mit viel zu hohen Lichtmengen installiert. Und auf die Farbe achten. Der blaue Anteil macht das Licht grell. Ein warmes Weiß mit nicht mehr als 3000 Kelvin Farbtemperatur ist für die Lebewesen deutlich besser.

Im Biosphärenreservat Rhön hat längst ein Umdenken eingesetzt. Woanders auch?

Frank: Daran arbeiten wir. Wir waren 2014 so etwas wie Vorreiter mit dem Thema. Seither ist Lichtverschmutzung in vielen Gegenden Deutschlands ein Thema und wir Nachtschützer halten auch Vorträge. Oft stoßen wir dabei auf offene Ohren. In Stegaurach hatte der Stadtrat schon weiße LED-Leuchten für seine Stadtbeleuchtung bestellt und sich nach dem Info-Vortrag umentschieden.

Und in Kitzingen?

Christian Söder: Da wollen wir Anfang Oktober ein ökologisches Lichtgutachten durchführen lassen.

Was genau passiert da?

Söder: Ein Gutachter wird ermitteln, welche Leuchtmittel mit welcher Leuchtfarbe benutzt werden und ob das Licht tatsächlich sinnvoll platziert wird. Wir wollen herausfinden, wo unnötig Licht verbraucht wird.

Und dann?

Söder: Dann können wir den Kommunen und Firmen vor Ort eine Handlungsempfehlung geben. Verpflichtende Maßnahmen ergeben sich aus dem Gutachten nicht.

Dann bleibt wohl alles beim Alten?

Söder: Nicht unbedingt. Es tut sich was in den Köpfen. Vor fünf Jahren bin ich das erste Mal mit dem Thema hausieren gegangen, einen Sternenpark Schwanberg aufzubauen – ähnlich dem Sternenpark in der Rhön. Damals war das Thema noch nicht so präsent, vielleicht war es schlicht zu früh.

Und jetzt ist so ein Projekt denkbar?

Söder: Auf jeden Fall. Ich bin mir sicher, dass einige Bürgermeister aufgeschlossen oder zumindest nicht abgeneigt sind, solch ein gemeinsames Projekt anzugehen.

Was hätte so ein Sternenpark denn für Vorteile?

Frank: Er würde vielen nachtaktiven Tieren einen Schutzraum ermöglichen und nicht zuletzt den Menschen den Himmel wieder näherbringen.

Zu den Personen:

Sabine Frank ist Hobbyastronomin und seit 2014 verantworlich für das Projekt „Sternenpark Rhön“.

Christian Söder ist Fledermausbeauftragter im Landkreis Kitzingen.

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