Marktsteft
Brustwarzenrekonstruktion

Tattoos für Brustkrebs-Patientinnen

Krebs verändert den Körper. Das belastet die Seele. Fränkinnen erzählen, wie ein Tattoo ihnen nach der Brust-OP Körper- und Selbstwert-Gefühl zurückgab.
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Nicht vom Original zu unterscheiden: Andy Engel rekonstruiert die Brustwarze einer Patientin mit viel Akribie und langjähriger Erfahrung.  Fotos: Diana Fuchs
Nicht vom Original zu unterscheiden: Andy Engel rekonstruiert die Brustwarze einer Patientin mit viel Akribie und langjähriger Erfahrung. Fotos: Diana Fuchs
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W er ein Tattoo von Andy Engel persönlich haben möchte, der braucht schon etwas Geduld. Seit der Franke für seine fotorealistischen Portraits weltweit begehrte Preise bekommt, strömen Menschen aus ganz Deutschland, Europa und sogar darüber hinaus zu den jährlichen Anmeldetagen in Engels Studio nach Marktsteft im Landkreis Kitzingen. Einen Tag pro Woche nimmt der 44-Jährige sich jedoch raus aus dem "normalen" Geschäft. An diesem Tag tätowiert er einzig und allein Frauen, die nach Brustoperationen seine Hilfe suchen und sein Können brauchen.

Manche der Frauen haben ein Martyrium hinter sich, bis sie - meist über Mundpropaganda oder Internet-Recherche - in Engels Hände gelangen. Sandra aus Erlangen hat über eine Freundin von der besonderen Tätowierkunst erfahren. Sie war 29 und gerade dabei gewesen, in einer Logistikfirma Karriere zu machen, als sie die Diagnose Brustkrebs erhielt. "Die OP musste schnell gehen", erinnert sich die heute 33-Jährige. "Aber ich habe mir gleich geschworen, dass ich nicht jämmerlich werden und in der Krankheit aufgehen will. Mein Motto war: Ich schaffe das, ich gehe da durch, ich kämpfe dagegen!" Sie musste 18 Chemo-Zyklen durchstehen.
Weil eine gewisse Wahrscheinlichkeit bestand, dass der Krebs zurückkehren könnte, ließ sich die Fränkin beide Brüste abnehmen. Der anschließende Wiederaufbau ging nicht ohne Narben vonstatten. Wo früher Brustwarzen waren, war nun fahle Haut. Sandra sagt: "Für mich war das keine Brust mehr."


"Habe meine Brust so nicht gemocht"

Monika bekam 2002 das erste Mal Brustkrebs. Die Ärzte operierten brusterhaltend. Sechs Jahre später kam die Krankheit zurück. "Diesmal musste die linke Brust amputiert werden." 2010 begannen die Mediziner mit dem Wiederaufbau. Doch es gab Probleme. "Ich bekam einen Krankenhauskeim", berichtet die Kitzingerin. Zu den Schmerzen kam hinzu, dass die Rekonstruktion der Brustwarze fehlschlug. "Ich kenne Frauen, die kommen gut damit zurecht, wenn ihr Körper nach dem Krebs anders aussieht als früher", sagt die dreifache Mutter. "Aber bei mir war das nicht so. Ich habe meine Brust so nicht gemocht."

Ihre Nichte erzählte ihr von Andy Engels Rekonstruktions-Tattoos in 3D-Optik. "Ich bin so froh, dass ich daraufhin in dieses Studio gegangen bin. Es hätte für mich nichts Besseres geben können."

Tatsächlich sieht man keinen Unterschied zwischen der tätowierten und der ursprünglichen Brust. Engel hat die erhaltene Brust zunächst fotografiert und das Bild im Computer gespiegelt. "Keine Brustwarze ist wirklich rund", weiß er. "Und keine immer gleich groß. Sie verändern sich zum Beispiel bei Temperaturunterschieden." Es gehe deshalb darum, Form, Farbe und Größe auszumitteln und der gesunden Seite anzugleichen. Ist die Schablone erstellt und aufs Gewebe übertragen, ist das Tattoo in durchschnittlich zwei Stunden fertig. "Das Stechen war nicht schlimm”, sagt Monika. Sandra bestätigt das. "Das Tätowieren war das Angenehmste an der ganzen Krebsgeschichte."

