DIE WOCHE

Vom Wetter und anderem Irrsinn

Warum fühlt sich einer unser Reporter vom Regengott verfolgt? Und was hat ein brasilianischer Fußballer mit einem Kunstwerk Dalís zu tun?
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Was haben der Fußball und das Wetter gemeinsam? Vielleicht sollte man die Frage besser unserem Reporter Jürgen Sterzbach stellen. Ungeheuerliches ist ihm voriges Wochenende widerfahren. Man kann den Kollegen gewiss nicht als Schönwettermenschen bezeichnen. Regen und Stürmen trotzt er regelmäßig bei seinen Außeneinsätzen. Aber so etwas?

Als er Freitagabend am Handy seinen Bericht des Kreisliga-Spiels in Dettelbach durchgibt und was von „heftigem Regen“ in der ersten Halbzeit erzählt, passt das so gar nicht zu unseren eigenen Wetterbeobachtungen. Ein Blick aus dem Fenster der Redaktion in Kitzingen zeigt: ein paar Wolken, nicht der Rede wert, alles trocken. Doch Sterzbach versichert auf Nachfrage noch einmal glaubhaft, er sei „pitschnass“ geworden.

Sonntag ist der Kollege in Biebelried unterwegs. Über Kitzingen strahlt die Sonne von einem blauen Himmel. Und Sterzbach? Nimmt es wacker mit „dieser einzigen Wolke“ auf, die seinen Worten zufolge über dem Sportgelände hängt. Aus ihr ergießt sich gerade so viel Regen, dass unser Reporter schon wieder durchnässt nach Hause kommt. Ein Fluch? Gemach! Immerhin am Samstag ist er trocken geblieben.

Dafür erlebt er in Abtswind, wie unberechenbar der Fußball sein kann. Der Favorit Abtswind ist gegen den Aufsteiger Heimbuchenthal lange Zeit von der Sonne beschienen – aber nach 94 Minuten macht das Ergebnis nur den Außenseiter glücklich: 2:2 durch ein Tor in allerletzter Minute.

Als der Kollege Ewald Grohmann Sonntagabend in die Redaktion schneit, ist auch der jüngste Auftritt der Abtswinder ein Thema. Und ihr Ziel, in die Bayernliga aufzusteigen. „Ob sie es diesmal schaffen?“ Doch eigentlich hat Grohmann ein anderes Anliegen. „Schreib doch mal was über die Bundesliga!“, platzt es aus ihm heraus. Die Bundesliga? „Das ist die schwächste Liga in ganz Europa!“

Grohmann, dienstältester freier Mitarbeiter der Sportredaktion, hat die europäische Woche im Blick: das 1:3 der Dortmunder in der Champions League, die Auftritte der Kölner (1:3) und Hoffenheimer (1:2) in der Euro- League. Unterm Strich eine schwarze Woche für Fußball-Deutschland, aufgehellt nur durch das 3:0 des FC Bayern gegen Anderlecht. Da passte zwar auch wenig, aber zumindest das Ergebnis. Immer wieder habe ich mit Grohmann über die perversen Auswüchse im Amateur- und im Weltfußball diskutiert.

Die Summen, die beim internationalen Wettrüsten gehandelt werden, überfordern auch den deutschen Branchenführer, der hierzulande mit über 600 Millionen Euro Jahresumsatz weit entrückt ist: 222 Millionen Euro für Neymar, vom FC Barcelona in die Runde geworfen, von den katarischen Geldscheißern Paris Saint Germains anstandslos bezahlt. Der Fußballer Neymar, gehandelt wie ein (surrealistisches) Kunstwerk von Dalí.

Immer mehr entfernt sich dieser Sport von der Normalität und vom schier gebannten Gemeinvolk, immer weiter entzieht er sich den Gesetzen der Logik und Schwerkraft, verkommt zum Sittengemälde, in dem die Zeit ihre Macht verliert, in dem die Dimensionen unendlich und die Dinge dem Alltag enthoben sind. Wie bei Dalí scheint nichts unmöglich.

Es geht um Summen, die jenseits aller Fantasie und Vorstellungskraft liegen. Und immer gibt es welche, die bereitwillig zugreifen. Klubs, die Spielball und Statussymbol sind von potenten Investoren, deren Augen glänzen wie die Scheiben brennender Irrenhäuser. Junge Fußballer, die zu Spekulationsobjekten werden, benutzt und instrumentalisiert von autokratischen Regimes, die in erster Linie politische Preise bezahlen.

Die Katarer zum Beispiel, um gut Wetter zu machen für die im Jahr 2022 dort geplante Fußball-Weltmeisterschaft. Einem Wüstenstaat, in dem es keine Sklaven gibt, wie man seit einem Besuch Beckenbauers weiß. Man weiß aber auch: Wetterlagen können sich rasch ändern.

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