FUSSBALL

Im Riesenreich der Paradiesvögel

Giftgrüne Schuhe, grellbunte Unterarme, wildeste Frisuren: Was Fußballer heute sonst noch veranstalten, um aus der Masse herauszustechen.
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Der Schweinfurter Clemens Haub setzt auf modernstes Schuhwerk und auffallende Frisuren. Foto: Foto: Michael Bauer
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Bei der WM 1990 musste sich ein Carlos Valderrama nicht anstrengen: Die Fußballschuhe waren noch schwarz, die Trikots langweilig, die Arme hautfarben und die Haare brav seitlich oder mittig gescheitelt. Da fiel der Kolumbianer zwangsläufig auf mit seinem gelbblonden Rastalocken-Schopf. Ein bunter Hund halt. 2016 bei der Europameisterschaft in Frankreich wäre er ein Langweiler gewesen. Die Fußballschuhe pink oder giftgrün, die Leibchen hauteng, die Unterarme grellbunt oder schwarzgrau tätowiert und in die Haare die verrücktesten Muster rasiert, willkommen im Reich der Pa-radiesvögel.

Clemens Haub ist auch so einer. Er spielt nicht international, eher regional, in der Bezirksliga, für die Freien Turner Schweinfurt. Er trägt aber immer das neueste Schuhwerk, aktuell silberne Treter mit angenähten neongelben Socken. Etwas höher leuchtet ein weiß-grauer Haarschopf, an den Seiten hat der Rasierer nur rappelkurze Stoppeln gelassen. Das nennt man dann Undercut, ist modern und provokativ. „Ich falle schon gerne auf“, erklärt der 26-Jährige. „Auf dem Feld bin ich extravagant, ganz anders als privat.“

Seine Mitspieler sagen, er sei ein „schwieriger Typ.“ Ein schlechter Verlierer, der mitunter anecke. „Aber ich lasse mich nicht provozieren.“ Als Angestellter im kaufmännischen Bereich hat der gebürtige Aschaffenburger viel Kundenkontakt, „sonst würde ich schon noch ein bisschen verrücktere Sachen machen“. Das wundert einen nicht, der Stürmer verrät: „Fußballerisch ist mein Vorbild zwar Jefferson Farfan, aber vom Typ stehe ich mehr auf Bad Boy Kevin Prince Boateng.“

„Auf dem Feld bin ich extravagant, anders als privat.“
Clemens Haub, Fußballer der FT Schweinfurt

Und der Deutsch-Ghanaer macht auch einigen Unfug mit dem Haupthaar, trägt gerne Brillanten im Ohr und ist sogar am Hals tätowiert. Die Sucht nach Nadel und Farbe feiert im Profifußball fröhliche Urständ. Einige Bildchen tun's nicht mehr, es muss schon der ganze Arm sein. Und nach dem Schlusspfiff wird gerne auch der „zugetackerte“ Oberkörper zur Schau gestellt. Beim Slowaken Martin Skrtel ist kaum noch Platz für weitere Malereien. Der Spanier Sergio Ramos hat bunte Hände, der Portugiese Ricardo Quaresma musste auf Beine und mit zwei „Tränchen“ gar auf das Gesicht ausweichen.

Gierig nach immer mehr Tattoos ist auch Marcel Wenzel. Auch er kickt nicht international, sondern lokal für den SC Heuchelhof, den TSV Rottenbauer und den ETSV Würzburg meist Kreisklasse. „Ich hab so viele Tattoos, weil mein Trainer auch so stark tätowiert war“, sagt der 29-Jährige scherzhaft. „Nein, Spaß beiseite, mir hat es schon immer gut gefallen.“

Ein Idol, dem er nacheifern würde, hat Wenzel nicht. „Geht schon nicht, weil meine Tattoos alle sehr persönlich sind, viel mit meiner Familie zu tun haben. Da steht zum Beispiel ein Spruch meines Opas: 'Wer gibt, wird immer haben'.“ Wenzel glaubt allerdings, dass es viele Nachahmer unter den Profikickern selbst gebe. „Wenn ein Superstar wie Messi total tätowiert ist, versuchen junge Spieler, ihm da nachzueifern und sich selbst hervorzuheben.“

Obwohl längst kein Oldie, waren dem Vertriebsdisponenten aus Würzburg Trend-Gimmicks oder Fußbekleidung, die ausschaut, als sei sie in einen Topf Leuchtfarbe gefallen, nie wichtig. „Ich halte das für Schwachsinn, in der A-Klasse oder Kreisklasse 250 Euro für einen Schuh auszugeben, weil man glaubt, dann schieße man Freistöße wie Beckham.“ Bunte Klebebänder pappt sich Wenzel aber schon mal auf die Haut. Sie nennen sich Kinesio-Tapes. Rot wärmt, blau kühlt, grün beruhigt, gelb stimuliert, schwarz stärkt – sagen die Hersteller. Und daran glauben Sportler, ganz besonders die Fußballer.

Und so lugen diese Kreppdinger schon auch mal in der B-Klasse unterm Trikotkragen hervor. Ob sie mehr bewirken als vor zwanzig Jahren die angeblich freiere Atemwege garantierenden Nasenflügel-Pflaster? Das dürfte in etwa so ungesichert sein wie Sinn oder Unsinn der Tape-Klebereien am Knöchel. Sie verhindern womöglich, dass Schienbeinschoner verrutschen, ganz sicher bringen die nach jedem Kick wieder entfernten und achtlos zu Boden geworfenen Fetzen jeden Platzwart auf die Palme.

Neuester Schrei: Socken mit Noppen, die einen noch festeren Stand im High-Tech-Kunststoff-Schuh gewährleisten sollen. „Tru Sox“ heißen die Dinger, sie kosten 35 Euro. Dafür dürfte ein ordentlicher Friseur auch ein paar Kreuzchen oder Kringel in die Haare rasieren. Bleibt die Frage: Wie haben Beckenbauer, Müller und Co. eigentlich mit schwarzen Schuhen, Baumwoll-Trikots oder Seitenscheitel einen schweren Original-Lederball zum Mitspieler oder ins Tor gebracht?

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