Würzburg
Gericht

Tiefe Narben an Hals und Seele

Im Suff wird sein Gesicht zur Fratze, sagt die Frau über ihren ehemaligen Lebensgefährten. Er hätte sie beinahe umgebracht.
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Zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren hat das Schwurgericht gestern einen 29 Jahre alten Kubaner verurteilt, der im April 2012 in Würzburg bei einer Geburtstags-Fete im Suff ausgerastet war und seiner damaligen Freundin und Mutter eines gemeinsamen neun Monate alten "Wunschkindes" mit einer zerbrochenen Bierflasche zwei Mal in den Hals gestochen hat.

Da der Asylbewerber vor Jahren aus Langeweile mit dem Trinken angefangen hatte und zuletzt täglich bis zu acht oder neun Flaschen Bier und außerdem noch erhebliche Mengen an Rum und Wodka konsumierte, wurde seine Unterbringung in einer Entziehungsklinik angeordnet. Das Urteil ist mit Zustimmung aller Beteiligter sofort rechtskräftig geworden.

Den Angeklagten beschrieb die Ex-Freundin (35) als Mann mit zwei Gesichtern: Nüchtern sei er zärtlich und gefühlvoll gewesen, auch zu ihren beiden anderen Kindern, aber unter Alkohol "wie ferngesteuert, aggressiv
und unberechenbar, mit einer Fratze statt Gesicht".


Obwohl zwischen den Stichverletzungen und der Halsschlagader nur Millimeter lagen, obwohl sie nur ganz knapp überlebt hatte, würde die Frau, wie sie vor Gericht erklärte, die Beziehung unter der Voraussetzung fortsetzen, dass sich der Angeklagte vorher endgültig vom Alkohol verabschiedet. Dass er seine Freundin damals töten wollte, hat der Kubaner zugegeben. Dass sie überlebte, verdankt sie allein einem Rettungssanitäter, der sich, während viele Gäste der Geburtstagsfeier herumstanden und zuschauten, zwischen Täter und Opfer warf.
Selten habe man es erlebt, so das Gericht, dass ein Opfer dem Täter so bewundernswert umfangreich verziehen und ihm Hilfe für die Zukunft angeboten hat. Aus nichtigem Anlass sei der Mann aus Kuba am Tattag, mit etwa zwei Promille Alkohol im Blut, ausgerastet: Er hatte den Eindruck, dass die Freundin sich bei der Fete nicht ausreichend um den gemeinsamen, damals neun Monate alten Sohn sorgt. Als er zustach, lag die Frau, von ihm zu Fall gebracht, am Boden und hatte sich schützend über das Baby gebeugt. Der Angeklagte rief "Ich mache dich gestorben", das sei, sagte er auf Kuba eine häufig zu hörende, nicht ernst gemeinte, sanfte Drohung. Die Dolmetscherin allerdings erklärte, trotz ausreichend Südamerika- und Karibik-Erfahrung habe sie die Redewendung noch nie gehört.

Viel schlimmer als die Narben am Hals des Opfers sind, so der Vorsitzende Richter Burkard Poepperl, die Narben an den Seelen der anderen beiden Kinder der Frau, 14 und 16 Jahre alt, ein Junge und ein Mädchen:

Die standen daneben und mussten zusehen, wie der Mann, der nüchtern so nett zu ihnen war, ihre Mutter abstechen wollte. Das Gericht hoffe, so der Vorsitzende, dass die Kinder das Geschehen verarbeiten können. Insoweit habe der Angeklagte über die Stiche hinaus schwere Schuld auf sich geladen.
Unter Alkohol seien von diesem Angeklagten weitere erhebliche Straftaten zu befürchten. Bei einer früheren Verurteilung ging es ebenfalls schon um Körperverletzung unter Alkohol mit Glasscherben als Waffe. Die jetzt angeordnete Unterbringung in einer Entziehungsklinik werde wenigstens zwei Jahre dauern und sei vermutlich für den 29-Jährigen die letzte echte Chance. Bei Abbruch der Therapie könne er davon ausgehen, dass er die Freiheitsstrafe von fünf Jahren voll absitzen muss und danach abgeschoben wird. Er solle die Chance nutzen, damit das von seiner Lebensgefährtin eindrucksvoll beschriebene "fürchterliche zweite Gesicht" nicht mehr zu sehen sein wird.

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