BOXEN

Der Sport als Schule für das Leben

Ein Afghane weckt den KSV Kitzingen aus dem Dornröschenschlaf.
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Wissbegierig und lernbereit ist Tamim Sakhizada sowohl beim Boxen als auch im täglichen Leben. Foto: Foto: Hartmut Hess

Der Kraftsportverein (KSV) Kitzingen hat seit längerer Zeit wieder einmal einen nordbayerischen Vizemeister der Boxer in seinen Reihen. „Das ist etwas Besonders für uns“, sagt Abteilungsleiter Maik Dreßler, doch in einem viel außergewöhnlicherem Licht erscheint die Geschichte von Tamim Sakhizada, der erst vor eineinhalb Jahren als unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland gekommen war.

Der 18-Jährige hatte vor zwei Jahren keine Zukunft für sich in seinem Heimatland gesehen und die Flucht nach Deutschland als einzige Perspektive auserkoren. Über sechs Monate schlug er sich zu Fuß, mit dem Bus oder als Tramper durch, ehe er es von Afghanistan nach Deutschland geschafft hatte. Zuerst wurde der damals 16-Jährige in Würzburg untergebracht und im Januar 2015 nach Marktbreit vermittelt. Dort hatte die Arbeiterwohlfahrt (AWO) die erste Einrichtung für unbegleitete Flüchtlinge eröffnet, was Tamim Sakhizada sein Einleben fern der Heimat erleichterte.

Unter der Regie des AWO-Einrichtungsteams wurden die minderjährigen Asylbewerber an einen strukturierten Alltag gewöhnt, belegten Deutsch-Kurse und bekamen langsam Kontakt zu ehrenamtlichen Betreuern und Marktbreiter Bürgern, die manche Dinge des Alltags – wie beispielsweise Fahrräder – spendeten. „Der Sport ist die beste Form der Integration für die Flüchtlinge“, weiß Einrichtungsleiter Georg Frank und wertet ihn als gutes Mittel, um die Persönlichkeit solcher jungen Leute zu stärken.

Aus dem Dutzend Jugendlicher zeigten sechs Interesse an einem Probetraining beim KSV Kitzingen, wovon Tamim Sakhizada es als bisher einziger zum Amateurboxer brachte, der offizielle Wettkämpfe bestreitet. „Tamim hat Talent und ein Engagement wie kein anderer der Flüchtlinge gezeigt“, lobt Maik Dressler. Box-Trainer Christoph Nagel erkannte bald die Qualitäten des afghanischen Energiebündels, und die KSV-Verantwortlichen feilten fleißig am Rohdiamanten. „Ich habe in meiner Heimat sonst nur etwas Kickboxen gemacht“, sagt der mit 1,61 Meter klein geratene Faustkämpfer bei seinem ersten Kontakt mit der Presse. „Tamim kompensiert seine Größen- und Reichweiten-Nachteile durch Schnelligkeit, Beweglichkeit und taktischen Fähigkeiten“, skizziert Maik Dressler die Stärken.

Nach knapp einem Jahr Training war es vor Monatsfrist so weit, dass der 18-Jährige seinen ersten offiziellen Wettkampf im Bantamgewicht (Klasse 60 bis 64 Kilogramm) bei einem Turnier in Erfurt bestritt. Diesen gestaltete er siegreich und verdiente sich damit die Qualifikation für die nordbayerische Meisterschaft. In Würzburg landete Tamim im Halbfinale einen Punktsieg über Ali Amiry (WVV Würzburg). Im Finale unterlag er zwar Mohamad Glaoui (Jahn Regensburg) nach Punkten, löste als Vizemeister aber das Ticket zu den bayerischen Titelkämpfen. Dort überzeugte der Afghane mit einer „sehr guten Leistung“, so Maik Dressler. Denn er brachte den Favoriten, den zweifachen Deutschen Meister Joshua Lederhofer (Polizei SV Augsburg), mehrfach in Bedrängnis, hielt sich drei Runden lang wacker und gestattete Lederhofer nur einen Punktsieg.

Maik Dressler attestiert seinem Schützling eine innere Ruhe, die wenige haben. „Er besticht für einen Anfänger mit einer bemerkenswerten Abgeklärtheit“, urteilt der KSV-Abteilungsleiter, der seinem Schützling einiges zutraut. „Er ist uneingeschränkt engagiert und nimmt von uns Trainern alles an“, beschreibt Dressler, welche Tugenden Tamim Sakhizada beherzigt.

Georg Frank stimmt Dresslers Worten zu, denn Tamim Sakhizada verinnerlicht den Boxsport als Schule fürs Leben. So engagiert er trainiert, so fleißig hat er die deutsche Sprache gelernt und besucht seit August 2015 die Integrationsklasse der Kitzinger Berufsschule. Er hat schon Praktika absolviert, hofft auf eine berufliche Chance und könnte es sich bestens vorstellen, eine Lehrstelle im Handwerk anzutreten. Vor ein paar Tagen kam für ihn der Wechsel aus der gut behüteten Gruppe in Marktbreit nach Iphofen, wo er in einem Haus mit 20 erwachsenen Asylbewerbern lebt und vor neue Herausforderungen gestellt wurde. Trotzdem wird er nicht ganz auf sich alleine gestellt bleiben, wie Jeanette Langbein versichert. Die ehrenamtliche Betreuerin aus Marktbreit und das AWO-Team wollen mit Tamim Sakhizada in Kontakt bleiben und ihn weiter unterstützen, damit er nach Kitzingen kommt, um dort an sich als Amateurboxer zu arbeiten.

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