DIE WOCHE

Achtung, Feind hört mit!

Auf seinen Tagungen betont der Fußballverband die Harmonie mit den Vereinen. Aber wie passt das zu den Rückmeldungen, die diese Redaktion regelmäßig bekommt?
Artikel drucken Artikel einbetten

Der Chef ist gerade im Urlaub. Jetzt wäre die Gelegenheit günstig, mal so richtig abzulästern. Heißt es nicht: Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch? Also, lassen wir die Mäuse mal tanzen. Ich könnte jetzt beklagen, dass er immer zur schönsten Jahreszeit in die Ferien startet, und ich muss hier bei brütender Hitze in der Redaktion sitzen. Oder neulich, da hatte ich so eine Idee. „Wir könnten doch mal“, sagte ich, „etwas Neues . . .“ – „Nein, das haben wir hier schon immer so gemacht.“ Gut, und dann die Sache mit den Krümeln auf Tisch und Teppich, aber lassen wir das.

In gut zwei Wochen kommt der Chef wieder aus dem Urlaub, dann werde ich erst mal schön essen gehen mit ihm, er ist ja so ein Netter, und bestimmt fragt er, ob ich den nächsten Sonntagsdienst übernehmen könne – aber selbstverständlich kann ich, was für eine Frage. Ach, ist es nicht schön, die Offenheit, mit der wir Menschen einander vertrauen.

Gerade sind in den Regionen die Fußball-Sommertagungen über die Bühne gegangen, auf denen sich Vertreter von Vereinen und Verband begegnen.

Dass es diese Treffen gibt, hat in der Theorie den Sinn, dass die unterschiedlich gepolten Interessen- gruppen ins Gespräch kommen – in der Praxis sind daraus Rituale geworden, die sich allenfalls noch dadurch unterscheiden, dass sie jedes Jahr an einem anderen Ort zelebriert werden. Wer das Ganze als Stimmungstest an der so gern zitierten Basis sehen will, muss zum Ergebnis kommen: alles in bester Ordnung. Denn Widerspruch, Kritik gar, gibt es nicht.

Da lässt sich der Statthalter des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV) im Kreis Würzburg, Marco Göbet, mit den Worten zitieren – Augenblick, ich muss kurz nachschauen: Die Zusammenarbeit mit den Vereinen sei „harmonisch, ja nahezu freundschaftlich“. Trotz dieser an Freundschaft grenzenden Harmonie wäre es dem Verband, wie im Fall der Landesligatagung, lieber, die Presse würde draußen bleiben. Angenommen, es käme doch jemand auf die Idee und würde ein paar kritische Worte . . ., gut, das war jetzt, ein verrückter Gedanke.

Wie, so frage ich mich, passt die Harmonie zu den Bedenken und Kritikpunkten, die Vereine immer wieder vortragen? Leider nicht auf den dafür vorgesehenen Foren, sondern nur gegenüber der Reaktion.

Als Kronzeuge der Kritiker mag sich keiner zur Verfügung stellen; zu groß ist die Angst, unter den Vereinen als schwarzes Schaf stigmatisiert zu werden und bei den Mächtigen des Verbands in Ungnade zu fallen. Herrscht da draußen tatsächlich ein Klima der Angst? Oder sind das die berühmten Einzelfälle? In Zeiten, da der Fußball wie die ganze Gesellschaft vor einem gewaltigen Wandel stehen, bräuchte es die Kraft aller Beteiligten. Da hilft es weder, unliebsame Denker auszubooten, noch hinter dem Rücken zu schimpfen.

Erst diese Woche meldete sich in der Redaktion ein Anrufer. Der Mann, gut vertraut mit den internen Machtstrukturen im BFV, berichtete von den Problemen, die der kürzlich zurückgetretene Kreis-Juniorenleiter Christian Kurz zuletzt in seinem Amt erfahren habe. Der 25-Jährige sollte angesichts der rapide schwindenden Zahl von Juniorenmannschaften ein neues Spielkonzept erarbeiten. Aber beim Verband fiel er krachend durch mit seiner Idee.

Dem Anrufer ging es um den angeblich „rüden Umgang“ des BFV mit seinem ehrenamtlichen Personal. Auch ich hatte schon meine Probleme mit dem BFV. Einer seiner Funktionäre begrüßte mich vor nicht langer Zeit als „größten Feind des Bayerischen Fußballverbandes“.

Das sollte wohl ein Scherz sein, aber selbst falls es ernst gemeint war, ich kann damit leben. Schließlich werde ich dafür bezahlt, Dinge kritisch zu hinterfragen und dafür mitunter an den Pranger gestellt zu werden. Die Funktionäre des BFV arbeiten in der Regel ehrenamtlich oder für ein kleines Entgelt – genau wie die Funktionäre in den Vereinen.

Ernsthafte Gedanken würde ich mir erst dann machen, würde der Chef mich als Feind bezeichnen.

Verwandte Artikel

Kommentare (0)

Für diesen Artikel wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.