WÜRZBURG/UNTERFRANKEN

Tödliche Baustellen

Die Zahl der Arbeitsunfälle sinkt seit Jahren. Nur ein Bereich bleibt problematisch
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Bundeswehr-Helikopter kollidiert mit Tower
Tragisch und durch keine schärferen Sicherheitsvorkehrungen zu verhindern gewesen: Bei einem Unfall mit einem Hubschrauber der Bundeswehr ist auf dem Verkehrslandeplatz Haßfurt-Schweinfurt im April des letzten Jahres ein 60 Jahre alter Flugplatzmitarbeiter getötet worden. Foto: ArchivFoto: Nicolas Armer/dpa
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Fünf tödliche Betriebsunfälle in Unterfranken im Jahr 2018. Zwei mehr als im Vorjahr. Das klingt nicht gut. Der Leiter des Gewerbeaufsichtsamtes in Würzburg, Dr. Günther Gaag, relativiert. Seit Jahren gehen die Unfallzahlen in ganz Deutschland zurück. Die jüngste Häufung im Bezirk Unterfranken sei auch auf unglückliche Umstände zurückzuführen.

Beispiel Flugplatz Hassfurt: Dort ist ein Hubschrauber im April des letzten Jahres beim Betanken zu nah an den Tower geraten und beschädigte dabei seine laufenden Rotorblätter sowie den Kontrollturm. Die umherfliegenden Bruchstücke trafen einen in 40 Meter Entfernung stehenden Flugplatzmitarbeiter und verletzten ihn so schwer, dass er im Krankenhaus starb. „Das ist ein Schicksalsschlag“, sagt der Behördenleiter aus Würzburg. „Da helfen auch keine schärferen Sicherheitsrichtlinien“.

Über die letzten Jahrzehnte ist die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle deutschlandweit kontinuierlich zurückgegangen. In Unterfranken liegt sie seit mehr als zehn Jahren im einstelligen Bereich. „In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der tödlichen Arbeitsunfälle in einer sich ständig wandelnden Arbeitswelt mehr als halbiert“, freut sich Gaag. Auch bei den Arbeitsunfällen ohne tödlichen Ausgang vermelden die Statistiker einen Rückgang. Weniger als eine Million hat es im letzten Jahr bundesweit gegeben. „Die niedrigste Zahl seit Bestehen der Bundesrepublik“, sagt Dr. Gaag und bilanziert: „Wir sind auf einem guten Weg.“

Strengere Richtlinien des Gesetzgebers, verbesserte Arbeitsschutzgesetze, eine größere Maschinensicherheit dank einer erfolgreichen Präventionsarbeit: All das habe in den letzten Jahren Wirkung gezeigt. Eine veränderte Mentalität tut ihr Übriges. „Früher gab es noch viel mehr Unfälle aufgrund von leichtsinnigem Verhalten“, erinnert sich Gaag. Manche Arbeitnehmer hätten Anlagen repariert, während die Maschinen noch gelaufen sind. Solche Unfallursachen spielen so gut wie keine Rolle mehr. „Die Betriebe unterweisen ihre Mitarbeiter viel intensiver als früher“, lobt der Behördenleiter. Dennoch: Mehr als 80 Prozent der Unfälle sind weiterhin verhaltensbedingt – will heißen: Sie gehen auf eine Fehleinschätzung des Mitarbeiters zurück. Mit schmerzhaften Folgen, nicht nur körperlich. Auf 76 Milliarden Euro summierten sich die Kosten für Produktionsausfälle im letzten Jahr. 669 Millionen Erwerbstage fehlten deutsche Arbeitnehmer aufgrund von Arbeitsunfällen in 2018. Den volkswirtschaftlichen Schaden beziffert Gaag auf 138 Milliarden Euro. Schon aus diesen Zahlen wird klar, dass die Arbeitgeber ein großes Interesse an unfallfreien Arbeitsprozessen und gesunden Mitarbeitern haben. Entsprechend viel investieren sie in Vorsorge und Prävention.

Eine große Baustelle gibt es nach wie vor. Und das im wörtlichen Sinne. Drei der tödlichen Unfälle vom Vorjahr ereigneten sich an Autobahnen und Brückenbaustellen. Im Januar 2018 wurde ein Mitarbeiter der Verkehrssicherung von einem vorbeifahrenden und ins Schleudern geratenen PKW erfasst und tödlich verletzt. Im Februar rutschte beim Transport von Baustahl die etwa 600 Kilogramm schwere Last und erschlug einen Bauarbeiter. Im Dezember rangierte ein Mitarbeiter einer Brückenbaufirma auf der Ladefläche eines LKW und stürzte zusammen mit seinem Stapler ab. Der Mann geriet im Fallen unter den Stapler und konnte nur noch tot geborgen werden.

„Die Verkehrssicherung an Straßenbaustellen ist eines unserer größten Probleme“, bestätigt Gaag. „Das ist immer mit einem großen Risiko behaftet.“ Der Gesetzgeber habe bereits reagiert, verschärfte Auflagen sind für dieses Jahr vorgesehen.

Trotz der grundsätzlich erfreulichen Zahlen: Es gibt genug Arbeit für die 36 technischen Beamtinnen und Beamten am Gewerbeaufsichtsamt. „Der Wandel in der Arbeitswelt ist auch für uns ein sehr großes Thema“, sagt Gaag. Robotik, 3D-Druck, das Smartphone als ständiger Begleiter: neue Herausforderungen für die künftige Arbeitswelt. „Wir können noch nicht sagen, welche Risiken damit verbunden sind“, gesteht der Behördenleiter. Die häufigsten Gründe für eine Arbeitsunfähigkeit dürften in den kommenden Jahren aber gleich bleiben: Muskel- und Skelettbeschwerden an erster Stelle, gefolgt von psychischen Belastungen.

Gewerbeaufsicht

Die zentrale Aufgabe der Gewerbeaufsicht besteht darin, die Sicherheit und den Gesundheitsschutz aller Beschäftigten am Arbeitsplatz zu gewährleisten. Themen sind unter anderem der Arbeitsschutz auf Baustellen, die Gefahrgutbeförderung, die Einhaltung von Mutterschutz- und Jugendarbeitsschutzrichtlinien und die Überwachung von Medizinprodukten, Aufzügen oder Röntgenanlagen. Gleichzeitig erfüllt die Gewerbeaufsicht auch wichtige Aufgaben im Verbraucherschutz bei Non-Food-Produkten sowie beim Schutz der Umwelt und Dritter vor Gefahren technischer Anlagen, vor Gefahrstoffen und vor gefährlichen Transportgütern.
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