Handball: EM-Umfrage

„Das ist brutale Werbung“

Ein Trainer, der die Ruhe behält, ein Team, das von seiner Unbekümmertheit lebt: Das und mehr sagen lokale Handball-Experten über den EM-Erfolg der Deutschen.
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Steffi Placht hat zwei der aktuellen deutschen Handball-Nationalspieler in der Bayernauswahl trainiert. Foto: Foto: Andreas Stöckinger

Wenn in den vergangenen Tagen über Sport geredet wurde, dann meist über Handball. Der Sieg gegen Dänemark und der damit verbundene überraschende Einzug der deutschen Handall-Nationalmannschaft ins Halbfinale bei der Europameisterschaft in Polen freut natürlich die Handball-Trainer und Fachleute in unseren Breiten. „Für uns Vereine ist es gut, wenn Handball wieder in aller Munde ist. Das ist eine tolle Geschichte“, findet nicht nur Michael Burger von der HSG Mainfranken. Hier einige Stimmen vor dem Halbfinale an diesem Freitag gegen Norwegen.

Steffi Placht (Ex-Nationalspielerin, BHV-Auswahltrainerin und Trainerin des SV Michelfeld): Es ist phänomenal, wie die Mannschaft trotz der vielen Ausfälle auftritt. Das ist richtige Werbung für den Handball. Ich kenne Michael Kohlbacher gut. Ihn und Steffen Weinhold habe ich einst in der bayerischen Auswahl trainiert. Allen Respekt vor Trainer Dagur Sigurdsson, wie ruhig er agiert. So was überträgt sich auf die Mannschaft. Außerdem hat er taktisch einiges auf der Rolle, wie den überraschenden Viererblock beim Freiwurf-Tor gegen Dänemark. Glück gehört natürlich auch dazu. Die deutsche Abwehr muss weniger Fouls ziehen, weil die Spieler wissen, dass dahinter ein sehr guter Torwart steht.

Es passt alles zusammen, die jungen Spieler sind hungrig. Jetzt ist alles möglich. Ich freue mich auf das Spiel gegen Norwegen.

Michael Burger (HSG Mainfranken): Es ist eine Wahnsinnsleistung, die nicht zu erwarten war. Dass die deutsche Mannschaft so abgehen würde nach den vielen Verletzten im Vorfeld und mit den Ausfällen von Christian Dissinger und Steffen Weinhold, hätte ich nicht gedacht. Einige Spieler kannte ich vorher gar nicht, weil ich mir zuletzt höchstens mal Champions-League-Spiele angesehen habe. Mit den jungen Spielern macht das Zuschauen wieder mehr Spaß als noch vor ein paar Jahren. Man hat schon vergangenes Jahr bei der Weltmeisterschaft gesehen, dass es mit Trainer Sigurdsson wieder aufwärts geht. Für uns Vereine ist es gut, wenn Handball wieder in aller Munde ist.

Peter Mahler (Trainer HSG Volkach): Für uns Handballer ist das Auftreten der deutschen Mannschaft brutale Werbung. Als Einzelspieler sind die Dänen allesamt besser als wir. Bei uns war die Mentalität der Gewinner. Was mir gefällt: Da wird nicht herumgejammert, wenn einer ausfällt. Der Trainer hat die Situation angenommen, er hat die beiden Nachnominierten stark geredet. Ich bin ein absoluter Fan von ihm. Sigurdsson gibt den jungen Spielern Vertrauen, lässt sie auch mal Fehler machen. Nur so kann es funktionieren. Mit der Einstellung kannst du was erreichen. Im Halbfinale ist alles möglich, aber Norwegen kommt mit der selben Erfolgsstory. Kroatien oder Spanien wären mir als Gegner lieber gewesen.


Jens Ullmann (früher DDR-Auswahlspieler): Das Abschneiden zeigt: Wenn die Mannschaft intakt und geschlossen ist, ist so etwas möglich. Zugute kamen den Deutschen die jugendliche Unbekümmertheit und die überragende Torhüter-Leistung von Andreas Wolff. Der Trainer hat wohl alles richtig gemacht, der Erfolg gibt ihm recht. Er hat eine Mannschaft geformt, die durch dick und dünn geht und in der sich keiner profilieren will. Vielleicht waren die Verletzungen von Leistungsträgern gar nicht verkehrt: Es mussten andere in die Bresche springen.

Insgesamt geht es bei der EM sehr eng zu, von den ersten zehn Mannschaften kann jeder jeden schlagen. Jetzt stehen mit Norwegen und Deutschland zwei im Halbfinale, mit denen man nicht gerechnet hat. Ich freue mich aufs Spiel gegen Norwegen. Für uns sollte das Finale drin sein.

 Der Würzburger Carsten Lichtlein, Torhüter der deutschen Nationalmannschaft, grüßt Mainfranken vor dem Halbfinale per Video von der EM aus Polen:  

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