FUSSBALL: KREISKLASSE 2 WÜRZBURG

Warum der Himmel in Gülchsheim blauer ist

In Gülchsheim findet Trainer Michael Weber ein selten gewordenes Biotop – einen Klub, der noch ganze Hundertschaften bewegt.
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Ein Mann mit Prinzipien: Michael Weber fordert und fördert gleichermaßen. Foto: Foto: Andreas Stöckinger

Wenn es um Skurriles und Kurioses geht, sind die Fußballer der SpVgg Gülchsheim stets für eine Überraschung gut. Vergangene Runde hat die Mannschaft in einem einzigen Spiel drei Elfmeter verschossen und in der Nachspielzeit durch einen Strafstoß des Gegners das 2:2 kassiert. Letzte Woche wurden 100 Zuschauer Zeugen einer irren Aufholjagd, die in einem finalen Spektakel gipfelte: Binnen sieben Minuten machte Gülchsheim beim Tabellenführer in Sonderhofen aus einem 0:3 ein 3:3 – „und wenn der Schiedsrichter Mumm hat, dann pfeift er für uns noch einen Elfmeter“, meint Spielertrainer Michael Weber.

Der jüngste Auftritt im Kreisklasse-Spitzenspiel war auch deshalb so bemerkenswert, weil er die zwei Seiten dieser Mannschaft zeigte. Erst leistete sie sich einige Ungeschicklichkeiten, dann tat sie alles, um ihre Fehler auszubügeln. Qualität und Charakter bescheinigt Weber seinen Schützlingen, „Wenn sie jetzt noch die leichten Patzer rauskriegen“, so der Trainer, „sind sie reif für den Aufstieg.“ Weber aber mag nichts überstürzen. Fehler seien ausdrücklich erlaubt, der Aufstieg sei kein Muss. Zumal die Kreisklasse mit all ihren Derbys ein Abenteuerland ist und die Kreisliga nicht unbedingt ein Sehnsuchtsort.

Das sehe auch der Verein so. Wichtiger ist den Machern in Gülchsheim: Die Jugend soll ihre Chance bekommen – und zu diesem Prozess gehört, dass auch mal etwas schief geht und das eine oder andere Spiel verloren.

Weber, 44 Jahre alt, ein kritischer Geist mit gewissen Ansprüchen, hat im Ochsenfurter Gau ein Biotop entdeckt, das selten geworden ist in dieser seltsamen Fußballwelt. Fragt man ihn, mit welchen Hoffnungen er vor gut vier Monaten in Gülchsheim angekommen sei, sagt er: „Mit der Hoffnung, dass ich mal eine Mannschaft habe, die Willen zeigt, und einen Verein, der Ziele verfolgt.“ Weber ist ein Trainer mit Prinzipien, einer, der gerne fördert, aber genauso viel fordert. Hat er das Gefühl, dass er immer nur gibt und nie etwas zurückbekommt, ist er der falsche Mann.

Dieses Gefühl hatte er an seiner vorherigen Station. Vom FC Fahr schied er vor einem Jahr im Streit über die Führung der Mannschaft, der Kontakt nach Gülchsheim ergab sich über ein Internetportal. So verschlug es ihn ins Mittelfränkische, 40 Kilometer einfache Fahrt von seinem Wohnort Unterpleichfeld. Dass er diesen Weg auf sich nimmt, zeigt, wie wichtig ihm das Projekt ist.

Die SpVgg Gülchsheim bot ihm den Rahmen, der in sein sportliches Weltbild passte, und wer sich ein bisschen umhört im Ochsenfurter Gau, gewinnt den Eindruck, dass der Fußball-Himmel dort tatsächlich noch etwas blauer ist als im großen Rest des Spielkreises Würzburg. Partien der Kreisklasse bewegen hier noch Hundertschaften von Zuschauern – 450 bei der Partie zwischen Sonderhofen und Gelchsheim, 500 letzte Saison bei der Begegnung Gülchsheims mit Sonderhofen. „Hier wird noch Fußball gelebt“, sagt Weber. An anderer Stelle ist er gerade am Sterben.

Schwer zu sagen, warum das so ist; vielleicht weil auf dem Land die Vereine doch noch tiefer verwurzelt sind und die Bindungskräfte etwas stärker wirken. Weber gefällt, wie sich die Jugendlichen engagieren – so sehr, dass er ihnen die gleichen Chancen zugesteht wie seinen etablierten Kräften. „Bei mir zählt nicht das Alter“, sagt er in Rehhagel'scher Diktion, „sondern das, was einer kann.“ Dass er mit seinen bald 45 Jahren noch regelmäßig selbst auf dem Feld steht, begründet er mit gewissen Zwängen. Er wolle ja keinem der Jungen den Platz streitig machen, „aber noch funktioniert das Mannschaftsgefüge nicht so, wie ich mir es vorstelle“. Sein Einsatz sei also weiter nötig.

Gerne hätte er Gülchsheim in der Kreisliga übernommen. Lange hatte es vergangene Saison so ausgesehen, als könne das auch klappen. Aber im Endspurt fehlte dem Team – trotz der 27 Saisontreffer von Ralf Dehm – die Konstanz. Von Enttäuschung spürte Weber nach eigenen Angaben nichts, als er zwei Monate später die Mannschaft übernahm. Sie machte sich im Sommer unbeschwert ans Werk und ist nun, im Herbst, schon wieder Tabellenzweiter. Das will Weber bis zur Winterpause gerne bleiben. „Es geht darum, den Kontakt zu Sonderhofen zu halten“, sagt er. Im nächsten Sommer wird die SpVgg Gülchsheim ein halbes Jahrhundert alt. Das passende Präsent kann sich der Klub selbst machen.

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