Kitzingen
Lauf-Leidenschaft

Täglich geht Herr Röhner auf Wanderschaft

Um glücklich zu sein, braucht der einstige Unternehmer Harald Röhner heute nur seinen Strohhut, Zecken- und Sonnenschutz. Dann zieht er los und freut sich an der Natur rund um Kitzingen.
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Wenn Harald Röhner unterwegs ist, sieht er ...
Wenn Harald Röhner unterwegs ist, sieht er ...
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Auf seinen Ledersandalen glitzern die Tautropfen - lauter kleine Diamanten in der Morgensonne. Harald Röhner läuft einfach weiter. "Nasse Füße werden auch wieder trocken", sagt er grinsend. Längst ist es für den 63-Jährigen zum täglichen Ritual geworden, trotz seiner künstlichen Hüftgelenke zwischen acht und 20 Kilometer rund um Kitzingen zu laufen - egal, ob´s kalt ist oder heiß, trüb oder sonnig. Harald Röhner läuft.

Ein Phänomen

Nicht nur deswegen ist der Mainstockheimer, der seit zwei Jahren in Kitzingen lebt, ein Phänomen. Röhners Leben - zwischen Metzgerlehre und Tiefbau-Karriere, zwischen kargen und üppigen Jahren - ergäbe Stoff für einen Roman. Er hat quasi den Himmel auf Erden erlebt, aber auch die Hölle.

Schon als Kind war der leidenschaftlicher Fußballer gerne draußen.
"Ich war ein Naturbursche. Wenn keiner mitwollte, bin ich auch mal allein losgezogen", erzählt er, während er strammen Schrittes aus der Kitzinger Innenstadt Richtung Buchbrunn läuft, den Strohhut tief ins Gesicht gezogen. Als Erwachsener, der zunächst bei Fehrer und Stahl in der Fabrik arbeitete und später beim Gleisbau anheuerte, hatte er für Ausflüge ins Grüne allerdings immer weniger Zeit. "Manchmal haben wir von früh um 6 Uhr bis abends um 8 Uhr geschafft." Auch seine beiden Töchter sah Röhner deshalb manchmal tagelang kaum.

Als die Knie massive Probleme machten, hörte Röhner mit dem Gleisbau auf und wagte 1993 mit einer Tief- und Straßenbaufirma den Schritt in die Selbstständigkeit. Er baute ein stattliches Firmendomizil und kaufte moderne Maschinen. Doch das Glück blieb ihm nicht treu. Durch Umstände, mit denen manch einer sein Leben lang hadern würde, die Röhner aber nicht öffentlich breit treten will, verlor er viel Geld.

Herrlich ruhig

Trotz allem ist in Harald Röhners sonnengebräuntem Gesicht keine Spur von Bitterkeit zu finden. Im Gegenteil. So viel wie er lacht wohl kaum jemand. "Stimmt, ich bin ein Optimist geblieben. Jammern hilft ja nicht." Spricht's und biegt in der neuen Buchbrunner Siedlung in einen Flurweg Richtung Mainstockheim ein. Herrlich ruhig ist es hier und die Morgensonne wärmt angenehm.

Oberhalb der Bahnlinie steht eine Bank, die zu einer kurzen Rast einlädt. Die Vögel überbieten sich gegenseitig mit Gezwitscher in allen Tonlagen. "Das ist wie ein Konzert", findet Röhner und lehnt sich dabei genießerisch zurück. "Ich hör' das so gern!"

Zwei neue Hüftgelenke

Nach ein paar Minuten zieht es den 63-Jährigen weiter. Behände springt er auf - kein Mensch würde erkennen, dass Röhner auf beiden Seiten neue Hüftgelenke hat. Dabei hat die zweite Hüft-Operation vor knapp vier Jahren sein Leben erst so richtig verändert. "Damals hab' ich angefangen, jeden Tag zu laufen." Die regelmäßige Bewegung, zu der der Arzt geraten hatte, habe ihm einfach gut getan. "Also hab' ich immer weiter gemacht."

In aller Früh ist's am schönsten

Heute läuft Harald Röhner täglich zwischen acht und 20 Kilometer, je nach Lust und Laune. Er hat ganz verschiedene Strecken erkundet, über Stock und Stein, durch Wald und Flur. Allesamt führen sie in verschiedenen Richtungen rund um die Große Kreisstadt Kitzingen, so dass der Rentner einfach von zu Hause aus loslaufen kann. "Meistens gehe ich gleich am Morgen, denn am Allerschönsten ist es in aller Früh, wenn die Sonne aufgeht und die Natur erwacht." Manchmal ist er aber auch nachmittags unterwegs. "Nur, wenn es Katzen regnet, lasse ich meine Tour mal ausfallen."

Während Röhner den Aussichtspunkt oberhalb von Mainstockheim ansteuert, von dem aus man einen tollen Blick hinunter ins Maintal hat, erzählt er: "Krank zu sein - das kenn' ich gar nicht. Seitdem ich jeden Tag mindestens zwei Stunden laufe, geht´s mir richtig gut." Schmerzen? Fehlanzeige. "Ich habe auch mit den künstlichen Hüften überhaupt keine Probleme."
Wenn mal tagelang richtig schlechtes Wetter herrscht und Röhner deshalb nicht so rauskann, wie er will, dann fühlt er sich überhaupt nicht wohl. "Das Laufen, das brauch' ich", stellt er fest, während er vom Höhenweg aus seinen Blick bis hinüber nach Dettelbach gleiten lässt. "Die frische Luft ist einfach herrlich, zu jeder Jahreszeit." Röhner ist auch im Winter gern zu Fuß unterwegs, "Kälte hat mir noch nie was ausgemacht".

Besonders schön aber findet er es jetzt im Frühling und auch im Herbst, erzählt er, während er einen Weg hinunter ins Tal einschlägt. "Es ist unglaublich, welche Farben die Natur hervorbringt." Tatsächlich leuchten die Blüten auf dem Boden und an den Bäumen in allen Farben. Und wie sie duften...
Ein Radler fährt vorbei und grüßt Röhner fröhlich. Wenig später winkt ihm eine Frau, die mit ihrem Hund am Main spazieren geht. Sie alle scheinen den freundlichen Herrn zu kennen. "Ja", lacht der gut Behütete, "die Mainstockheimer Runde gehört zu meinen Lieblingsstrecken".

Nettes Pläuschchen

Zurück in Kitzingen zieht es Harald Röhner meistens nicht gleich heim, sondern "auf einen Kaffee" zum Marktplatz. Auch dort kennen ihn die Menschen längst und fangen so manch nettes Pläuschchen mit ihm an.
Harald Röhner hat gelernt, dass das alte Sprichwort stimmt: Geld allein macht nicht glücklich. Diese Erfahrung hat ihn nicht verbittert, sondern offen gemacht für die Dinge im Leben, die "wirklich glücklich machen". Mit seinen Ledersandalen am Fuß und dem Strohhut auf dem Kopf, beschreibt Harald Röhner sie so: "Es gibt nichts Schöneres und Befreienderes, als in der Natur spazieren zu gehen und in aller Ruhe den Vögeln zuzuhören. Wenn ich das gemacht hab', bin ich abends ein ganz anderer Mensch."

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