Ein ruhiges Spiel sei es gewesen, berichtete Fritz Brotzeller am späten Sonntagabend per Telefon. Ihm war es lieber gewesen, den Anruf in den Abend hineinzulegen, so dass er zuvor noch das Europameisterschaftsfinale in Ruhe anschauen konnte. Am Nachmittag waren es ausnahmsweise nicht die beiden A-Jugend-Mannschaften gewesen, die in der Mehrzweckhalle von Marktsteft im Mittelpunkt standen. Denn das landauf, landab bekannte Schiedsrichterduo Wolfgang Benzinger (TV Königsberg) und Fritz Brotzeller (TSV Bergrheinfeld) - diesmal nicht wegen seines gefürchtet konsequenten Durchgreifens auf dem Platz in den Schlagzeilen - leitete in Marktsteft sein 1 000. Spiel.
Entsprechend nicht enden wollten die Glückwünsche. Stephan Dinkel, stellvertretender Bezirksvorsitzender für Talentförderung, hielt eine kurze Laudatio zum bis dato einmaligen Ereignis. Er selbst kenne das dynamische Duo schon lange als Spieler und Funktionär: "Beide zeichnet vor allem aus, dass man mit ihnen vor und nach dem Spiel von Mensch zu Mensch reden kann. Als Spieler haben sie mich oft gepfiffen. Jeder macht Fehler, auch sie, aber danach konnte man wieder mit ihnen reden und sich gegenseitig anschauen." Den Gratulanten schlossen sich auch die Gastgeber, Bezirksschiedsrichterwart Wolfgang Rüger und Jürgen Thein, Handball-Abteilungsleiter von Benzingers Vereins TV Königsberg, an.
Die anbei erhaltenen Geschenke wurden rasch im Kofferraum verstaut: "In Eitra bekamen wir einmal vor dem Spiel einen großen Schinken geschenkt. Das Schloss der Schiedsrichterkabine war jedoch kaputt. Wir pfiffen dabei so ‚gut‘ gegen die Heim-Mannschaft, dass unsere Schinken zur Halbzeit wieder aus der Kabine verschwunden waren", erinnert sich Benzinger und fügt augenzwinkernd bei: "Das passiert uns heute nicht mehr, denn seitdem räumen wir Geschenke vor dem Anpfiff immer noch auf."

Chemie stimmt von Anfang an


Nachdem beide Schiedsrichter zuvor mit anderen Partnern Spiele leiteten, trafen sie 1990 bei einem Bayernliga-Halbzeit-Lehrgang in Eichstätt erstmals aufeinander. "Von Anfang an stimmte die Chemie zwischen uns, das war ein Glücksfall", blickt Brotzeller zurück. Zur folgenden Saison 1990/91 leiteten sie mit der Landesliga-Begegnung zwischen der HG Erlangen und SG Rödental ihre erste gemeinsame Partie.
Beide schmunzeln heute über ihren in der Handballszene erworbenen Ruf: "Wenn wir nicht die gleiche Einstellung zum Spiel hätten, gäbe es ein Tohuwabohu, weil jeder von uns strittige Szenen anders beurteilen würde. So gehen wir zusammen aber unbequeme Wege. Schließlich sind wir nicht gerade bekannt dafür, Heim-Schiedsrichter zu sein." Manchmal auch mit unangenehmen Folgen, denn verärgerte Zuschauer zerkratzten Brotzellers Fahrzeug nach einem Regionalliga-Spiel in Oppenweiler. "Das gehört leider dazu, damit müssen wir leben", sagt der 57-Jährige unbeeindruckt. Aber selbst in Gensungens "Hölle Nord" behielten beide einen kühlen Kopf.
Doch nicht nur vor der Halle musste sich das Schiedsrichterduo so manche Unart gefallen lassen: "Leider vermissen wir heute den Respekt gegenüber Schiedsrichtern. Man pfeift doch nie so, wie es die Leute wollen, aber deshalb muss man uns keine Beleidigungen an den Kopf werfen", regt Benzinger zum Nachdenken an. Gerade in kleineren Hallen suchen beide deshalb auch den direkten Kontakt zu den Zuschauern.
Dass die einst gefürchteten Benzinger und Brotzeller in ihrer letzten Saison auf Landesebene - danach pfeifen sie im Bezirk Unterfranken aber noch ein Weilchen weiter - mehr Applaus als Pfiffe ernten, verdutzt das Duo: "Leider stellen wir zum Ende unserer Karriere fest, dass uns die Mannschaften mittlerweile unheimlich mögen und sich auf unsere Art einstellen. Das finden wir ganz schlimm", scherzt Benzinger. "Neulich pfiffen wir in Rothenburg, wo zwei Brüder spielen, die bei uns noch kein komplettes Spiel überstanden hatten", berichtet der 56-Jährige, "diesmal aber erhielten sie nicht einmal wegen Meckerns eine Gelbe Karte."
Ihrer Berufung bleiben die Unparteiischen, die zudem für den Bayerischen Handball-Verband als Beobachter unterwegs sind, weiterhin erhalten, wenn einmal die Pfeife in die Schublade ruhen sollte: "Dass beide ihre Erfahrung im Lehrwesen weitergeben, ist für die jungen Schiedsrichter sehr wichtig", freut sich Stephan Dinkel über die beiden "Lehrmeister".
In Marktsteft siegte am Sonntag der Gastgeber und Tabellenführer bei Benzingers und Brotzellers Jubiläumsspiel klar mit 39:25 gegen das Schlusslicht aus Waldbüttelbrunn.
Das Spiel bleibt auf dem Weg der beiden Schiedsrichter ein Meilenstein: "Seit über 20 Jahren pfeifen wir gemeinsam. Das ist ebenso eine lange Freundschaft", nennt Benzinger das Erfolgsgeheimnis des Duos, "denn wenn es zwischen uns nicht so gut funktionieren würde und unsere Frauen uns dabei nicht unterstützen würden, hätten wir dieses Ziel gar nicht erst erreicht."