Rüdenhausen
Freizeit

Tausende winzige Musiker

Engel, Teufel, Hunde, Katzen: Karl zu Castell-Rüdenhausen sammelt Mini-Musiker aus aller Welt - 500 Kapellen sind im "Weinkeller am Schloss" zu bestaunen.
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Graf Karl mit einer offenbar Laune machenden Froschkapelle. Diana Fuchs
Graf Karl mit einer offenbar Laune machenden Froschkapelle. Diana Fuchs
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Da stand sie, nur eine gute Armlänge entfernt. Aber durch eine Glasscheibe von den großen Augen und den kleinen Händen des Buben entfernt. Die bayerische Blaskapelle im Miniaturformat bestand aus vielen, bunt bemalten Holzfiguren. Trompete, Flügelhorn, Posaune, Tuba und die große Trommel - alles war winzig, aber wunderbar zu erkennen. Karli starrte völlig fasziniert in das Schaufenster des Münchner Spielwarengeschäfts. Sein Vater konnte gar nicht anders: Siegfried zu Castell-Rüdenhausen betrat den Laden und kaufte die Mini-Musiker.

Über ein halbes Jahrhundert ist das her. Der fränkische Fürst konnte damals nicht ahnen, dass er bei einem Ausflug mit seinem Sohn in die bayerische Hauptstadt den Grundstein für eine phänomenale Privatsammlung legte. Rund 500 Musikgruppen aus aller Herren Länder, vor allem Blasmusiker, hat Karl Graf zu Castell-Rüdenhausen heute in seinem "Weinkeller am Schloss" im unterfränkischen Rüdenhausen (Kreis Kitzingen) versammelt. Alle haben ihren individuellen Charakter. Und ihr ganz eigene Geschichte.

In großen Schränken hat Graf Karl sie schön aufgebaut: Die lässig groovenden mexikanischen Frösche mit kunterbunten Sombreros auf den Köpfen neben der streng in Reih und Glied marschierenden Militärkapelle und einer Horde jazzender Schlümpfe. "Die da", sagt der Rüdenhäuser und zeigt auf eine Gruppe kleiner Elefanten, "standen bei meiner Oma immer auf dem Kamin. Als Kind durften wir nicht damit spielen, obwohl ich das immer gerne getan hätte - aber dazu waren sie zu wertvoll." Irgendwann hat Gräfin Johanna zu Solms-Laubach aber offenbar gemerkt, dass ihr Enkel Karl die trompetenden Winzlingselefanten mindestens genauso sehr mag wie sie selbst, und schenkte sie ihm.

"Meine Hauptschenkerin war aber Tante Moni", erzählt Graf Karl. Die Schwester seiner Mutter, Prinzessin von Hannover, sammelte Spielzeug und Puppen - in Laubach gibt es heute ein Museum mit ihrer Puppenstubensammlung. Sie freute sich über das Interesse ihres Neffen aus dem Drei-Franken-Eck und brachte ihm bei allen möglichen Gelegenheiten ein paar Blasmusiker mit. "Im Prinzip hat sie so dafür gesorgt, dass ich erst so richtig Sammelfieber bekommen habe." Im Lauf der Jahre scharten sich immer mehr "Musikerli" um den jungen Grafen, der sie alle gerne bei sich aufnahm; welche aus Australien ebenso gern wie welche aus Augsburg.

Ob aus Blei, Plastilin, Glas, Holz, wertvollem Porzellan oder einfachem Ton, Zinn oder teurer Wiener Bronze: "Das Material war mir immer völlig wurscht." Einziges Sammel-Kriterium: Die Figuren dürfen nicht größer als zehn Zentimeter sein. "Sonst hätte ich in meinem Haus ein noch größeres Platzproblem gehabt als ohnehin schon."

Ansonsten müssen die Mini-Musiker nur eins: Graf Karl gefallen. Das ist nicht wirklich schwer: Der Autor und Gastwirt lebt in einem Haus, das, ebenso wie der Garten, wie eine große, alte Schatzkiste anmutet. Historische Musikinstrumente, Karten und Bauernkeramik zieren Wände, Lauben und Bäume gleichermaßen. "Ich lebe gerne mit dem, was von unseren Vorfahren und alten Rüdenhäusern noch da ist", sagt Graf Karl. Er ist ein jung gebliebener 61-Jähriger, der sowohl an Karaoke-singenden Krokodilen als auch an Kirmesfigürchen etwas Charmantes entdeckt.

