FUßBALL: Handicap-Nationalmannschaft

Der etwas andere Traum vom Nationalspieler

Dominik Großpietsch (TSV Gnodstadt) und Philipp Freudinger (FG Marktbreit/Martinsheim) verbindet die Liebe zum Fußball und eine Schädigung des Nervensystems.
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Müssen als Fußballer mit Handicap manchmal für Dinge kämpfen, die für gesunde Sportler selbstverständlich sind: der Schweinfurter Dominik Großpietsch (links) und der Marktbreiter Philipp Freudinger. Foto: Foto: Michael Bauer

Die Jungs sind lässig, sie sind cool. Sie haben überhaupt nichts dagegen, wenn von „normalen“ Kickern gesprochen wird – und damit von den anderen. Zu denen sie nur bedingt zählen. Denn Dominik Großpietsch und Philipp Freudinger haben ein Handicap. So heißt das offiziell, wenn mit den Gliedmaßen was nicht stimmt. Die Jungs sagen aber Behinderung. Ist ja auch egal, wie's genannt wird; sie haben gelernt, damit umzugehen, spielen trotzdem und vor allem gerne Fußball. Im Rundenbetrieb mit den „Normalen“ – aber auch in der Handicap-Nationalmannschaft. Darauf sind sie beide stolz.

Großpietsch und Freudinger teilen ein Schicksal: Cerebralparese. Das ist eine Schädigung im Nervensystem, hervorgerufen durch Unfälle oder Geburtstraumata. Wie bei Großpietsch, der mit starken motorischen Einschränkungen der gesamten linken Körperhälfte leben muss. Freudinger hatte als Baby einen Schlaganfall und leidet vorrangig an einer Hemiparese im rechten Arm. Beide haben beschränkt bewegliche Arme und schiefgestellte, verkrampfte Finger. Egal – gekickt wird trotzdem.

„Der Papa war Fußballer. Das wollte ich auch.“
Philipp Freudinger FG Marktbreit/Martinsheim

Philipp Freudinger kann's richtig gut, spielt jetzt in der U 19 der FG Marktbreit/Martinsheim, hat gute Chancen danach in die Kreisklassen-Reserve des Bezirksligisten aufzurücken. „Mein Vater wollte erst, dass ich Judo mache“, erinnert sich der knapp 18-Jährige. „Doch ich habe schnell gemerkt, dass das nichts für mich ist. Der Papa war Fußballer, das wollte ich auch.“ Mit Zehn ging's erst zu Bayern Kitzingen, recht schnell dann zur FG. Der Obernbreiter überzeugt die nichtbehinderten Jungs mit seinen Verteidiger-Qualitäten. Er muss sich aber immer mehr anstrengen. „Wenn ich auf einem Bein stehe, habe ich Gleichgewichtsprobleme. Beim Rennen ist es schwierig, wenn sich die rechte Hand plötzlich verkrampft. Und wenn ich müde werde, schlappt mein rechter Fuß hinterher. Ich muss für Dinge kämpfen, die für gesunde Sportler selbstverständlich sind.“

Da freut es den Bayern-Fan mit dem für sein Alter ungewöhnlichen Faible („mein Onkel ist aus der Landwirtschaft, dafür interessiere ich mich auch sehr“), dass es ihm alles in der Nationalmannschaft ein bisschen leichter fällt. Ja, Nationalmannschaft. Nationalmannschaft für der Fußballer mit Cerebralparese. Die gibt's, auch wenn sie nicht unter dem Dach des Deutschen Fußballbundes (DFB) läuft. Ex-Profi Thomas Pfannkuch (u.a. Borussia Mönchengladbach, Olympique Lyon und Eintracht Braunschweig) betreut das Team der Cerebralparese-Kranken und hat einen Kader von rund 25 Spielern beisammen. Dort ist Freudinger, anders als im Verein, Stürmer. Hat bei der Europameisterschaft 2014 in Portugal, wo Deutschland Neunter wurde, zwei Tore erzielt. Und hat einen Stammplatz. Der angehende Industriekaufmann ist jetzt im Sommer in Dänemark dabei, wenn Deutschland versucht, beim Qualifikationsturnier unter die ersten Drei zu kommen, um das Ticket für die Weltmeisterschaft in Argentinien zu lösen. „Das ist mein Ziel, das wäre mein Traum.“

Davon ist Dominik Großpietsch freilich ein ganzes Stück weg. Er wurde aus dem Kader für Dänemark gestrichen, hat aber zuvor an drei Wochenenden die Leistungslehrgänge in Braunschweig und in der Nähe von Freiburg mitgemacht. Als Verteidiger, obwohl er wiederum in seiner Klubmannschaft, der B-Klassen-Reserve des TSV Gnodstadt, Stürmer ist. Was ihm leidlich egal ist, Hauptsache Einsatzzeit. „Ich habe erst 2009 angefangen mit Fußball, damals noch in Zell bei Schweinfurt. Ich habe mich schnell damit angefreundet, dass ich vielleicht mal in der zweiten Halbzeit 15 Minuten eingewechselt werde“, sagt der 22-Jährige.

