DIE WOCHE

Von echten und schrägen Vögeln

Auf manches ist Verlass in diesen Tagen: auf die fröhliche Schar von Kritikern ebenso wie auf den guten alten Brief, der in diesem Fall eine Art Beruhigungspille ist.
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Die Woche

Neulich erreichte uns eine E-Mail der netten Kollegen aus Würzburg. Vogel in der Sportredaktion, stand in der Betreffzeile. Toll, dachte ich. Schon wieder so ein komischer Vogel, der sich über Dies oder Jenes beschweren will. Noch so ein schräger Vogel, der uns mal wieder vorhält, wir hätten eh keine Ahnung und seien so „überflüssig wie ein Dreirad für einen Eisbären“, wie einst einer meinte.

Dem Kollegen S. empfahl einmal ein älterer Herr, sich besser der Aufklärung von Hühnerdiebstählen zu widmen, davon verstehe er offenkundig mehr als vom Fußball. Der Kollege wäre heute vermutlich arbeitslos, hätte er auf den zweifellos gut gemeinten Rat gehört. Denn noch immer werden in dieser Region deutlich mehr Fußballspiele im Jahr ausgetragen, als Hühner gestohlen.

Das ändert nichts an der Tatsache, dass auch der Sportjournalist gerne in die Flugbahn seiner Kritiker gerät, nicht so sehr wie der politische Korrespondent, der in den Mühlen zwischen Trump und AfD zerrieben zu werden droht. Die Zeiten sind härter geworden. Die Reaktionen zeigten, so schrieb mir einer, wie „aufgeregt unsere Gesellschaft inzwischen ist“.

Wobei aus der Mitte der Gesellschaft heraus immer noch abwägend und differenziert diskutiert wird. Das ist dann immerhin ein tröstlicher Gedanke.

Sogar den guten, alten Brief gibt es noch (oder sollte man sagen: wieder?). In Briefen schrieb Paulus einst an die Korinther und Goethe seinen zahlreichen Liebschaften. Es war ein Standardbrief, in dem der Schriftsteller Erich Maria Remarque der von ihm bezirzten Marlene Diet- rich mitteilte, „dass man leider nicht durchs Telefon miteinander vögeln könne“. Obszön, aber schön.

Einen Brief nutzte auch Hans Schardt, um den „lieben Mitgliedern der Bayern-Familie“ eine Botschaft zu schicken. „Vielleicht haben Sie auch die unsägliche Berichterstattung der Main Post (. . .) gelesen“, schreibt der Vorsitzende des 1911 gegründeten Kitzinger Fußball-Klubs mit Bezug auf eine angebliche Serie kritischer Artikel über den Verein. Es ist eine Art Beruhigungspille für die Mitglieder. „Lassen Sie sich nicht verunsichern. In schwierigen Zeiten gilt es zusammenzuhalten.“

Der Brief lässt offen, ob es diese „schwierigen Zeiten“ im Verein schon vorher gab oder ob sie eine mittelbare Folge „dieser Art der Presseberichterstattung“ sind. Noch ist nicht raus, wer im Vorstandsteam der Bayern künftig mitarbeiten wird, noch steht nicht fest, ob es bei den Fußballern weiter für die Landesliga reichen wird. Höhenflüge des Klubs sind selten geworden, aber das muss nicht so bleiben.

Das mit dem „Vogel in der Sportredaktion“ hat sich übrigens geklärt. Eine Meise hatte sich verirrt. Na klar, wird mancher einwerfen, sie wollte dem Spatzen in unserm Hirn Gesellschaft leisten.

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