Auf den Floh- und Antikmärkten zwischen Knetzgau, Haßfurt und Bad Windsheim war und ist er regelmäßiger Gast. Viele Händler kennen ihn und halten gern mal besondere Objekte für ihn zurück. Kürzlich hat Graf Karl von einem Händler aus Coburg einen Zinntrommler bekommen - einen von insgesamt 14 Musikern einer berittenen Kapelle. "Obwohl das Zinnfigürchen kein Schnäppchen war, konnte ich einfach nicht widerstehen." Der Rüdenhäuser ist selbst Musiker ist und schlägt in verschiedenen Musikgruppen die große Trommel. Eine gewisse Affinität zu kleinen Taktgebern ist daher wohl nicht rein zufällig.

Und was ist mit den übrigen 13 Zinnmusikanten, um die Kapelle vollständig zu machen? "Naja", sagt der Unterfranke. "Da ist Geduld gefragt. Niemand kann sich immer alles, was er gerne hätte, gleich kaufen." Der nächste Antikmarkt kommt bestimmt. Und der übernächste.

Bierernst sieht der Ernst-Mosch-Fan sein Hobby nicht. Ganz im Gegenteil. Während er hellgrüne, hölzerne Grashüpfer mit langen Fühlern betrachtet, die aussehen wie ein launiges Ensemble Außerirdischer, sagt er mit schelmischem Grinsen: "Manchmal frage ich mich schon, wer so etwas kauft."

Tief in seinem Herzen kennt er die Antwort: Menschen wie er selbst, mit einem Sinn fürs nicht Alltägliche.

Oft ist das auch die Antwort auf die Frage, wer solche Figuren herstellte oder herstellen ließ. Wenn der 61-Jährige nichts über die Herkunft seiner Mini-Musiker weiß, recherchiert er. Spezialisten wie Jan Kube vom Spielzeugmuseum Sugenheim helfen ihm beim Bestimmen. Manchmal kommen ganz kuriose Geschichten zum Vorschein. So war zum Beispiel ein zwei Zentimeter großes Männchen aus hautfarbenem Kunststoff, mit Schottenrock und Bärtchen, das einen Dudelsack spielt, vor vielen Jahrzehnten einer Schachtel Rama beigelegt - ein "Give-away" aus alten Zeiten, sozusagen.

Die "Geschichten drumherum" sind für Graf Karl mindestens ebenso interessant wie die Figuren selbst. Vor einigen Jahren - der Bayerische Rundfunk hatte gerade über ihn berichtet - bekam der Graf einen Anruf aus Berlin. Ein älterer Herr namens Dr. Weinert hatte die Sendung gesehen und wollte nun seine Geschichte erzählen. Als Kind sei er oft krank gewesen und habe deshalb viele Spielsachen geschenkt bekommen, unter anderem eine Musikkapelle. "Wir mochten uns am Telefon auf Anhieb und vereinbarten, dass Herr Weinert und seine Frau mich einmal besuchen kommen", erinnert sich Graf Karl. Ein Jahr geschah nichts. "Ich hatte das Telefonat schon fast vergessen." Dann standen die Weinerts eines schönen Tages vor der Tür - und überreichten dem Sammler die alte Kapelle. "Aus dieser Begegnung ist eine richtige Freundschaft entstanden."

Wie alles begann...

Genau deshalb, sagt der Graf, seien manche Exponate für ihn wertvoller als alles Geld der Welt. "Immer, wenn ich mich mit meinem kleinen Pinsele durch die Vitrinen arbeite, weil ich die kleinen Musikanten dringend wieder mal säubern muss, denke ich an die Menschen, die hinter den Figuren stecken." Das Abstauben wird deshalb aber nicht leichter. "Es gibt Tage, da lasse ich es gleich wieder. Man baucht halt schon ein bisschen Geduld, wenn man so viel filigranes Zeug säubern will..."

Eine Kapelle aber wird so gut wie nie staubig. Die bayerischen Blasmusiker aus München werden oft in die Hand genommen und erinnern daran, wie alles begann: mit einem Ausflug in die Landeshauptstadt und einem staunenden Karli, der sich vor einem Schaufenster die Nase platt drückte.

INFO: Karl Graf zu Castell-Rüdenhausen hat über seine Mini-Musikanten-Sammlung ein reich bebildertes, launiges Buch geschrieben. Für Ende des Jahres ist die Veröffentlichung von "Meine kleine Blasmusik" geplant (Verlag J.H.Röll GmbH, Postfach 1109, 97335 Dettelbach, Tel. 09324/ 9977-0). Zwar ist die Sammlung im "Weinkeller am Schloss" in Rüdenhausen eine Privatsammlung, aber wirklich Interessierten zeigt Graf Karl sie gerne. Er hofft, dass seine Schätze irgendwann in einer Art Gemeindemuseum öffentlich zugänglich gemacht werden können. Kontakt: Karl Graf zu Castell-Rüdenhausen, Schlossstraße 10, 97355 Rüdenhausen, Tel. 09383/ 7044, Mail: karl@castell-ruedenhausen.de



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