Der – anders als in der Schule – unter Fußballern nie Negatives erlebt hat: „Ich wurde nie gemobbt.“ Freudinger wird als CP 7 eingestuft, dem zweitgeringsten Cerebralparese-Handicap. Großpietsch ebenfalls. Und wäre lieber CP 6. „Im Herbst werde ich noch einmal untersucht. Ich liege schließlich am unteren Rand von CP 7.“ Schnelles Laufen fällt ihm schwer, er hat unübersehbare Koordinationsprobleme. „Als CP 6 wären Dominiks Chancen im Nationalteam besser, er würde uns da verstärken“, sagt Freudinger. Denn es müssen ab nächstem Jahr mindestens zwei Spieler dieser Kategorie aufgeboten werden, während maximal ein CP 8 dabei sein darf.

Klingt wesentlich komplizierter, als die Geschichte, wie Großpietsch zur deutschen Mannschaft gekommen ist, die unter den Fittichen des Deutschen Behinderten-Sportbundes (DBS) geführt wird. „Ich habe im Internet gesurft, einen Text gefunden mit der Überschrift 'Philipp dribbelt für Deutschland'. Ich wurde neugierig.“ Der Text drehte sich um Philipp Freudinger. Großpietsch googelte nach den Kontaktdaten des Trainers, meldete sich und wurde eingeladen. Der selbstbewusste Weg ist typisch für den Studenten der Medienkommunikation an der Uni Würzburg, der unmittelbar vor seinem Abschluss steht und gerne Sportredakteur werden will: „Man lernt als Behinderter, eine Selbstironie zu entwickeln, wird zielstrebig, ehrgeizig.“ Ganz nebenbei landete er über den Vater des neuen Nationalmannschaftskollegen, Werner Freudinger, auch beim TSV Gnodstadt, wo er sich binnen eines halben Jahres so gut integriert hat, dass er schon in der Abteilung ein Pöstchen übernommen hat.

Dass es bei den Handicap-Fußballern noch nicht so rund läuft für ihn, lässt ihn kalt: „Ich bin 22, Italiens Nationaltorwart Buffon spielt noch mit 38. Ich habe Zeit.“ Zumal der Cerebralparese-Fußball, bei dem auf U-13-Feldern Sieben gegen Sieben über zweimal 30 Minuten gespielt wird, in Deutschland eh noch in den Kinderschuhen steckt. In Russland beispielsweise existiert ein Ligenbetrieb mit über 40 Mannschaften, in der Eliteklasse wird sogar Geld mit dem Kicken verdient. Da gibt es, wie auch in den Niederlanden, Sportinternate für behinderte Jugendliche.

Doch Nationaltrainer Thomas Pfannkuch bewegt hierzulande schon einiges. Anfangs kickte in seiner Truppe, die 2013 aus einer spontanen Idee heraus entstanden ist, nicht ein einziger Vereinsspieler, jetzt überwiegend. Damit steigt auch der Konkurrenzkampf in der Nationalmannschaft. Für Philipp Freudinger überhaupt kein Problem, wenn es bissiger, leistungsorientierter wird: „Das ist bei uns doch nicht anders als bei den normalen Fußballern. Jeder will spielen, also gibt es Leistungsdruck. Ich will doch gar nicht, dass wir anders angefasst werden“ – gelebte Gleichberechtigung eben. Großpietsch sieht's grundsätzlich ähnlich („das soll nicht nur ungezwungenes Vor-sich-hin-Trainieren sein“), wünscht sich aber vom Nationaltrainer trotzdem einen Tick mehr Einfühlungsvermögen: „Ein paar nette Worte halt.

“ Auch wenn er weiß, dass Pfannkuch es nur gut meint, die Jungs anspornen will, um letztlich mittels sportlichem Erfolg auch die Hürden des Lebens etwas besser meistern zu können. Großpietsch: „Nicht umsonst sagt er immer: Ihr trainiert für euch selbst.“

„Wer weiß denn schon, dass es uns gibt?“
Dominik Großpietsch TSV Gnodstadt

Pfannkuch, der das Team gemeinsam mit der ehemaligen Bundesliga-Fußballerin Tina Klose betreut, bezeichnete seine Idee, Fußballern mit zerebralen Störungen eine sportliche Heimat zu schaffen, einmal als „Herkulesaufgabe“. Und wünscht sich, „dass es noch viel mehr Fußballer gibt, die mit uns kicken möchten, der Kader somit größer wird und dass es viel mehr Menschen gibt, die wissen, dass es uns gibt. Und wenn wir uns als Mannschaft etablieren und weiter verbessern, liegt der große Traum natürlich auf der Hand: die Teilnahme an den Paralympics.“ Für 2016 hat's nicht geklappt, ob die CP-Kicker im paralympischen Programm bleiben, ist offen.

Wie auch die Aussicht auf Ligenbetrieb in Deutschland. Obwohl es weitaus mehr CP-Kranke gibt, die auch Fußball spielen könnten, als der kleine Haufen von Pfannkuch. Philipp Freudinger hofft auf den DFB: „Wenn so ein großer Verband mit seinem Netzwerk uns als offizielle Nationalmannschaft führen würde, uns promoten, dann würde unser Sport auch mehr publik. Wer weiß denn schon, dass es uns gibt?“ Und nicht Jeder ist so hartnäckig beim Suchen wie Dominik Großpietsch.

ONLINE-TIPP

Mehr Informationen über Fußballer mit Cerebralparese erfahren Sie unter www.ifcpf.com

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