FUSSBALL: INTERVIEW

„Wir sind in Bayern auf gutem Weg“

Von einer Krise im Nachwuchsfußball will Verbandsjuniorenleiter Wilhelm nichts wissen. Kinder seien genügend da, aber etwas Entscheidendes fehle.
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Karl-Heinz Wilhelm ist seit 2006 der oberste Juniorenleiter beim Bayerischen Fußballverband. Foto: Foto (Ausschnitt): Stöckinger

Als der Höchberger Karl-Heinz Wilhelm (61) vor zehn Jahren sein Amt als Verbandsjuniorenleiter antrat, gab es in Bayern noch mehr als 19 500 Jugendmannschaften. Heute sind es 2000 Teams weniger. Ein Gespräch über die Krise im ländlichen Raum, zukunftsträchtige Spielformen mit Disco-Atmosphäre und das scheinbar schlichte Rezept erfolgreicher Vereine.

Frage: In Bayern gibt es immer weniger Fußball-Nachwuchsmannschaften. Woran liegt das nach Ihrer Beobachtung?

Karl-Heinz-Wilhelm: Zum einen an der demografischen Entwicklung, die auch in Bayern angekommen ist: Es gibt einfach weniger Kinder. Zum anderen verlieren wir gerade an der Schnittstelle zwischen C- und B-Jugend viele Spieler, weil da andere Interessen dazukommen, vielleicht die erste Freundin, andere Sportarten. Man muss aber auch sehen: Es gibt zwar weniger Mannschaften in den Vereinen, aber innerhalb der einzelnen Jahrgänge haben wir sogar mehr Kinder, die Fußball spielen.

So? Dieses Phänomen müssen Sie uns genauer erklären.

Wilhelm: Das Problem in vielen kleinen Vereinen, besonders im ländlichen Raum, sind die Trainer, die sich das ganze Jahr jede Woche zur Verfügung stellen müssten – und das aus beruflichen Gründen in dieser Art nicht können. Das ist unser Problem. Kinder haben wir genügend, aber mancherorts fehlen eben die Betreuer.

Im „Münchner Merkur“ war vor zwei Jahren mit Blick auf den Nachwuchsmangel die bange Frage zu lesen: Stirbt unser Fußball? Was antworten Sie darauf?

Wilhelm: Auf keinen Fall. Der Verband hat ja die Flexibilisierung eingeführt: mit verschiedenen Mannschaftsformen, Spiel- und Junioren-Fördergemeinschaften. Das greift gerade enorm. Durch die Öffnung der Spielgemeinschaften auch für das Kleinfeld gewinnen wir mehr Spieler.

Sind Spielgemeinschaften denn das Allheilmittel? Breitensportlich sind sie doch eher ein Verlustgeschäft.

Wilhelm: Spielgemeinschaften erhalten die Eigenständigkeit der Vereine. Wenn ein Verein mit einem benachbarten Verein eine SG bildet, müssen die Spieler nicht wechseln. Sie bleiben ihren Heimatvereinen erhalten. Und diese Möglichkeit gibt es in Bayern bis zur Bezirksoberliga.

Glauben Sie, dass der Fußballverband und seine Vereine noch in die Lebenswirklichkeit der Jugend vordringen?

Wilhelm: (überlegt lange) Ja, würde ich schon sagen. Wir saßen mit der Jugend an Runden Tischen, dort wurde unser Spielsystem positiv bewertet. Die Jugendlichen haben Wünsche vorgetragen, die wir zum Teil auch schon umgesetzt haben. Bei denen, die Fußball spielen möchten, sind wir anerkannt. Aber wer keine Lust oder keine Affinität zum Fußballspielen hat, den können wir natürlich auch nicht erreichen.

Was waren denn im Wesentlichen die Wünsche der Jugendlichen?

Wilhelm: Ein großes Anliegen der A-, B- und C-Jugendlichen war, dass qualifizierte und lizenzierte Trainer eingesetzt werden, weil man von ihnen am meisten profitieren und lernen kann. Daraufhin haben wir mit der externen Trainerlizenz reagiert. Wir halten draußen in den Kreisen Trainerschulungen, die Anwärter müssen dafür nicht mehr eigens nach München fahren. Das wollen wir noch weiter entwickeln.

Das heißt, die berühmten Väter, die eine Mannschaft trainieren, weil der Sohn zufällig mitspielt, die aber über keine sportliche oder pädagogische Qualifikation verfügen, soll es künftig nicht mehr geben?

Wilhelm: Wir haben gerade zwischen der G- und der D-Jugend viele Eltern als Trainer, und man muss ja froh sein, dass sie sich zur Verfügung stellen. Aber ob das immer das richtige Fundament bei den Jugendlichen legt, wage ich zu bezweifeln.

Viele Eltern zahlen für eine Mitgliedschaft ihrer Kinder im Fitnessstudio, erwarten aber beim Fußball für zehn Euro im Monat ein Full-Service-Angebot. Muss der Verband den Vereinen zur Not finanziell helfen?

Wilhelm: Nein, das kann der Verband überhaupt nicht leisten. Wir haben 4500 Vereine in Bayern. Würden wir jeden Verein finanziell unterstützen, ginge das weit in die Millionen. Da müssen die Vereine schon selbst hergehen und die Beiträge für Kinder und Jugendliche maßvoll erhöhen, um die Leistung für einen bezahlten Trainer anbieten zu können. Fußball ist hierzulande halt Breitensport. Da wird erwartet, dass für wenig Geld jeder integriert wird.

Wenn Sie mit Vertretern von Vereinen sprechen, die erfolgreich Jugendarbeit betreiben, was ist deren Geheimnis?

Wilhelm: Rundumbetreuung das ganze Jahr über. Die gehen auf Abschlussfahrt mit ihren Jugendlichen, machen Turniere im Sommer und Hallenturniere im Winter. Die beschäftigen sich mit den Kindern auch außerhalb des Fußballplatzes, sind immer für die Kinder da, und das ist das Erfolgsrezept der kleinen Vereine.

Ist das, was den Jugendlichen derzeit an Spektakel geboten wird, genug, oder muss sich der organisierte Fußball nicht stärker reformieren? Lässige Spielstätten ohne Bindungszwang, ein DJ, der am Sportplatz Musik auflegt: Ist das womöglich die Zukunft?

Wilhelm: Das wäre dann Eventfußball. Den kann ich mir im Leistungsbereich nicht vorstellen, vielleicht kann man das auf unterster Stufe, also auf Gruppenebene, als Pilotprojekt versuchen. Wenn dadurch mehr Jugendliche kommen, warum nicht? Dafür müssten sich allerdings erst einmal Vereine finden, die das umsetzen.

Was glauben Sie: Wo steht der Jugendfußball in Bayern in zehn Jahren?

Wilhelm: Wir sind in Bayern auf gutem Weg. Was in anderen Landesverbänden demnächst eingeführt wird, setzen wir schon längst um. Und was die Zahl der Spieler angeht, werden wir die Talsohle in ein bis zwei Jahren durchschritten haben. Den Grundstock haben wir gelegt.

Ihnen ist also nicht bange vor der Zukunft?

Wilhelm: Nein, noch weniger Spieler wird es nicht geben.

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