HELLMITZHEIM

Stück für Stück ein Kunstwerk

Aus winzigen Teilen entsteht ein großes Ganzes: Die Patchworkgruppe Iphofen ist dem Zauber des Nähens verfallen.
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Gudrun Pfeiffer bügelt das Flies auf. Foto: Foto: Daniela Röllinger
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Das Rattern der Nähmaschine durchbricht für wenige Augenblicke die Stille. Ab und an ein Satz, eine Antwort, dann ist es wieder still. Beim Patchworken muss jedes winzige Stückchen Stoff passend zugeschnitten sein, jeder Stich an der richtigen Stelle sitzen. Konzentration ist da oberstes Gebot.

Etwa 15 Frauen treffen sich einmal im Monat im Bürgerhaus in Hellmitzheim, um an ihren kunstvollen und aufwändigen Handarbeiten zu werkeln – und das seit fast 20 Jahren. Initiatorin der Patchworkgruppe Iphofen war Sigrid Weigand, sie hat das Hobby 1996 bei einem Kurs der Kitzinger Volkshochschule für sich entdeckt. „Und dann war ich infiziert“, erzählt sie und lacht. Ihr allererstes Werk war ein Stuhlkissen, das zweite ein Eierwärmer.

Mit den Jahren sind unzählige und vor allem sehr viel schwierigere Stücke dazugekommen. Und sie hat Freundinnen und Bekannte mit dem Patchwork-Virus angesteckt.

Sigrid Weigand hat schon immer gerne genäht. Wie die anderen Frauen in der Runde hat sie es in der Schule gelernt. Als ihre Kinder klein waren, hat sie Kleidung für sie genäht. Und dann längere Zeit nichts mehr. „Da wurde erst mal nur noch geflickt und gestrickt“, bestätigt Alma Wolf. Ihr ging es nicht anders. Bis die Leidenschaft für die Patchwork-Arbeiten erwachte.

Es wird gequiltet

Renate Müller sitzt über einer großen Decke, die aus unzähligen kleinen Stoffstücken besteht. Zwölf große Quadrate hat sie daraus zusammengesetzt, diese dann zu einem großen Viereck vereint, Zwischenstreifen und Ränder angebracht, einen Rücken gefertigt. Zwischen Vorderseite – aus vielen einzelnen Teilen – und der Rückseite – aus einem Stück Stoff – wird ein Flies gelegt. „Damit es schön volumig wird“, erklärt Sigrid Weigand. Die Schichten werden gequiltet, wie es in der Fachsprache heißt, also zusammengeheftet, damit das Ganze später nicht verrutscht. Jede einzelne Naht, ob per Hand oder mit der Maschine gequiltet, ist Gestaltungselement, als Strich, als Welle, als Stern oder irgendeine andere Form.

Die anderen Frauen arbeiten an diesem Abend an einem Schlampermäppchen. Anfang jedes Jahres legen sie gemeinsam fest, welche Werke entstehen werden. Und die werden dann alle zwei Jahre beim Weihnachtsmarkt in Iphofen ausgestellt und zum Teil verkauft.

Decken, Kissen, Taschen, Topflappen, Geldbeutel und vieles, vieles mehr sind mit den Jahren entstanden. So manches wurde verschenkt. Aber längst nicht alles. Weil die Arbeiten sehr aufwändig sind. „Das bekommen nur Leute, die es zu schätzen wissen“, sind sich die Frauen einig. An ihrer „kleinen Stadt“ hat Sigrid Weigand zum Beispiel über mehrere Jahre gearbeitet, immer mal wieder durch andere Werke unterbrochen.

Zusammengesetzt aus vielen kleinen Stücken unterschiedlichster Stoffe, Motive und Farben reiht sich Haus an Haus. Hier spitzt eine Katze aus dem Fenster, dort steht ein Bär in der Tür, hier ein winziger Käfer, dort ein Schmetterling: Wer die Decke betrachtet, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es ist ein Werk, das Sigrid Weigand niemals verschenken wird. „Ein Teil für die Ewigkeit.“ Und das wird auch dokumentiert. Der Titel der Decke ist wie beim Patchworken üblich auf der Rückseite vermerkt, und auch wann sie gemacht wurde.

Den Stoff kaufen die Frauen bei gemeinsamen Messebesuchen und in Geschäften, sie verwerten aber auch Vorhandenes wieder. Alte Bettwäsche, Flanellstoff, alte Schürzen, Jeans – vieles hat schon eine kreative Wiederverwertung erfahren. Aus Jeans zum Beispiel lassen sich prima Rucksäcke, Gartenstuhlauflagen und Kissen, ja sogar Quilts machen. Alle Stoffe werden zuhause gesammelt. „Ich hab' eine riesige Truhe voll“, verrät Sigrid Weigand. Die anderen quittieren die Aussage mit herzlichem Lachen. Bei ihnen ist es nicht anders.

Es sind nicht nur die Muster, die die Frauen begeistern, sondern auch die Beschaffenheit der Stoffe. „Es macht Spaß, neuen Stoff zu kaufen“, sagt Gudrun Pfeiffer und streicht mit der Hand über das Stück, das sie gerade verarbeitet. Nicht jeder Stoff lässt sich gleich gut handhaben. „Seide ist rutschig“, erzählen die Frauen, „Jersey dehnt sich.“

Da ist es nochmal wichtiger, exakt zu arbeiten. Und auch das Garn spielt eine wichtige Rolle für das Aussehen der Werke. Gudrun Pfeiffer öffnet das Etui, in dem die Fäden in schlichten, schillernden, knalligen, pastelligen Farben nebeneinander liegen. Selbstverständlich ist auch dieses Etui selbst gemacht. „Die Tasche war schwer zu nähen“, sind sich die Näherinnen rückblickend einig. Kein Wunder, das sie zu den Lieblingsstücken zählt.

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