LEICHTATHLETIK

Patrick Karls EM-Traum ist geplatzt

Der junge Ochsenfurter stand vor dem bisher größten Rennen seiner Laufbahn. Doch quasi im letzten Moment muss er für Berlin absagen. Was ist da passiert?
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So locker Patrick Karl Anfang Juli die Hürden bei der deutschen Juniorenmeisterschaft nahm, so schwer tut er sich vier Wochen später schon mit kleineren Hindernissen. Den EM-Start musste er absagen. Foto: Foto: Theo Kiefner

Wie oft ist Patrick Karl schon über diese Hürde gesprungen und – plitsch, platsch! – mitten hinein ins kühle Nass. Kühl? „Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, ob das Wasser kalt oder warm ist“, sagt Patrick Karl. In diesem Moment blendet er alles aus, ist er wie in Trance und derart in seinem Element, dass er alles um sich herum vergisst. Zum Mythos des 3000-Meter-Hindernislaufs gehört seit jeher der Wassergraben. Für die Zuschauer ist das jedes Mal ein Spektakel, wenn die Gischt spritzt, aber den tieferen Sinn hinter diesem Ritual kann auch Karl nicht so recht erklären. „Das müsste man mal recherchieren.“

Patrick Karl hat derzeit andere Sorgen. Am kommenden Dienstag sollte der 22-Jährige bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Berlin im Drei-Kilometer-Hindernislauf starten. Es wäre – nach allem, was er bislang erlebt hat – das Rennen seines Lebens gewesen. Nun ist der Traum geplatzt. „Sehr traurig“ sei er, sagt Karl.

Patrick Karl ist ein Leichtathlet wie aus dem Bilderbuch, schlanker Körper, gestählte Oberschenkel, aber auch mit der Leidenschaft ausgestattet, sich zu quälen. Vieles im Leben hat er seinem Sport untergeordnet: seinen Alltag, seinen Beruf bei der Polizei. Wenn man über ihn sagt, er sei laufend unterwegs, dann gilt das im doppelten Sinn.

Angerissene Achillessehne

Auf vielen Wettkämpfen trifft man ihn während des Jahres, bevorzugt läuft er den anderen davon. Er muss zehn gewesen sein, als er seinen ersten Bahnwettkampf absolvierte – am Sanderrasen in Würzburg, ein 1000-Meter-Rennen. Seitdem hat ihn die Lust gepackt. Mit der Zeit steigerte er die Distanzen: zwei Kilometer, drei, dann fünf oder zehn. Hängen geblieben ist er bei den 3000 Metern, einem Kompromiss zwischen Mittel- und Langstrecke. Sein Onkel, Hubert Karl, war 1989 deutscher Meister im Drei-Kilometer-Hindernislauf. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Seit zwei, drei Wochen kämpft Patrick Karl mit einem wiederkehrenden Phänomen. Es zwickt in der Wade, nichts Ungewöhnliches für ihn. „Das tritt jedes Jahr mal auf.“ Karl weiß dann, dass sich seine Achillessehne meldet und er sich in der Regel keine Sorgen machen muss. Denn bislang ist das Ziehen nach einigen Tagen immer wieder verschwunden. Diesmal ist es anders. Es ist durch die Anstrengungen der letzten Zeit eher schlimmer geworden. Mit jedem Schritt, den ein Mensch macht, fängt die Achillessehne ein Mehrfaches seines Körpergewichts auf. Die Achillessehne ist damit eine der am stärksten belasteten Regionen des Körpers. „Was für den Werfer die Schulter, ist für den Läufer die Achillessehne“, sagt Karl.

