Kitzingen

Der klassische Handball ist in Gefahr

Manche Regel wird sich ändern zur neuen Saison, nicht alles findet Zustimmung. Einiges sehen die Beteiligten gar als Angriff auf ihren Sport.
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Nach einer Behandlung auf dem Feld müssen Handballer in den obersten drei deutschen Spielklassen künftig auf die Bank und drei Angriffe der eigenen Mannschaft abwarten, bis sie wieder mitmachen dürfen.

Zur neuen Saison greifen im Handball einige neue Regeln. Manche haben Service-Charakter, andere indes greifen massiv in die Grundlagen dieses Spiels ein. Es wird komplexer und für die Zuschauer komplizierter. Maximilian Schmitt ist Kapitän des Handball-Drittligisten HSC Bad Neustadt Rhön. Der 24-Jährige hat sich Gedanken über die neuen Vorschriften gemacht – und kann sich mit einer Regel überhaupt nicht anfreunden.

Blaue Karte

Die Blaue Karte ist ein Service für die Zuschauer. Die Schiedsrichter zeigen sie mit der Roten Karte, wenn sie für besonders schwere Fouls oder für Unsportlichkeiten eine sogenannte Disqualifikation mit Bericht verhängen. Die gibt es schon lange und führt im Gegensatz zu einer reinen Disqualifikation nach drei Zeitstrafen oder Foul automatisch zu einer Sperre. Bislang war für Zuschauer nicht ersichtlich, ob die Unparteiischen einen Akteur mit oder ohne Bericht hinausstellen. Die Blaue Karte schafft Abhilfe. „Das ist informativ für die Zuschauer und absolut in Ordnung“, so Maximilian Schmitt.

Verletzte Spieler

Diese Regeländerung gilt nur von der dritten Liga aufwärts. Sie greift nicht im Amateurbereich. Sie besagt: Wird ein verletzter Spieler auf dem Feld behandelt, so muss er anschließend auf die Bank und dort die nächsten drei Angriffe seiner Mannschaft bleiben. Kontrolliert wird das vom Kampfgericht. Ein laufender Angriff der eigenen Mannschaft zählt als erster Angriff. Es gibt mehrere Ausnahmen: So wird die Regelung nicht angewendet, wenn

• der Gegenspieler des Verletzten für sein Vergehen mit einer Gelben oder Roten Karte oder mit einer Zeitstrafe belegt wird;

• der Torhüter am Kopf getroffen wird;

• ein Abwehrspieler sich nach einem Foul verletzt, für das er eine Zeitstrafe erhält. Er darf nach Ablauf der zwei Minuten zurückkehren, unabhängig von der Zahl der Angriffe der eigenen Mannschaft;

• die Pause dazwischenliegt.

Der Handball-Weltverband sah in der Sache Handlungsbedarf, da es im-mer öfter Situationen gab, „in denen ein Spieler medizinische Versorgung auf dem Spielfeld verlangt hat. Dies obwohl es nicht notwendig war, aber mit dem Ziel, den Spielrhythmus zu unterbrechen“, wie die International Handball Federation (IHF) erläutert. Tenor: Schauspielerei auf dem Handballfeld soll in Zukunft unterbunden werden. Schmitts Gefühle sind „zwiegespalten“, was diese neue Regel angeht. „Ich beurteile sie eher negativ.“

Schmitt befürchtet, die Regel könnte zweckentfremdet und das Spiel noch härter werden, indem beispielsweise die Hauptwerfer in den gegnerischen Reihen gezielt massiv attackiert werden, um sie in den entscheidenden Minuten der Partie zu einer Zwangspause nach einer Behandlung zu verdonnern. „Ich sehe die Gefahr, wenn es Spitz auf Knopf steht“, argwöhnt Schmitt.

Letzte 30 Sekunden

Fouls oder Behinderungen während der letzten 30 Sekunden eines Spiels, die darauf abzielen, dem Gegner eine Torchance zu rauben, führen für den Abwehrspieler zur Roten Karte. Dem gegnerischen Team wird außerdem ein Siebenmeter zugesprochen. „Ich glaube nicht, dass sich das groß aufs Spiel auswirken wird“, sagt Schmitt. Man müsse sich aber als Abwehrspieler der Konsequenzen eines Regelverstoßes bewusst sein und „clever agieren“.

Passives Spiel

Nachdem die Schiedsrichter das Vorwarnzeichen gegeben, also mit erhobener Hand drohendes passives Spiel signalisiert haben, bleiben der Mannschaft im Angriff maximal sechs Pässe, um ihren Spielzug abzuschließen. Grundsätzlich könne man sich jetzt etwas mehr Zeit nehmen, um seinen Angriff strukturiert zu Ende zu bringen, sagt Schmitt.

„Ich denke aber, das wird kaum vorkommen.“ Denn: Die Schiedsrichter können weiterhin schon vorher auf passives Spiel entscheiden, falls sie nicht den Eindruck haben, dass die Angreifer druckvoll den Torabschluss suchen. „In unseren Vorbereitungsspielen habe ich es nicht einmal erlebt, dass tatsächlich sechs Pässe zugelassen wurden“, sagt Schmitt.

Siebter Feldspieler

Der Torhüter kann durch einen Feldspieler ersetzt werden, ohne dass der Eingewechselte – wie in der Vergangenheit – mit Leibchen gekennzeichnet werden muss. Diese Möglichkeit besteht zwar weiterhin, „es wird aber niemand mehr machen“, glaubt der HSC-Kapitän. Schmitt findet für die Regel klare Worte: „Sie macht unseren Sport unattraktiver und den klassischen Handball kaputt.“

Weshalb? „Früher wusste man: Der Spieler mit dem Leibchen wirft nicht. Er musste zurück zur Bank, damit der Torhüter wieder eingewechselt werden kann. Darauf konnte sich die verteidigende Mannschaft einstellen. Jetzt kann jeder Spieler für den Torhüter ausgewechselt werden. Das macht es aber der verteidigenden Mannschaft viel schwerer.“

Vom Handball in Reinkultur mit sechs Feldspielern pro Team wird wenig bleiben, befürchtet Schmitt. Das habe sich schon gezeigt. „Bei unseren Vorbereitungsspielen wurde zu sechzig Prozent mit sieben gegen sechs gespielt.“

Klar, auch der HSC hat sein Repertoire um die Option erweitert, schließlich „muss man dafür gerüstet sein, es kann ja auch ein Vorteil sein“, so Schmitt, prinzipiell permanent in Überzahl agieren zu können. Schmitt stößt ein weiterer Aspekt sauer auf: „Zwei Minuten bedeuten nicht mehr zwangsläufig eine Bestrafung für eine Mannschaft.“ Schließlich kann man mit der neuen Regel den Torwart ersetzen und im Angriff in Gleichzahl agieren.



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