Wenn - wie in Sandras Fall - auf beiden Seiten keine Brustwarze mehr vorhanden ist, rekonstruiert Andy Engel aufgrund von Fotos, die er idealerweise vor der Amputation aufgenommen hat. Existieren keine Bilder, kann auf 70 Brust-Portraits zurückgegriffen werden. Andy Engel ist den 70 gesunden Frauen sehr dankbar dafür, dass sie sich freiwillig ihren Busen fotografieren ließen, damit kranke Frauen verschiedenste Vorlagen für die Rekonstruktion haben. Um ganz individuell jede Farbe mischen zu können, hat der Vater zweier Kinder sich von einer renommierten Firma ein Brustwarzen-Farb-Set anfertigen lassen. "Man muss aber vor allem die Haut verstehen, auch die vernarbte, um eine Brust ganz natürlich wirken zu lassen. Man muss wissen, wie sie reagiert und aussehen wird, wenn die Stiche verheilt sind."

Warum engagiert sich ein berühmter Tätowierer, der mit seinen begehrten Portraits viel mehr verdienen würde, überhaupt für krebskranke Frauen? Andy Engel sagt, er habe durch Krankheitsfälle in seiner Familie "viel zu viel Zeit in Krankenhäusern verbringen müssen" und sei für die Folgen von Krebs sensibilisiert. Vor fast zehn Jahren hatte er zudem ein einschneidendes Erlebnis: "Eine Stammkundin wollte, dass ich eine Brustwarzenrekonstruktion bei ihr mache. Ich habe erst Nein gesagt, weil das nicht mein Metier war. Aber sie hat sich nicht abwimmeln lassen. Ihr zuliebe hab' ich's dann gemacht. Sie war danach unheimlich glücklich und hat ihre Geschichte publik gemacht. So ist die Sache 2008 ins Rollen gekommen."

Mittlerweile macht Andy Engel pro Jahr 50 bis 60 Frauen optisch - und damit auch seelisch - wieder heil. "Ab nächstem Jahr will ich mir zwei Tage pro Woche für die Krebspatientinnen frei halten." Er möchte mit Ärzten sprechen und verstärkt Info-Veranstaltungen für Mediziner abhalten. "Die Ärzte sollten beispielsweise wissen: Manchmal ist es besser, beim Wiederaufbau der Brust auf die Rekonstruktion des Vorhofs zu verzichten und höchstens den Nippel neu zu formen. Denn auf Narbengewebe ist das Tätowieren viel schwieriger."

Nicht alle Ärzte stehen der Rekonstruktion im Tattoo-Studio allerdings positiv gegenüber. Sandra und Monika berichten, dass Kliniken oft selbst Brustwarzen-Tattoos anfertigen wollen. "Aber die haben halt nicht die feinen Geräte, nicht die individuellen Farben und schon gar nicht die Erfahrung eines guten Tätowierers", stellt Monika fest. Sie ist ihrem Arzt dankbar dafür, dass er ihr genau dies im persönlichen Gespräch so ehrlich gesagt habe.
Monikas Krankenkasse hat die Kosten ohne Probleme übernommen. Bei Sandra war das schwieriger, sie musste kämpfen. Am Ende trug aber auch ihre Krankenversicherung die 1666 Euro (833 Euro ist der Pauschalbetrag pro Brust) für die Rekonstruktions-Tattoos. Andy Engel hat die Erfahrung gemacht, dass die Krankenkassen in 50 bis 60 Prozent der Fälle für die Kosten aufkommen. "Ich hoffe, dass der Prozentsatz noch steigt. Die Ärzte könnten dazu beitragen, indem sie uns offiziell als Partner empfehlen. Ich lade alle ein, auch die Krankenkassen, sich selbst vor Ort ein Bild zu machen."

Einerseits geht es darum, Vertrauen in die professionelle Tätowierkunst zu schaffen. Andererseits ist die Brustkrebs-Nachbehandlung aber - so brutal das klingt - angesichts von 70.000 Neuerkrankungen jährlich auch ein wirtschaftliches Thema. Manch einer möchte daran gerne verdienen. Andy Engel wäre es am liebsten, wenn Tätowierer ein anerkannter Ausbildungsberuf wäre. Scharlatane wären damit außen vor.
Aus Erfahrung an der eigenen Haut sprechen Patientinnen wie Sandra: "Heute schaue ich in den Spiegel - und bin zufrieden. Das bin wieder ich." Monika nickt. "Genau so ist es."

INFOS und Bilder: www.andy-engel.com/brustwarzenrekonstruktion


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