Schon nach seinem Auftritt bei der deutschen Meisterschaft vor knapp zwei Wochen in Nürnberg konnte er zwei Tage lang nicht richtig gehen. „Im Alltag habe ich kein Problem, aber beim Laufen.“ Bis zuletzt hatte in ihm ein Fünkchen Hoffnung geglommen, nach einer letzten Untersuchung in der Berliner Charité ist es nun erloschen. „Die Achillessehne ist angerissen“, spricht Karl eine Viertelstunde nach der Diagnose ins Telefon. „Ein Start würde keinen Sinn ergeben, weil das Risiko besteht, dass es weiter einreißt.“ Die Ärzte sagten ihm, dass eine Operation nicht erforderlich sei. Aber die Saison ist für ihn gelaufen. Er muss sich jetzt erst einmal schonen.

In Nürnberg hatte sich Karl als deutscher Vizemeister hinter Martin Grau für die Europameisterschaft qualifiziert. Es ist nicht irgendeine Europameisterschaft, es ist die „Heim-EM“, wie er sagt, auch wenn sie 600 Kilometer von seinem Heimatort Ochsenfurt und 800 Kilometer von seinem Arbeitsplatz in Dachau entfernt stattfindet. „Ich weiß nicht, ob ich so etwas noch mal erlebe.“ Karl war deutscher Meister und Vizeeuropameister, er war Zehnter bei der WM in Donezk, alles in U-Leistungsklassen, also bei der Jugend. Nun startet er im anspruchsvolleren E-Segment, bei den Erwachsenen.

Karl ist angekommen bei den Größten seiner Disziplin. Anfang Juli ist er bei einem Abendsportfest in Pfungstadt 8:31,81 Minuten gelaufen, so schnell wie noch nie über 3000 Meter Hindernis. Er hätte nur zugreifen müssen, um in Berlin dabei zu sein. Aber was heißt schon nur? Die Bandbreite zwischen dem größten Traum und der größten Enttäuschung ist riesig, gehalten wird sie von einem dünnen Strang: der Achillessehne. Schon der nach ihr benannte Held in der griechischen Mythologie musste erfahren, wie verletzlich der Mensch an dieser Stelle sein kann. Am kommenden Dienstag (7. August) steht im Olympiastadion der Vorlauf über die 3000 Meter Hindernis an, zwei Tage später der Endlauf. Für Patrick Karl fühlt es sich gerade an, „als würde mir jemand etwas wegnehmen“.

An Zielen mangelt es nicht

So sieht das einer, der immer viel gegeben hat für seinen Sport und in der Regel viel zurückbekommen hat. Fünf Jahre dauert seine Ausbildung bei der bayerischen Bereitschaftspolizei in Dachau, doppelt so lange wie für normale Anwärter. Dafür stellt ihn sein Arbeitgeber über insgesamt acht Monate im Jahr vom Dienst frei, damit sich Karl seinem Sport widmen kann. Nach fast vier Jahren hat es der strebsame Unterfranke zum Polizeioberwachtmeister gebracht. Im Januar 2020 will er die Ausbildung zum Polizeimeister abschließen.

Auch danach kann er in diesem Modell bleiben – solange er als Sportler seine Leistung bringt und dem Bundeskader angehört. Im Sommer 2020 will er bei den Olympischen Spielen in Tokio über 3000 Meter Hindernis starten. Das ist der nächste große Traum, von dem er als deutscher Vizemeister nicht allzu weit weg ist, sollte er seine Spitzenleistungen in zwei Jahren bestätigen. Unter 8:30 Minuten will er im nächsten Jahr bleiben. An Zielen fehlt es dem jungen Mann nicht.

Dass er in diesem Jahr trotz aller Handicaps die EM-Norm geschafft hat, spricht für ihn und seinen großen Willen. Unwiderstehlich zog er vor zwei Wochen in Nürnberg zwei Konkurrenten im Endspurt noch davon. Ein beliebtes Ritual aus der Kindheit, als er mit seinen Eltern im Wald laufen war und ihnen auf der Zielgeraden entwischte. Er hätte gerne auch in Berlin mit einer Schlusspointe geglänzt. Doch nun muss er das Feld anderen überlassen. „Ich bin erst 22“, sagt er, und es klingt wie eine Kampfansage an sich selbst. „Es werden noch andere große Momente kommen.“

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