DIE WOCHE

Was tun gegen die Verlogenheit im Sport?

Der Sport ist nicht besser als die Gesellschaft selbst. Wie diese Zeitung versucht, ein Signal zu setzen in Zeiten von Selbstbetrug, Manipulation und Ich-Bezogenheit.
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Foto: Thomas Obermeier

Die Main-Post hat in einer großen Gala die Sieger ihres Fair-ist-mehr-Wettbewerbs ausgezeichnet. Jahr für Jahr – und das seit 1991 – geht es bei diesem Preis nicht um sportliche Höchstleistungen, sondern um Ethik und Moral, um Werte also, die eine Selbstverständlichkeit sein sollten für unsere zivile Gesellschaft, die es aber leider, wie wir alle wissen, nicht sind.

Industriekonzerne wie VW erheben den unlauteren Wettbewerb zum Geschäftsprinzip, sie betrügen den Staat und ihre Kunden, und sie entlohnen die, die diesen ganzen Murks zu verantworten haben, noch mit großzügigen Boni und Pensionszahlungen. Moralisch werden diese Leute immer nur dann, wenn es um die Verfehlungen der anderen geht.

Der Sport galt in diesem System als letzte Bastion, seine Helden als Verfechter von Redlichkeit und Aufrichtigkeit, aber das ist nun auch schon eine ganze Zeit lang her. Dass es im großen Sport heute ehrlicher, sauberer, fairer zugeht als anderswo, ist eine Illusion. Wer das Gegenteil behauptet, belügt und betrügt sich selbst. Das ist die eigentliche Tragik und hart für jene, für die der Sport ein unverrückbares Zentrum ihrer Identität und ihres Lebenssinns ist.

Der Sport ist nicht besser als die Gesellschaft selbst, Athleten sind keine besseren Menschen als Ärzte, Politiker, Manager oder Journalisten, wie sollte es auch anders sein? Sie kommen aus der Mitte der Gesellschaft.

Der Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), der Tauberbischofsheimer Thomas Bach, stand einst Pate für die Fair-ist-mehr-Kampagne dieser Zeitung, mit dem Wissen von heute eine fragwürdige Besetzung. Auch Bach ist ja bloß noch Teil eines Systems, das durch Profitsucht, Doping, und Korruption dermaßen verrottet ist, dass es leichter ist, den Stall des Augias auszumisten, als etwas Licht in diese Finsternis zu bringen.

Der IOC-Chef spricht von „Null-Toleranz gegen Doping“, will „alles tun, um die sauberen Athleten auf der ganzen Welt zu schützen“, er hat der Korruption im eigenen Haus den Kampf angesagt. Aber der olympische Geist hat längst sein Hörgerät abgeschaltet – weil er diese Märchen aus 1001 Nacht leider schon allzu oft gehört hat und längst weiß, dass die Realität anders ausschaut.

Vielleicht auch, weil er dieses ganzen Zynismus inzwischen so überdrüssig ist, dass er sich Schauplätzen widmet, die er für ethisch würdiger hält – zum Beispiel dem Dschungelcamp (schon gut, das war jetzt auch ein bisschen zynisch von uns).

Der Fair-ist-mehr-Preis, der dieses Jahr an einen jungen Fußballer der FG Marktbreit/Martinsheim und an eine Gruppe Volkacher Handball- Mädchen ging, kann angesichts des offenen Verrats an allen Werten und Prinzipien zeitgenössischen Spitzensports bloß eine kleine, symbolische Geste sein. Ein Strohhalm im tiefen Morast von Selbstbetrug und Manipulation; ein wiederkehrendes Fanal, dass doch noch nicht alles verloren ist und noch nicht jeder kapituliert hat im Kampf gegen den unlauteren Wettbewerb; ein Signal, dass es sich auch in heutiger Zeit durchaus lohnen kann, nicht nur über Bälle und Hürden zu springen, sondern auch mal über den eigenen Schatten, und sich dabei bewusst zu machen, dass es gerade im Sport noch eine Meta-Ebene gibt jenseits aller sportlichen Rekorde.

Darf man Fairness im modernen Sport erwarten? Kann man verlangen, dass sich ein Sportler im Angesichts des nahen Sieges selbst kasteit? O ja – man kann.

Mit jeder Selbstanzeige erhöht sich der Grad der Achtung, Toleranz und des Respekts – und die Wahrscheinlichkeit der Nachahmung. Denn ehrlich zu sein ist kein reiner Selbstzweck, um das eigene Gewissen zu beruhigen. Wer ehrlich zu sich und anderen ist, wer die Werte des Sports nicht um seiner selbst willen opfert, tut auch dem großen Ganzen einen Gefallen.

Er beweist damit, dass er das Prinzip von heutiger Moral verstanden hat: dass es im Sport wie im Leben nicht nur darauf ankommt, Ziele zu erreichen, sondern auch darauf, wie man sie erreicht.

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